Freiheit oder neue Zwänge? 50 Jahre sexuelle Revolution | Lebensart | DW | 18.08.2018
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68er-Bewegung in Deutschland

Freiheit oder neue Zwänge? 50 Jahre sexuelle Revolution

1968 - ein von Rebellion geprägtes Jahr in Deutschland. Sich lossagen von Althergebrachtem, lautete die Devise der Revolutionäre an den Unis. Auch in Sachen Sex. Wie kam es dazu und was ist von der Sexrevolte geblieben?

Schwarz-weiß-Foto der Kommune 1 mit nackten Oberkörpern. (Werner Bokelberg)

Für viele Sinnbild der sexuellen Revolution: Die Kommune 1

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich in der BRD eine Sexualmoral durchgesetzt, die geprägt war von Tabus und Drohbotschaften: Wer sich selbst befriedigte, riskierte Rückenmarkschwindsucht oder abfaulende Hände; ein erigierter Penis galt als krankhafte Schwellung und der weibliche Orgasmus als schädlich.

Die Autorin und Journalistin Ulrike Heider - links zu sehen in jungen Jahren, rechts eine Aufnahme von heute. (privat)

Ulrike Heider damals und heute - in Büchern wie "Vögeln ist schön" und "Keine Ruhe nach dem Sturm" setzt sie sich mit der 68er-Bewegung auseinander

Sexualität sei etwas gewesen, von dem man nicht sprach, derer man sich schämte und die es vor Kindern und Jugendlichen zu verbergen galt, erinnert sich Ulrike Heider im DW-Interview. Die 1947 in Frankfurt am Main geborene Autorin und Journalistin war selbst Protagonistin der Studentenrevolte um 1968 und berichtet, dass sie erst von einer Studentin des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) "eine gründliche Sexualaufklärung" bekommen habe, für die sie noch heute dankbar sei.

"Meine Mutter nannte mich ein 'Flittchen'"

Der soziale und sexuelle Konservatismus der 1950er Jahre kam jedoch nicht von ungefähr: Klare Geschlechterrollen und romantisierte Häuslichkeit waren der Versuch, das Leben nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in geregelte Bahnen zu lenken. Alles sollte möglichst unauffällig erscheinen. "Meine Mutter erwartete von mir, mit spätestens Ende 20 einen wohlhabenden Arzt oder Rechtsanwalt zu heiraten, Kinder zu bekommen und ein Haus zu bauen. Als sie herausfand, dass ich - mit immerhin 21 Jahren - Sex mit meinem ersten Freund hatte, nannte sie mich ein ‘Flittchen‘", erzählt Heider.

Eine Familie sitzt bei Sonnenschein auf einer Wiese in einer bergigen Landschaft. (Imago/Gerhard Leber)

"Normal und unauffällig": Familienidyll in den 50er Jahren

Erst die Einführung der Antibabypille - in den USA am 18. August 1960, in Deutschland ein Jahr später - lockerte die Moralvorstellungen der prüden Adenauer-Ära der 50er und frühen 60er Jahre und ebnete den Forderungen der 68er-Bewegung nach mehr sexueller Freiheit den Weg: Die neue Verhütungsmethode ermöglichte es beiden Geschlechtern, nicht nur ein angstfreieres Sexualverhalten zu entwickeln, sondern trieb auch die Emanzipation der Frauen voran. Die hatten die Familienplanung nun in ihren eigenen Händen und machten Ausbildungen und Uniabschlüsse, statt Kinder zu kriegen.

Revolution einer ganzen Gesellschaftsordnung

Ab Mitte der 60er schwappte dann die Sexwelle durch die Medien: Werbefotografen, Zeitschriftenmacher, aber auch Pornografen zeigten viel nackte weibliche Haut; Sexualreformer, allen voran Oswalt Kolle, leisteten Aufklärungsarbeit im Film.

Szene aus Das Wunder der Liebe: Ein nackter Mann liegt im Schoß einer nackten Frau. (picture-alliance/Keystone)

Im Aufklärungsfilm "Das Wunder der Liebe" (1968) von Oswalt Kolle geht es um die Sexualität in der Ehe

Die jungen Revolutionäre an den Schulen und Universitäten wiederum gingen einen Schritt weiter. Sie hatten ein erklärt emanzipatorisches Interesse, sagt Heider. Ziel war es, die soziale Revolution, die bereits im Gange war, mit einer kulturellen und sexuellen Revolution zu verbinden. "Ihre Utopie war eine egalitäre Gesellschaft (…), in der Liebe und Sexualität von ihren moralischen, kirchlichen und staatlichen Fesseln befreit wären", erklärt die Autorin. "Traditionelle Ehe und Familie sollten durch neue, menschlichere Beziehungen, Liebesformen und Sexualbegegnungen ersetzt werden."

WGs und freie Liebe statt bürgerlicher Kleinfamilie 

Als Gegenmodell zu den bürgerlichen Vorstellungen von Liebe und Familie fungierten etwa die Kommunen, in denen die Leute unverheiratet in Wohngemeinschaften zusammenlebten und mit der Promiskuität experimentierten.

Es wurden Seminare und Arbeitsgruppen gegründet, in denen offen über sexuelle Praktiken und Probleme diskutiert wurde. "Und wer ungewollt schwanger war, trieb ohne Schuldgefühle ab", so Heider. Das Sex-Tabu war gebrochen! Genuss statt Fortpflanzung lautete die neue Devise.

