1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Gambia: Debatte um Verbot von Genitalverstümmelung

Kate Hairsine
8. März 2024

Das gambische Parlament berät über einen neues Gesetz, das ein Verbot der weiblichen Genitalverstümmlung aufheben soll - die Frauenrechte sind bedroht.

https://p.dw.com/p/4dIyp
Afrika/Gambia: eine Hand hält ein selbstgemachtes Messer (von einem Nagel) mit flacher Spitze, ein Werkzeug für die Genitalverstümmelung
Mehr als 200 Millionen Mädchen und Frauen weltweit haben Genitalverstümmelung erlitten, schätzen die Vereinten NationenBild: Yasuyoshi Chiba/AFP/Getty Images

Mitglieder der gambischen Nationalversammlung haben einen Gesetzesvorschlag zur Aufhebung eines nationalen Gesetzes zum Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung (FGM, "Female Genital Mutilation") vorgelegt. Das kleine westafrikanische Land hatte FGM, auch Beschneidung genannt, bereits im Jahr 2015 ausdrücklich unter Strafe gestellt.

Doch die Praxis ist nach wie vor weit verbreitet: In Gambia sind etwa 73 Prozent der Mädchen und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten. Fast ein Drittel dieser Frauen waren jünger als fünf Jahre, als ihre Genitalien verstümmelt worden sind. Das geht aus dem Bericht zur Demografie und Gesundheit 2019/20 der gambischen Statistikbehörde hervor.

Die Mehrheit der Bevölkerung des Landes ist muslimisch - viele Menschen glauben, dass Genitalverstümmelung ein Gebot des Islam ist. Isatou Touray, ehemalige Vizepräsidentin und Gründerin der Anti-FGM-Organisation GAMCOTRAP, weist diese Auslegung entschieden zurück: "Wer hat das Recht, sich in das einzumischen, was Allah geschaffen hat und zu definieren, wie eine Frau auszusehen hat?" sagte Touray dem gambischen Medienunternehmen Kerr Fatou.

Bei der Beschneidung der äußeren Genitalien von Frauen werden häufig auch die Klitoris oder die Schamlippen entfernt. Gefährliche Gesundheitsschäden quälen die Betroffenen häufig ein Leben lang. Beschneidungen werden in Gambia mit bis zu drei Jahren Gefängnis, einer Geldstrafe von 50.000 Dalasi (736 Dollar bzw. 674 Euro) oder beidem bestraft. Führt FGM zum Tod, droht eine lebenslange Haftstrafe.

Debatte um Kriminalisierung von FGM

Die Debatte um FGM flammte Mitte 2023 auf, als das Gesetz erstmals zum Einsatz kam: Drei Frauen waren zu einer Geldstrafe von 15.000 Dalasi oder einem Jahr Gefängnis verurteilt worden - sie hatten an acht kleinen Mädchen im Alter zwischen vier Monaten und einem Jahr Genitalverstümmelungen vorgenommen. Zuvor waren nach Angaben von UNICEF nur zwei Personen verhaftet und ein Fall vor Gericht gebracht worden - ohne Verurteilungen oder Sanktionen.

Der jetzt von einzelnen Abgeordneten eingebrachte private Gesetzentwurf zur Abschaffung des FGM-Gesetzes argumentiert, das derzeitige Verbot verletze die Rechte der Bürgerinnen und Bürger auf Ausübung ihrer Kultur und Religion.

Afrika Guinea Weibliche Genitalverstümmelung: Mädchen sitzen auf nebeneinander mit weißen T-Shirts mit der Aufschrift: Ein unbeschnittenes Mädchen ist rein und vollständig
Anti-FGM-Projekt in Guinea: Mädchen tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Ein unbeschnittenes Mädchen ist rein und vollständig"Bild: Johanna De Tessieres/Plan International/dpa

Die Befürworterinnen und Befürworter der Genitalverstümmelung glauben, die Praxis könne Mädchen in der Pubertät und vor der Heirat "läutern". "Wenn es um den sozialen Aspekt geht, werden sie dir sogar sagen: 'Oh, es soll sicherstellen, dass du eine Jungfrau bleibst, denn wenn du die Klitoris hast, würdest du Sex haben wollen'", sagte die Frauenrechtlerin Esther Brown in einem Interview mit der DW.

