Gabriel Prokofiev: Elektro-DJ mit Klassik-Gen | Musik | DW | 16.09.2018
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Beethovenfest

Gabriel Prokofiev: Elektro-DJ mit Klassik-Gen

Der Londoner DJ Gabriel Prokofiev ist der Enkel von Sergej Prokofjew - und ebenfalls Komponist. Beim Beethovenfest präsentiert er mit "Beethoven9 Remix" eine elektronische Interpretation von Beethovens Neunter Sinfonie.

Als Gabriel Prokofiev als Teenager Ende der 1980er Jahre in Birmingham mit ein paar Kumpels seine erste Band gründete, eine Disco-Punk-Formation mit dem Namen "Spektrum", legte er sich ein Pseudonym zu: "Olegavitsch" wollte er mit Künstlernamen heißen, nach dem Vornamen seines Vaters. "Mein Nachname hat mich einfach gestört", gesteht er heute. "Alle sagten nur: 'Ach, sieh mal an - der Enkel vom großen Sergej Prokofjew hat sich der Popmusik verschrieben!'"

Großvater Sergej gilt als einer der bedeutendsten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Gabriel Prokofiev (dessen Familie die englische Schreibweise angenommen hat) wollte "als eigenständiger Komponist wahrgenommen werden und erst dann als Enkel eines anderen Komponisten."

"SymFusion" in Bonn

Dazu kam es ungefähr 20 Jahre später: Prokofiev absolvierte eine Musikhochschule, ging nach London, machte sich einen Namen als DJ, gründete ein eigenes Label und einen Nachtclub, der nicht von ungefähr "Nonclassical" heißt. Erst dann fing er an, klassische Musik zu schreiben - und zwar in einem Stil, der der neoklassizistischen Tonsprache von Sergej Prokofjew durchaus verbunden ist, aber auch elektronische Effekte einbezieht.

Gabriel Prokofiev (Rechte: ALAIN JOCARD/AFP/Getty Images)

Zwischen Partitur und Mischpult: Gabriel Prokofiev

Zwischen den Welten der elektronischen Klänge und der Klassik will der 43-jährige dreifache Vater keinen Widerspruch sehen: "Wir leben in einer Zeit, die nun einmal von diversen Einflüssen, Epochen und Stilen gleichzeitig geprägt ist." Gerade erst hat er im russischen Perm ein neues Album mit seinen klassisch angelegten Werken in Zusammenarbeit mit dem Ural Philharmonic Orchestra, einem der besten Klangkörper Russlands, aufgenommen. Darunter ist ein Konzert für Saxophon mit Orchesterbegleitung - und mit dem US-amerikanischen Jazz-Saxophonisten Branford Marsalis als Solist.

Nur wenige Tage später, am 15. September, ist er als DJ zu Gast beim Beethovenfest in Bonn. Mit "SymFusion" präsentiert er einen Remix der Neunten Symphonie von Beethoven, erweitert durch elektronische und visuelle Effekte - eine Fusion von Hören und Sehen.

Last der Familiengeschichte

Natürlich kann und will sich Gabriel Prokofiev von seiner Familiengeschichte nicht lossagen: "Ich identifiziere mich durchaus mit den Genen meines Großvaters, seinem Schaffensdrang, wobei ich ihn für viel begabter halte - ich habe nämlich keine Symphonien mit nur neun Jahren geschrieben wie er."

Sergei Prokofjew mit seiner Familie (gemeinfrei)

Sergej Prokofjew mit seiner Frau Lina und den beiden Söhnen Swjatoslaw und Oleg, dem Vater von Gabriel Prokofiev

Es ist aber keine einfache Familiengeschichte, die Gabriel Prokofiev begleitet. Sergej Prokofjew hatte zwei Söhne aus seiner ersten Ehe mit der Sängerin Carolina Codina. Diese war als Tochter eines Katalanen und einer Russin in Madrid geboren worden, trat unter dem Künstlernamen Lina Llubera auf - und ist Vorbild für "Prinzessin Linette” in Prokofjew Oper "Die Liebe zu den drei Orangen" (Uraufführung 1921).

Die Kinder, Oleg und sein Bruder Swjatoslaw, wurden in Paris geboren und mussten als Teenager ihre Eltern bei deren Übersiedlung nach Sowjetrussland begleiten. In dem für sie fremden Land erlebten sie viel Schmerzliches: 1941 verliebte sich der Vater in die junge Dolmetscherin Mira Mendelssohn und verließ die Familie. Die Mutter wurde als feindlich gesinnte Ausländerin festgenommen und verbrachte acht Jahre im Gulag. 1953 starb der Vater.

Erst in den 1970er Jahren konnten die Prokofievs in den Westen ausreisen, sie lebten fortan in Frankreich, Deutschland und Großbritannien, wo Gabriel 1975 - 22 Jahre nach dem Tod seines Großvaters - als jüngstes der Enkelkinder von Sergej Prokofjew geboren wurde. Seine Mutter ist eine Britin, er spricht kein Russisch, will es aber bei Gelegenheit lernen: "Die Kultur Russlands interessiert mich schon sehr, besonders die Musik. Stravinsky, Schostakowitsch, Gubaidulina, Prokofjew - das ist meine wahre russische Heimat."

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