Gamestop: Graswurzler ärgern Hedgefonds-Giganten | Wirtschaft | DW | 27.01.2021
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Aktienmarkt

Gamestop: Graswurzler ärgern Hedgefonds-Giganten

Im Kampf David gegen Goliath ist ein Riese ins Straucheln geraten. In Anleger-Foren haben sich Kleinanleger zusammengetan und Hedgefonds zum Kampf gefordert. Die hatten auf den Kursverfall der Gamestop-Aktie gewettet.

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Gamestop: Flash-Mob an der Wall Street

Wer in diesen Tagen und Stunden - oder sogar nur für einige Minuten - dem Kursverlauf der Gamestop-Aktie folgt, dem kann leicht schwindelig werden: Am Mittwoch, kurz vor 10:00 Uhr, erreichen die Papiere in Euro ihren bisherigen Rekord bei knapp 260 Euro. Einige Minuten später sind es nur noch 188 Euro. Der Name ist hier Programm: Gamestop ist zu einem Spielball von Spekulanten geworden, die Aktie des Unternehmens hat sich in eine Oase für Zocker verwandelt.

Dabei ist das Spiel die Neuauflage eines Klassikers - David gegen Goliath. Auf der einen Seite stehen gigantische Hedgefonds, betrieben von Händlern und ManagerInnen, die sich auch gerne mal als Masters of the Universe bezeichnen. Auf der anderen Seite tauschen sich überwiegend junge Menschen in Internetforen und auf Plattformen wie Reddit über vielversprechende Anlagen und Trends an der Wall Street aus. In diesem Fall machen sie sich für eine ihnen liebgewordene Aktie stark - in diesem Fall eben Gamestop. Und sieh da: Die vielen kleinen Davids haben in der Schlacht gegen Goliath einen Sieg errungen.

Börsianer (hier an der Wall Street) sind Kursturbulenzen gewohnt. Aber was bei Gamestop abgeht, ist schon besonders

Börsianer (hier an der Wall Street) sind Kursturbulenzen gewohnt. Aber was bei Gamestop abgeht, ist schon besonders

Das große Zocken

Die Hedgefonds Citadel und Point72 mussten Melvin Capital zum Wochenstart mit 2,75 Milliarden Dollar unter die Arme greifen. Manche Experten meinen, damit haben sie vermutlich die größte Hedgefonds-Pleite seit dem Fall von Long-Term Capital Management (LTCM) Ende der 90er Jahre verhindert. Der hatte das globale Finanzsystem ins Wanken gebracht. Dem Wall Street Journal zufolge hatte sich Melvin unter anderem mit Gamestop-Aktien verzockt.

"Normalerweise findet das Spiel an der Börse statt zwischen den großen Firmen in ihren Hochhäusern, die mit Excel-Tabellen bewaffnet Firmenwerte berechnen", sagt Hendrik Leber, Fondsmanager beim Vermögensverwalter Acatis. "Hier haben wir Leute auf der Couch, die mitmischen. So eine Verschwörung - gewissermaßen der Kleinanleger gegen die 'finsteren Mächte der Shortseller' - das hat es in dieser Form noch nie gegeben."

Was war geschehen - und geschieht immer noch? Um das zu verstehen, lohnt ein Blick auf den Protagonisten, um den sich diese Schlacht dreht. Gamestop ist eine Einzelhandelskette. In mindestens 5000 Filialen weltweit verkauft das Unternehmen alles rund ums Gaming: Spielekonsolen, die Computerspiele selbst und Zubehör wie Kopfhörer, Tastaturen und Fanartikel zu den Games.

Angebot in einem Gamestop-Store: Noch zeitgemäß?

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Das Risiko der Leerverkäufer

Bis Sommer 2020 dümpelten Gamestop-Aktien bei unter fünf Dollar an der Börse vor sich hin. Aktuell ist das Unternehmen vor allem damit beschäftigt, seine Verkaufswege in der realen Welt in die Onlinewelt zu verfrachten und die Krise zu meistern. Hohe Zuwächse im Onlinegeschäft weckten Phantasien bei Anlegern, die Aktie stieg bis Jahresende auf knapp 20 Dollar, im Januar dann noch etwas weiter.

