Günter Wallraffs gefährliche Griechenland-Aktion | Europa | DW | 10.05.2019
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Europa

Günter Wallraffs gefährliche Griechenland-Aktion

Der Enthüllungsjournalist kämpft seit Jahren gegen soziale Missstände. Bekannt geworden ist er als Bild-Reporter Hans Esser und als Arbeiter Ali - doch seine risikoreichste Aktion erlebte er vor 45 Jahren in Athen.

Am 10. Mai 1974, während der griechischen Militärdiktatur, kettete sich Günter Wallraff an einen Laternenmast auf dem Syntagmaplatz in Athen, nachdem er Flugblätter verteilt hatte. Die Militärpolizei nahm ihn fest, er wurde gefoltert und zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt. Freigelassen wurde er einige Monate später, nach dem Sturz der Militärjunta. Im Gespräch mit DW-Griechisch blickt er zurück und beleuchtet seine damaligen Motive und Ziele.   

Die Diktatur um die Ecke - Griechenland 1967-1974

Am 21. April 1967 erfuhr das griechische Volk durch eine Rundfunkerklärung des Armeesprechers, dass das Militär die Macht im Land übernommen hatte und dass einige Artikel der Verfassung außer Kraft gesetzt worden seien. Zu den ersten Maßnahmen der Militärregierung gehörte die Inhaftierung von ehemaligen Politikern, bekannten Kommunisten und Demokraten. Die potenziellen politischen Feinde des neuen Regimes wurden festgenommen, zum Teil gefoltert und später in Konzentrationslagern auf den Inseln Jaros und Makronissos festgehalten. Generell entsprachen die repressiven Maßnahmen der griechischen Obristen den üblichen solcher Militärdiktaturen: Verhaftungen, Deportationen, Zensur, Verhöre, Folter und Versammlungsverbote.

Wallraff hatte vor seiner Aktion noch nie griechischen Boden betreten, aber er war dem Land durch griechische Freunde sehr verbunden. Die Situation dort war ihm auch durch einzelne Schicksale, vor allem durch griechische Gastarbeiter, die er aus Deutschland kannte, bekannt: "Entweder, weil sie verfolgt wurden oder ihnen Verfolgung drohte, oder Angehörigen Verfolgung drohte. Zum Teil wurden sie gefoltert ... und sie hatten Angst vor unserem hiesigen Verfassungsschutz."

Reporter Günter Wallraff nach Haftentlassung in Griechenland (Archiv Günter Wallraff)

Günter Wallraff wurde 1974 von Geheimpolizisten zu Boden geschlagen

Ein Ford-Arbeiter namens Hans Walter

Anfang Mai 1974 hatte er mit einer Delegation des "Ausschusses Griechenland-Solidarität" zum ersten Mal Athen besucht: "Nun wusste ich aber vorher durch andere Delegationen, wie wenig die bewirkten. Man spricht bei offiziellen Stellen vor, man wird überall mehr oder weniger mit Zweck-Antworten abgewimmelt. Und es ging hier auch um verschollene politische Gefangene, von denen man gar nicht mehr wusste, wo sie eigentlich sind. Da war mein Plan, weil ich ja alles selbst erleben muss: Du wirst jetzt selbst zu einem politischen Gefangenen. Mit der Absicht bin ich dahin und habe es der Delegation erst mal nicht eröffnet."

Seine Aktion hatte er schon im Vorfeld gut vorbereitet. Er wollte zuerst nicht, dass er als Deutscher identifiziert werden konnte, denn dann hätte die Gefahr bestanden, dass man ihn sofort abgeschoben hätte: "Ich hatte mein ganzes Gepäck bei der deutschen Botschaft deponiert, aber nicht gesagt, was ich mache. Das wäre heute auch nicht mehr möglich. Ich habe einen Zettel drauf geschrieben: Bitte bis zu meiner Rückkehr aufbewahren, wird allerdings einige Zeit dauern. Vielen Dank."

Wallraff wurde wegen seiner Aktion am 10. Mai 1974 auf dem Syntagma-Platz von Geheimpolizisten zusammengeschlagen, verhaftet und gefoltert. Seine Identität stand zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest: Er gab an, dass er Ford-Arbeiter sei und "Hans Walter" heiße. Erst als sie erfuhren, wen sie vor sich hatten, haben sie mit dem Foltern aufgehört.

"Irgendwann musste ich reden, sonst hätten sie mich halbtot geschlagen. Ich merkte, jetzt sind die anderen im Flugzeug und keiner ist mehr gefährdet - dann habe ich geblufft und gesagt, es wäre alles mit der Bundesregierung abgesprochen und ich kriege für jeden Tag auch Entschädigung... Als nachher mein ganzes Gepäck von der Botschaft gebracht wurde, wurde das irgendwie fast glaubwürdig."

Ein "Schwarzbuch" über die griechische Militärdiktatur

Reporter Günter Wallraff nach Haftentlassung in Griechenland (Archiv Günter Wallraff)

Der deutsche Journalist wurde nach seiner Haftentlassung von einer jubelnden Menge begrüßt

Günter Wallraff hatte für eine sehr lange Zeit gesundheitliche Probleme wegen der erlittenen Folter: "Kopfschmerzen und Konzentrationsprobleme, aber zum Glück ist nichts übrig geblieben... bis auf einen Zehennagel: Der fällt mir alle paar Jahre aus. Das ist immer noch eine Erinnerung." Wenn der Sturz ein paar Monate später nicht passiert wäre, hätten sie ihn bis zum letzten Tag absitzen lassen, um ein Exempel zu statuieren, sagt er heute. "Diese Aktion ist wahrscheinlich in meiner ganzen Zeit die risikoreichste gewesen."

In seinem Buch "Unser Faschismus nebenan. Griechenland gestern - ein Lehrstück für morgen" von 1975 hat Günter Wallraff seine Erfahrungen in und mit Griechenland niedergeschrieben. "Ich hatte eigentlich vor, aus dem Gefängnis immer stückweise Sachen rauszuschleusen und dann, während ich inhaftiert wäre, wäre dann ein Schwarzbuch entstanden", vermutet der heute 76-Jährige rückblickend.

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