Porträt der Feministin Margarete Stokowski. (Rowohlt Verlag)

Margarete Stokowski lieferte mit "Untenrum frei" einen wichtigen Beitrag zum Diskurs über Sexualität, Feminismus und das heutige Frauenbild

"Hier versuchte eine Generation zu zeigen, dass sie anders war als all diejenigen, die sich am größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte beteiligt hatten (…). Sprüche wie 'Make love, not war' (…) sollten klarmachen, dass Sex das Gute war, das man nun befreite, um gegen das Böse vorzugehen", schrieb die Autorin und Feministin Margarete Stokowski (Jg. 1986) passend dazu in ihrem Buch "Untenrum frei" (2016).

Revolution mit Mankos

Aber gerade den Frauen bescherte die Sexrevolte nicht nur neue Freiheiten, sondern mitunter auch neue Zwänge. Der Satz "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" bedeutete für Frauen, frei verfügbar zu sein, wenn sie nicht als verklemmt gelten wollten.

Auf Versammlungen ergriffen sie auch weiterhin seltener das Wort und "sollten lieber Flugblätter tippen statt zu sprechen, oder waren nur 'die Freundin von'", so Stokowski. Eines der Hauptprobleme sei gewesen, dass die Revolution zwar sexuell sein sollte, das Geschlechterverhältnis aber nicht in Frage gestellt wurde. Dies geschah erst mit der zweiten Welle der Frauenbewegung, die am 13. September 1968 durch Sigrid Rügers Tomatenwurf auf den SDS-Vorstand ausgelöst wurde.

Demonstrierende Frauen vom Aktionsrat zur Emanzipation der Frau des SDS im Jahr. (picture-alliance/dpa/M. Rehm)

Nach der sexuellen Revolution begann der Kampf der Frauen für mehr Mitspracherecht

"Erfolgreiche Sexualität ist Zwang" 

Und heute, 50 Jahre nach der sexuellen Revolution? Kann da die Rede von sexueller Selbstbestimmung sein? Die Antwort fällt ernüchternd aus.

Sexuelle Bilder sind allgegenwärtig - sei es in Filmen, der Werbung, Lifestyle-Zeitschriften oder der Popkultur; Pornos sind durch das Internet nahezu überall und jederzeit verfügbar und Erotikromane wie "Fifty Shades of Grey", in dem BDSM-Fantasien ausgelebt werden, sind im Mainstream angekommen.

Ein Großwerbeplakat mit Werbung für den italienischen Bademodenhersteller Calzedonia hängt im Hamburger Bahnhof. (picture alliance/M. Scholz)

Viel nackte Haut bedeutet nicht unbedingt mehr Freiheit - Werbung und Medien zeigen das immergleiche Frauenbild

Doch was auf den ersten Blick nach gelebter Freiheit aussehen mag, muss nicht unbedingt Ausdruck sexueller Selbstbestimmung sein. Während die "Fifty Shades"-Reihe für die einen ein emanzipatorisches Werk ist, sehen andere in ihr die gängigen Klischees bedient: Schüchternes, unbeholfenes Mädchen bekommt vom reichen und sexuell erfahrenen Mann die Welt erklärt; die Vorliebe für BDSM von Mr. Grey? Sie ist im Roman das Ergebnis einer schwierigen Kindheit und wird damit letztlich zur Anomalie degradiert.

Die Medien mit ihrer Omnipräsenz an makellosen Körpern wiederum vermitteln nur ein Frauenbild - jung, schlank und verführerisch - und setzen Frauen und Mädchen unter Druck, dem zu entsprechen. Die deutsche Komikerin Carolin Kebekus spricht sarkastisch davon, dass Frau von heute "fuckable" sein müsse - und wenn sie gerade erst Mutter geworden ist.

Auf ganzer Linie ist heutzutage Optimierung gefordert - sogar in Sachen Liebesleben. 1968 sei es nicht als Scheitern empfunden worden, wenn das Sexleben unerfüllt blieb, sagt die Soziologin und Geschlechterforscherin Imke Schmincke von der Ludwig-Maximilians-Universität München im DW-Interview. "Heute ist es ein verinnerlichter Zwang, eine gute, erfolgreiche Sexualität haben zu müssen."

Mehr Offenheit dank 68

Gegendemo zum Marsch für das Leben in Berlin. (picture-alliance)

Der Kampf um die sexuelle Selbstbestimmung ist noch lange nicht vorbei...

Ein halbes Jahrhundert nach der sexuellen Revolution gehen die Kämpfe für, aber auch gegen mehr Liberalisierung also weiter. Noch immer herrsche kein öffentliches Bild von sexuell aktiven Frauen vor, das nichts mit Schande zu tun habe, merkt Margarete Stowkowski an. Abtreibungsgegner- und Befürworter streiten um §219a, der die "Werbung" für Schwangerschaftsabbrüche untersagt, und Eltern laufen Sturm gegen einen Aufklärungsunterricht, in dem auch Homosexualität sowie Trans- und Intersexualität zur Sprache kommen. Indes ist die vielfach beklagte "Frühsexualisierung" zum Kampfbegriff rechtspopulistischer und rechtskonservativer Kreise geworden und fand 2016 sogar ihren Weg ins Grundsatzprogramm der Christlich Sozialen Union (CSU).

Für Ulrike Heider sind die Sieger der Geschichte klar: Es sind die "Sexualvermarkter, deren Befreiungsbemühungen sich in barem Geld ausgezahlt haben". Das Verdienst der Revoluzzer von 68 aber ist es, dass wir zumindest offen über all das debattieren können.

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