Das wiederum rief einige Hedgefonds auf den Plan, die auf einen Kursverfall der Papiere setzten. Solche Shortseller heißen auf Deutsch Leerverkäufer. Sie verkaufen Aktien, die sie gar nicht besitzen (daher "Leer"-Verkauf) und wetten mit ihnen auf fallende Kurse. Das können sie, indem sie sich die Aktien von deren Besitzern gegen eine Gebühr ausleihen. Im zweiten Schritt verkaufen sie die Papiere sofort am Markt. Fällt nun der Kurs, können sie die Papiere zu einem späteren Zeitpunkt günstiger zurückkaufen. Gelingt das, geben sie die Papiere ihrem Besitzer wieder zurück und streichen die Differenz abzüglich Leihgebühr als Profit ein. Im Fall Gamestop garnierten sie die Leerverkäufe mit Zweifeln, ob die Transformation von Gamestop in die Onlinewelt wirklich funktioniert angesichts der Konkurrenz durch Amazon & Co.

Das Besondere an diesem Fall: Gewöhnlich treten einzelne Großinvestoren an und verkaufen einen vergleichsweise geringen Anteil der insgesamt vorhandenen Aktien leer. In diesem Fall aber wurden 140 Prozent der Aktien von Gamestop leer gehandelt, was eigentlich unmöglich sein sollte. Offenbar wurden Aktien mehrfach leerverkauft: Der eine Besitzer verlieh sie einem Shortseller, der verkaufte sie am Markt, woraufhin der neue Besitzer sie wiederum weiter verlieh. "Eine so große Wette auch der Shortseller gegen die Amateure, das habe ich in dieser Größenordnung noch nie erlebt", meint Hendrik Leber.

Jedenfalls formieren sich die Amateure in einer der größten Anleger-Communities im Internet - vor allem auf der Plattform Reddit im Forum Wallstreetbets. Hier diskutieren sie eifrig und regen sich gegenseitig an, die Aktien zu kaufen, um den 'Plan' der Shortseller zu vereiteln. Durch die vielen einzelnen Käufe steigt der Kurs der Aktie und die Leerverkäufer stehen tatsächlich vor einem Problem. Denn wenn sie die Aktien nun zurückkaufen (müssen), schreiben sie Verluste.

Nächster Schauplatz Varta-Aktien?

Da die Aktien seit Freitag tatsächlich stark zugelegt haben, gerieten die Hedgefonds zunehmend unter Druck. Denn um die Wirkung zu verstärken lautet das erklärte Ziel der formierten Amateure, die Aktien lange zu halten. Besserung ist damit für die Shortseller zumindest kurzfristig nicht in Sicht. Folglich sehen sich die Shortseller gezwungen, schnell Aktien zurück zu kaufen, um Schlimmeres zu verhindern. Diese Rückkäufe wiederum katapultieren die Aktie weiter nach oben, was den Druck der Leerverkäufer weiter verstärkt. Am Ende zwang das den Giganten Melvin in die Knie.

Börsianer vermuten, dass sich auch andere Hedgefonds die Finger an Gamestop verbrannt haben. Am deutschen Aktienmarkt ist der Batteriehersteller Varta seit Monaten bereits ins Visier von Leerverkäufern geraten, nachdem die Aktie im vergangenen Jahr stark zugelegt hatte. In den vergangenen sieben Handelstagen sind die Papiere noch einmal um 40 Prozent nach oben geschnellt. Auch das führen Beobachter auf ein Ringen von Kleinanlegern mit den Shortsellern zurück.

Die Geschichte Gamestop übrigens läuft weiter. Kurz vor 12:00 Uhr am Mittwoch sind die Aktien auf einen neuen Rekord von fast 300 Euro gestiegen. Eine Stunde später notieren sie am Tagestief von 155 Euro und sind nur noch die Hälfte Wert. Wer sich an der Oase der Zocker laben und mitspielen will, muss den Verlust des eingesetzten Geldes mit ins Kalkül ziehen - und extrem starke Nerven haben.

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