Frida Kahlo: eine selbst erschaffene Kunstfigur | Kultur | DW | 16.06.2018
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Victoria and Albert Museum

Frida Kahlo: eine selbst erschaffene Kunstfigur

Die Ausstellung "Frida Kahlo: Making Her Self Up" im Victoria and Albert Museum in London bildet mit zahlreichen privaten Stücken ab, wie sich die mexikanische Malerin selbst als Kunstfigur erfunden hat.

Das Vermächtnis von Frida Kahlo ist tief im kulturellen Gedächtnis Mexikos verankert. Doch zur Hälfte lassen sich Kahlos Wurzeln nach Deutschland zurückverfolgen - dort stammte ihr Vater Guillermo ursprünglich her. Er spielte eine enorm wichtige Rolle in ihrem Leben und regte ihre Kreativität an, bevor sie international anerkannt wurde.

Die Ausstellung ist seit 16. Juni im Victoria and Albert Museum in London zu sehen. Sie stellt vor allem dar, wie Kahlo ihre Identität aufbaute - durch persönliche Gegenstände, Kleidungsstil, Kosmetik, Fotos und eine eigene Kunstsammlung. Unter den mehr als 200 Ausstellungsobjekten befinden sich auch von ihrem Vater aufgenommene Fotos, so etwa auch ein Album mit Fotos von Kirchen.

Aus Carl Wilhelm Kahlo wird Guillermo

Guillermo Kahlo | Fotograf (Wikipedia/Museo Frida Kahlo)

Carl Wilhelm - Guillermo - Kahlo

Der in Pforzheim geborene Carl Wilhelm Kahlo wanderte im Alter von 19 Jahren nach Mexiko aus. Der Hintergrund: Nachdem Kahlos Mutter starb, heiratete sein Vater noch einmal. Das Verhältnis des jungen Kahlo zu seiner Stiefmutter war von Spannungen getrübt.

Da die Familie recht wohlhabend war, schenkte ihm sein Vater Geld, um nach Mexiko zu reisen und dort neue Erfahrungen zu machen. Er mexikanisierte seinen Namen in "Guillermo", kehrte nie nach Deutschland zurück, behielt aber Zeit seines Lebens seinen deutschen Akzent, wenn er spanisch sprach. Zunächst arbeitete der junge Kahlo in Mexiko für andere Deutsche. Er wurde Witwer, bevor er zum zweiten Mal heiratete, und zwar Matilde Calderón. Sie überredete ihn dazu, sich der Fotografie zuzuwenden, da ihr eigener Vater Fotograf war. Kahlo wurde für seine Bilder von "Landschaften, Gebäuden, Innenräumen", so hieß es auf seiner Visitenkarte, bekannt.

Bis 1904 hatte sich Kahlo als Fotograf etabliert und kaufte ein Grundstück in Coyoacán, außerhalb von Mexico City. Zu dieser Zeit hatten Guillermo und Matilde bereits zwei Töchter. Als dritte wurde 1907 Frida geboren. "In den späten 1890er Jahren etablierte Guillermo Kahlo sein Fotografiestudio in Mexico City. Als Kind half ihm [Frida] Kahlo in seiner Dunkelkammer und begleitete ihn zu fotografischen Aufträgen", erklärte Ana Baeza Ruiz, eine Forscherin am V&A Museum, der DW.

Ausstellung | Frida Kahlo, Making Her Self Up (Nickolas Muray Photo Archives)

Porträtfotografie Frida Kahlos von Nickolas Muray (1939)

Frida entwickelt ein Bewusstsein über ihr Image

"Von einem sehr jungen Alter an lernte Kahlo, für die Kamera zu posieren, wobei sie mit ihrem typisch trotzigen Ausdruck meist schnurstracks in die Linse starrte. Dieses Bewusstsein über den Betrachter durch das Auge der Kamera, aber auch ihre eigene Reflektion prägten die Entstehung ihres selbstgemachten Images", führt Ruiz aus. Und fügt hinzu: "Später formte sie dieses Image durch ihre Kleiderauswahl und ihre Malerei, vor allem, was ihre Selbstporträts angeht, getrieben sowohl von ihren kulturellem, wie auch ihrem politischen Engagement".

