1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Flugzeugmangel: Ticketpreise trotz sinkender Steuern teurer

5. Dezember 2025

Ticketsteuer, Luftsicherheitsgebühr: Die Standortkosten für die Flugbranche in Deutschland sind hoch. Doch der wahre Preistreiber ist der aktuelle Flugzeugmangel. Die Senkung der Luftverkehrssteuer scheint zu verpuffen.

https://p.dw.com/p/54XQe
Ryanair-Boeing 737 beim Start auf dem Flughafen Köln-Bonn
Weniger Verbindungen: Ryanair reduziert im Winterflugplan die Verbindungen vom Flughafen Köln/BonnBild: Jochen Tack/picture alliance

"Die Maßnahme wird verpuffen, die Senkung der Luftverkehrssteuer ist reine Symbolpolitik", erklärt Luftfahrtberater Gerald Wissel von der Consultingfirma Airborne Consulting. "Der Staat verzichtet auf Einnahmen, aber bei den Passagieren wird die Steuersenkung nicht ankommen", prognostiziert Wissel im DW-Interview.

Zwar sparten die Fluggesellschaften rund 15 Euro pro Ticket. Doch diese Entlastung, die in einigen Preisklassen dann Nachlässe von 50 Euro ausmachen könnte, würde aufgrund des dynamischen Preissystems der Airlines nicht weitergegeben.

Laut Wissel verdeckt die laute Kritik an den hohen Standortkosten in Deutschland ein ganz anderes Problem, nämlich den Mangel an Flugzeugen. Billigflieger wie Easyjet und Ryanair hätten ihre Verbindungen in Deutschland nicht wegen hoher Gebühren und Abgaben reduziert, sondern weil ihnen "schlicht und ergreifend die Flugzeuge fehlen".

Frankreich Airbus-Werk in Toulouse
Nachfragestau: Bei Airbus nimmt die Anzahl der Aufträge zu, die Produktion kommt nicht immer hinterherBild: Sebastien Lapeyrere/MAXPPP/picture-alliance/dpa

Teurer Standort Deutschland

Die Bundesregierung hatte Mitte November angekündigt, die Luftverkehrssteuer ab 1. Juli 2026 auf das Niveau vor der letzten Erhöhung ab Mai 2024 zu senken. Dies wurde im Koalitionsvertragfestgelegt.

Die Luftverkehrswirtschaft, die über zu hohe Standortkosten in Deutschland klagt, begrüßte die Entlastung. "Die Bundesregierung hat der jahrelang steigenden Kostenspirale bei Steuern und Gebühren für den Luftverkehr ab Deutschland ein Ende gesetzt. Das ist ein wichtiges Signal", erklärte Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft(BDL). 

Durch die in Aussicht gestellten Entlastungen würden die staatlichen Standortkosten für Luftverkehr ab Deutschland um rund zehn Prozent gesenkt. Allerdings seien in den kommenden Jahren weitere Schritte erforderlich, damit Deutschland am Boom des Luftverkehrs in Europa teilhaben könne.

Einbruch durch Corona überwunden

Das Wachstum spiegelt sich in den Statistiken wider. Nach Angaben der europäischen Flughafen-Vereinigung "Airports Council International Europe"(ACI) ist das Passagieraufkommen auf europäischen Flughäfen 2024 um 7,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr angestiegen. Auch in Deutschland nimmt der Flugverkehr zu.

Luftfahrtbranche braucht mehr Crews

Nach Angaben des Statistikamtes Destatisstieg die Anzahl der steuerpflichtig beförderten Fluggäste in Deutschland von 62 Millionen Passagieren 2022 auf 81 Millionen im vergangenen Jahr. Allerdings ist das Vor-Corona-Niveau noch nicht wieder erreicht: 2019 wurden 96 Millionen Menschen befördert. 