Verletzung der Menschenrechte

Genitalverstümmelung ist laut Weltgesundheitsorganisation international als Verletzung der Menschenrechte von Mädchen und Frauen anerkannt. Neben starken Blutungen kann FGM eine Reihe schwerwiegender Gesundheitsprobleme verursachen, darunter Infektionen, Narbenbildung, Schmerzen, Menstruationsstörungen, wiederkehrende Harnwegsinfektionen, Unfruchtbarkeit und Komplikationen bei der Entbindung. Eine Studie über die gesundheitlichen Folgen von FGM in Gambia ergab, dass beschnittene Frauen ein viermal höheres Risiko haben, während der Geburt Komplikationen zu erleiden. Und dass Neugeborene ein viermal höheres Risiko haben, gesundheitliche Komplikationen zu erleiden, wenn die Mutter beschnitten wurde.

Angesichts der hitzigen Diskussionen über das Gesetz ist die Parlamentsberichterstatterin Arret Jatta nicht überrascht, dass der Gesetzesentwurf zugunsten der FGM im Parlament eingebracht wurde. "Fast alle Mitglieder der Nationalversammlung sind für die Aufhebung des Gesetzes - insbesondere die weiblichen Mitglieder der Nationalversammlung", sagte sie im DW-Interview.

Afrika: Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung

Es sind aber nicht nur Politiker, die sich für die Aufhebung des FGM-Verbots einsetzen: Nach der Verurteilung der drei Frauen 2023 zahlte ein Imam ihre Geldstrafen - und der Oberste Islamische Rat von Gambia erließ eine "Fatwa", ein Gesetz nach islamischem Recht, in der FGM nicht nur als "ererbter Brauch, sondern vielmehr als eine der Tugenden des Islam" bezeichnet wird. "Sie sollen unsere Mütter nicht ins Gefängnis stecken", sagte Iman Alhaji Kebba Conteh der DW, als das Parlament über den Gesetzentwurf diskutierte. "Wir wollen nicht, dass sie uns unsere Frauen wegnehmen und sie verhaften."

Fatima Jarju hat ihre Genitalverstümmelung überlebt. Heute sensibilisiert sie Frauen in Gambia für die Schäden der Prozedur. Die Debatte schade den Frauenrechten, sagte sie der DW: "Ich denke, das ist ein großer Rückschlag. Auch mit Blick auf unsere Menschenrechts-Standards und die Verpflichtung der Regierung, die Rechte von Frauen und Mädchen in diesem Land zu schützen."

Gesetz nicht immer wirksam

Gambia ist eines von 28 Ländern südlich der Sahara, in denen FGM praktiziert wird. In sechs dieser Länder gibt es keine nationalen Gesetze, die das Verfahren unter Strafe stellen. Gambia, dessen Parlament noch in diesem Monat erneut über das FGM-Gesetz beraten wird, könnte sich ihnen bald anschließen.

Afrika  Sierra Leone  Weibliche Genitalverstümmelung: Frauen halten Plakate mit Sprüchen wie "Aus für die Genitalverstümmlung" und marschieren durch Freetown
Frauen in Sierra Leone protestieren gegen die Praxis weiblicher GenitalverstümmelungBild: Saidu Bah/AFP

Rugiatu Turay lebt in Sierra Leone, einem der sechs afrikanischen Länder ohne Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung. Sie hat internationale Anerkennung für ihren Anti-FGM-Einsatz bekommen. Zu den Strategien, die sie anwendet, gehören die Entwicklung von Übergangsriten für Mädchen, die Suche nach alternativen Einkommensmöglichkeiten für die Beschneiderinnen sowie ein intensives Engagement in den Gemeinden.

Gesetze allein reichen nicht aus, um FGM zu bekämpfen, sagt sie - vor allem, wenn sie nicht durchgesetzt werden: "In Afrika werden in der Regel Gesetze erlassen, um die Partner der Geberländer zufrieden zu stellen. Aber wenn es um die Umsetzung geht, werden sie nicht befolgt", so Turay gegenüber der DW.

Stattdessen - beziehungsweise parallel dazu - müsste sich die kulturelle Einstellung ändern. Dafür seien mehr Initiativen auf Gemeindeebene erforderlich. Dadurch könnten regionale Oberhäupter und lokale Vorsteher einbezogen werden, aber auch die Beschneiderinnen und die Mütter, die Entscheidungen für ihre Töchter treffen. "Wenn jeder Bereich in unserem Land über den Schnitt und die Narbe - und ihre Folgen - spricht, werden wir FGM beenden", hofft die Aktivistin.

Mitarbeit: Sankulleh Janko in Banjul, Eddy Micah Jr. und George Okach