Der Beweis dafür, dass sich Frida über die Präsenz der Kamera bewusst wurde, findet sich auf einem Familienporträt, das von Guillermo geschossen wurde, als Frida 17 war. Damals trug Frida einen Herrenanzug.

"Es ist schwer, genau zu sagen, wie Kahlos Vater ihre Auswahl von Kleidung beeinflusst hat. Aber es war sicherlich ungewöhnlich für eine junge Frau, Männerkleidung zu tragen. Das hätte gegen die Modekonventionen der damaligen Zeit verstoßen", sagt Ruiz. "Kahlo hatte keine Angst, gegen den Strom zu schwimmen – in der Tat hat sie das sogar genossen, und das teilte sie wahrscheinlich mit ihrem Vater. Gemäß einer späteren Inschrift auf dem Foto gehörte der Dreiteiler, den sie da trug, ihrem Vater".

Guillermo Kahlos Lieblingskind

Frida Kahlo Porträt von 1939 (picture-alliance/AP Photo)

Frida Kahlo (Porträt von 1939)

Laut Historikern war Frida Guillermos Lieblingskind, da beide, Vater und Tochter, schwerwiegende Gesundheitsprobleme durchmachten. Guillermo litt 60 Jahre lang unter Epilepsie, und er kümmerte sich während ihrer zwei besonders schwierigen Genesungszeiten um Frida. Das Leiden, das sie beide durchmachen mussten, und der Trost, den sie sich gegenseitig schenkten, vertiefte ihre innige Verbundenheit. 

Im Alter von sechs Jahren infizierte sich Frida mit Kinderlähmung. Als Folge wurde eines ihrer Beine kürzer als das andere. Der widrigen Umstände zum Trotz ermutigte Guillermo sie, aktiv zu bleiben und Sport zu treiben. 

In ihrem 18. Lebensjahr wurde Frida Opfer eines schweren Verkehrsunfalls: Sie erlitt schwere Verletzungen an Wirbelsäule, Schlüsselbein, Hüfte und Becken. Monatelang war Frida ans Bett gefesselt. Die physischen und psychischen Folgeerscheinungen ihrer Verletzungen dauerten ihr Leben lang an. Guillermo brachte seine Tochter dazu, zu malen. Frida verwandelte ihre Genesungszeit in Kreativität. Umgekehrt umsorgte auch Frida ihren Vater, wenn er Epilepsie-Anfälle bekam. 

Selbstporträts versus Fotos

Der Einfluss Guillermos auf Frida wird in der Ausstellung im V&A Museum deutlich. Auf einer nicht beendeten Zeichnung, merkt Ana Baeza Ruiz vom V&A Museum an, hat Kahlo die Silhouette dreier Versionen von sich selbst entworfen. Diese Selbstporträts basieren auf drei Fotos, von denen mindestens zwei zwischen 1913 und 1926 von Guillermo Kahlo geschossen wurden.

Fotografie Frida Kahlo von Guillermo Kahlo (Wikipedia/Museo Frida Kahlo)

Fotografie Frida Kahlos von ihrem Vater, Guillermo Kahlo

"Hier fängt Kahlo den Übergang zwischen Kindheit und früher Jugend ein, wobei ihre Faszination von ihrem Selbstbildnis zum Ausdruck kommt. Aber sie verfolgt auch ihre Beziehung zur Kamera, ihrem Vater und dem Betrachter", sagt Ruiz. Die Fotos werden neben der Zeichnung ausgestellt, sodass die Besucher diesen Zusammenhang direkt beobachten können.

Vielleicht ist ihr Gemälde "Porträt meines Vaters" der stärkste Ausdruck von Fridas Liebe zu ihrem Vater. Zehn Jahre nach seinem Tod malte Frida Guillermo mit seiner Kamera", "wobei sie sowohl die intellektuellen wie auch die technischen Aspekte seines Berufs hervorhob", führt Ruiz weiter aus. Sein Blick ist seitwärts gerichtet und er sieht gut aus.

In der für sie typischen Ex-Voto-Signatur unten auf dem Gemälde beschreibt Frida den Charakter ihres Vaters als "großzügig, intelligent und höflich". Vielleicht ist das der stärkste Ausdruck ihrer Liebe für ihn - und des starken Einflusses, den er auf sie ausübte.

"Frida Kahlo: Making Her Self Up" wird vom 16. Juni bis 4. November 2018 im Victoria and Albert Museum in London gezeigt.

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