Im Gegensatz zu den Passagierzahlen haben die Einnahmen aus der Luftverkehrssteuer (siehe Grafik) das Vor-Corona-Niveau bereits weit übertroffen. Seit der Einführung der Abgabe 2011 unter der schwarz-gelben Regierungskoalition stiegen die Einnahmen von 963 Millionen Euro auf 1,88 Milliarden Euro im vergangenen Jahr.

Luftverkehrssteuer - Segen für den Haushalt 

Nicht nur in Deutschland, auch in vielen anderen Ländern gehören Luftverkehrssteuern- und Abgaben zum festen Bestandteil der nationalen Budgetplanung, wie auch eine Untersuchung der Internationalen Luftverkehrs-Vereinigung IATA (International Air Transport Association) zeigt. 

"Die Luftverkehrssteuer und vergleichbare Steuern in anderen Ländern werden in Europa zusätzlich zu den Infrastrukturentgelten erhoben und fließen - in aller Regel - ohne Zweckbindung in den allgemeinen Haushalt," erläutert Frank Fichert, Professor für Touristik und Verkehrswesen an der Hochschule Worms, im DW-Gespräch.

Natürlich könne der Staat Steuern und Gebühren senken, allerdings müssten die Einnahmenrückgänge dann durch Mehreinnahmen an anderer Stelle kompensiert oder durch Einsparungen ausgeglichen werden - ein angesichts der aktuellen Haushaltslage schwer vorstellbares Szenario.

Weltweite Flotte veraltet

Fichert stellt klar: "Passagiersteuern sind deshalb ein wichtiger, aber nicht der einzige Faktor, der sich auf die Attraktivität eines Standortes auswirkt."

Ein weiterer, oft nicht thematisierter wichtiger Faktor sind fehlende Flugzeuge. Nach einer neuen IATA-Untersuchunghaben die Fluggesellschaften weltweit mit einem beispiellosen Mangel an Flugzeugenzu kämpfen, der noch ein weiteres Jahrzehnt andauern könnte.

Der Verband warnt vor einer "fehlenden Flotte" von mehr als 5000 Flugzeugen aufgrund von Produktionslücken in der Pandemiezeit, aufgeschobenen Stilllegungen und Auftragsrückständen.

Das Durchschnittsalter der weltweiten kommerziellen Flotte beträgt mittlerweile 15 Jahre und sei damit das höchste in der Geschichte der Luftfahrt. Hinzu kommt ein struktureller Pilotenmangel.

Ryanair und EasyJet streichen Flüge

Luftfahrtexperte Wissel erklärt, dass Ryanair und EasyJet besonders stark vom Flugzeugmangel betroffen sind. "Ryanair soll 400 Flugzeuge in der Auslieferung haben, 100 als Ersatz und 300 zum Wachstum", erklärt er. Das gleiche gelte für EasyJet.

Auf die beschlossene Senkung der Luftverkehrssteuer reagierten beide Fluglinien verhalten. EasyJet kündigte zwar an, die Sitzplatzkapazitäten 2026 zwischen zwei bis vier Prozent zu erhöhen. Dies liege unter dem konzernweiten Durchschnitt von rund sieben Prozent, sagte Deutschland-Chef Stephan Erler gegenüber dem Portal "Airliners".

Auch Ryanair hat Verbindungen in Deutschland gestrichen. Berlin verliert dadurch im Januar 76 von 246 wöchentlichen Flügen. Köln/Bonn büßt 44 Frequenzen ein.

Luftfahrtexperte Wissel findet es "verständlich, wenn Airlines die knappen Ressourcen dort einsetzen, wo sie am profitabelsten sind". Doch Deutschland sei der größte Luftverkehrsmarkt in Europa. Seine Prognose: "Wenn die Flugzeuge wieder da sind, kommt Ryanair zurück. Denn Ryanair will der Lufthansa nicht das Feld überlassen."

Kommentarbild Astrid Prange
Astrid Prange de Oliveira DW-Redakteurin mit Expertise für Brasilien, Lateinamerika, Globalisierung und Wirtschaft@aposylt
Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen