Grande Dame der Literatur: Friederike Mayröcker ist tot | Kultur | DW | 04.06.2021
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Nachruf

Grande Dame der Literatur: Friederike Mayröcker ist tot

Sie trieb die deutsche Sprache bis zuletzt an ihre Grenzen, phantasievoll und mutig. Nun ist die österreichische Autorin mit 96 Jahren gestoben.

Autorin Friederike Mayröcker, das Haar offen, trägt ein schwarzes Kleid und mehrere lange Ketten. Sie lacht. Das Foto ist schwarz/weiß.

Bei einem öffentlichen Auftritt im August 2020 im Wiener Museumsquartier: Die Wiener Autorin Friederike Mayröcker

Die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker ist tot: Sie starb am Freitag im Alter von 96 Jahren in Wien, wie der Suhrkamp-Verlag mitteilte.

Rund 100 Werke veröffentlichte Mayröcker zeitlebens. Mit ihrem jüngsten Tagebuchband "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" war sie noch in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, der erst vor wenigen Tagen verliehen wurde. An der digitalen Verleihung konnte die Schriftstellerin schon nicht mehr teilnehmen.

Lyrik, Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Kinderbücher - kein Genre war dieser Grand Dame der Literatur fremd. 1924 in Wien geboren, veröffentlichte sie 1956 ihr erstes Buch unter dem Titel "Larifari: Ein konfuses Buch" im Bergland-Verlag in Wien. 1968 gewann sie mit Ernst Jandl den wichtigen "Hörspielpreis der Kriegsblinden". Daraufhin folgten unzählige deutschsprachige Literaturpreise, darunter der Georg-Trakl-Preis (mit Reiner Kunze) im Jahr 1977, der Große Österreichische Staatspreis 1982, der Friedrich-Hölderlin-Preis 1993 und der Georg-Büchner-Preis 2001, der wohl wichtigste deutsche Literaturpreis. Ihr literarisches Zuhause war der Suhrkamp-Verlag.

Surrealismus und Dada: eine einzigartige Stimme

Ein Germanistikstudium musste Friederike Mayröcker abbrechen, da die Familie auf ihr Einkommen angewiesen war. In den 1950er-Jahren fand sie Anschluss an die Wiener Literaturszene um Ingeborg Bachmann, Milo Dor und Hans Weigel. Entscheidend wurde 1954 die Begegnung mit dem Schriftsteller Ernst Jandl, mit dem sie bis zu dessen Tod eine intensive Lebens- und Arbeitsbeziehung verband. Mayröcker wendete sich durch Kontakte mit der Wiener Gruppe experimentellen Techniken wie Collage, Montage, Assoziations- und Traumarbeit zu. 23 Jahre lang übte die Büchner-Preisträgerin ihren ungeliebten Brotberuf als Englischlehrerin aus, bevor sie ihr Leben ganz dem Schreiben widmen konnte.  

Audio anhören 05:35

Schriftsteller-Podcast: Interview mit Ernst Jandl; aus: 3517647000

Die groß gewachsene, fast hagere Frau mit dem tiefschwarzen Haar war eine einzigartige Stimme in der deutschsprachigen Literatur: ihr Werk war geprägt von großer Sprachfantasie, dem Surrealismus und Dada, ihr Stil keiner bestimmten literarischen Landschaft zuzuordnen. In ungeduldigem, vorantreibenden Rhythmus entwickelte Mayröcker dichte, rätselhafte Metaphern.  

"Um Gottes Willen nur keine Story"

Vor allen Dingen aber wollte sie schauen, Zeuge sein und Zeugnis ablegen mit den Mitteln der Sprache über das Leben, den Menschen und die Welt, die uns umgibt. "Um Gottes Willen nur keine Story, sondern einfach schauen. Die Dinge anschauen, die Welt anschauen, das Leben anschauen", beschrieb sie laut der Deutschen Presseagentur in einem Interview ihr literarisches Credo.

Diese Eigenschaft hob auch die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse 2021 hervor: Mayröcker wolle "hellwach und neugierig auf die Welt blicken und ihr eine Kunst abgewinnen, die Wörter in Sternschnuppen verwandelt und die Sprache selbst als einen schier unerschöpflichen Zauberkasten begreift".

Bis ins höchste Alter blieb Friederike Mayröcker literarisch aktiv. In ihrem Tagebuchband "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete", der noch ein Jahr vor ihrem Tod bei Suhrkamp erschien, schreibt sie an einer Stelle: "Ich bin noch jung in meinen Träumen, in meinen Träumen bin ich high".

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