Folgenschwerer Irrtum bei Syrien-Luftschlag | Aktuell Nahost | DW | 17.09.2016
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Aktuell Nahost

Folgenschwerer Irrtum bei Syrien-Luftschlag

Die Waffenruhe in Syrien ist ohnehin akut gefährdet, nun räumt das Pentagon ein: Die US-geführte Militärkoalition hat syrische Regierungstruppen attackiert - wohl aus Versehen. Russland ist erzürnt.

"Die Koalitionstruppen glaubten, sie attackieren Daesch-Kampfstellungen", erklärten Vertreter des US-Verteidigungsministeriums. "Daesch" ist die arabische Bezeichnung für die Dschihadistengruppe "Islamischer Staat" (IS). Die Koalition habe die Luftangriffe aber "sofort eingestellt", als sie von russischer Seite darüber informiert worden sei, dass sie möglicherweise auf syrisches Militär ziele, so das US-Zentralkommando. Es verwies auf die "komplexe" Situation in Syrien mit verschiedenen militärischen Kräften und Milizen in nächster Nähe zueinander. "Aber Koalitionskräfte würden keine syrische Einheit wissentlich und absichtlich angreifen."

Berichte über viele Tote

Das russische Verteidigungsministerium sprach unter Berufung auf das örtliche syrische Kommando von mehr als 60 getöteten Regierungssoldaten. Etwa 100 seien verletzt worden. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte geht nach eigenen Angaben von mindestens 83 Toten und mehr als 120 Verletzten aus.

Wie die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana berichtete, wurden Stellungen der Armee in der Nähe eines Militärflughafens in der Provinz Dair as-Saur angegriffen. Es ist das Kernland der Islamisten, syrische Regierungstruppen kontrollieren hier nur kleine Gebiete. Direkt nach dem Luftangriff seien Kämpfer des IS am Boden in die Offensive gegen den Stützpunkt gegangen. Auch das IS-Sprachrohr "Amak" berichtete vom Vorrücken der Dschihadisten.

Schlagabtausch im Sicherheitsrat

Bei einer kurzfristig einberufenen Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates in New York erhob der russische Botschafter Witali Tschurkin schwere Vorwürfe gegen die USA. Es sei möglich, dass der "rücksichtslose" Luftangriff ausgeführt wurde, um die Umsetzung der mühsam ausgehandelten Waffenruhe zu behindern, sagte Tschurkin. Seine amerikanische Kollegin Samantha Power bezichtigte Russland der Effekthascherei. Die Einberufung einer Dringlichkeitssitzung sei "auf einzigartige Weise zynisch und scheinheilig", zumal Russland unzählige Angriffe auf die Bevölkerung durch das syrische Regime unbeantwortet gelassen habe. Zugleich drückte Power das Bedauern der USA aus, dass bei dem Angriff Menschen ums Leben gekommen seien.

Schon zuvor hatte Russlands Staatschef Wladimir Putin der US-Regierung vorgehalten, sie beschreite einen "gefährlichen Pfad". Seine Truppen vor Ort und die syrische Führung hielten sich an die Waffenruhe, betonte Putin. Allerdings nutzten die von den USA unterstützten Rebellen den Stopp der Kampfhandlungen, um sich "neu zu organisieren". Washington habe "offensichtlich das Bestreben, die Möglichkeit zur Bekämpfung der rechtmäßigen Regierung in Syrien" zu behalten.

Die Waffenruhe war am vergangenen Montag in Kraft getreten. Sie galt zunächst 48 Stunden, am Mittwoch wurde sie für zwei Tage verlängert. Am Freitag dann bot Russland eine erneute Verlängerung um 72 Stunden an - eine solche wurde offiziell aber nicht verkündet. Sollte die Feuerpause sieben Tage halten, wollen Russland und die USA - entsprechend ihrer Vereinbarung - eigentlich über ein gemeinsames Vorgehen gegen Dschihadisten beraten.

wa/cgn (afp, dpa, rtr)