Flucht nach Brasilien | Globale Zusammenarbeit | DW | 23.09.2013
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Globale Zusammenarbeit

Flucht nach Brasilien

Der Krieg in Syrien zwingt immer mehr Menschen zur Flucht. Einige suchen auch in Brasilien Schutz. Doch dort tut man sich im Umgang mit den Flüchtlingen schwer. Dabei bestehen engste menschliche Bindungen in die Region.

Eine Syrerin ist mit ihrem kleinen Kind auf dem Arm auf der Flucht (Foto: picture-alliance/dpa)

Auf der Flucht: Eine Syrerin mit ihrem Kind. Wo sie Asyl finden wird, ist ungewiss

Bis zum Frühjahr 2011 leisteten die Mitarbeiter der brasilianischen Botschaft in Damaskus im Bezug auf Einreiseformalitäten Routinearbeit. Knapp 100 Anträge pro Jahr nahmen sie entgegen. Doch dann brach in Syrien die Gewalt aus, und immer mehr Syrer entschlossen sich, ihr Land zu verlassen. Fortan verzeichneten die brasilianischen Diplomaten einen sprungartigen Anstieg der Einreiseanträge. Auch, nachdem der brasilianische Botschafter in Syrien im Juli 2012 seinen Amtssitz von Damaskus nach Beirut verlegte, wurde die Arbeit nicht weniger. Insgesamt bearbeiteten die Botschaftsmitarbeiter bis zum Herbst 2012 rund 1000 Anträge auf Einreise.

Flüchtlinge sind auch im Ausland nicht sicher

Syrische Flüchtlinge in der Türkei (Foto: picture alliance/abaca pixel)

Teilweise unerwünscht: syrische Flüchtlinge in der Türkei

Die Syrer hätten allen Grund, ihre Heimat zu verlassen, erläutert Lama Fakih, im Beiruter Büro von Human Rights Watch zuständig für die Opfer des Bürgerkriegs im Nachbarland. Die Flüchtlinge in den Lagern nahe der türkischen Grenze seien weiterhin Luftangriffen der syrischen Regierung ausgesetzt. Hilfsgüter erhielten sie in sehr begrenztem Umfang. "Das liegt vor allem daran, dass die syrische Regierung es nicht erlaubt, Hilfsgüter in das Land zu bringen", so Fakih im Gespräch mit der DW. Selbst die Vereinten Nationen seien verpflichtet, ihre Hilfsprogramme über Damaskus laufen zu lassen. "Das verzögert die Hilfe sehr."

Und wenn sie die syrischen Grenzen hinter sich gelassen haben, sehen sich die Flüchtlinge weiteren Problemen gegenüber: Rund zwei Millionen haben schon ihre Heimat verlassen, und einige Nachbarländer haben inzwischen restriktive Maßnahmen erlassen. Die Türkei, Jordanien und der Irak weisen inzwischen Flüchtlinge ab. Am längsten hat laut Menschenrechtler Fakih noch der Libanon seine Grenze offengehalten. Doch seit August lasse auch der Zedernstaat nicht mehr alle Syrer einreisen: "Außerdem haben alle vier Nachbarstaaten den Flüchtlingen keinen gesetzlichen Status verliehen, der ihnen Schutz bietet."

Durch die Geschichte ist Brasilien mit dem Nahen Osten verbunden

So flüchten immer mehr Menschen in andere Länder - auch nach Brasilien. Den Sprung über den Atlantik haben aber bisher nur wenige geschafft: Derzeit halten sich in Brasilien 261 syrische Flüchtlinge auf, erklärt ein Pressesprecher des brasilianischen Außenministeriums auf Anfrage der DW.

"Das ist eine extrem niedrige Zahl, wenn man bedenkt, dass der Krieg fast zwei Millionen Menschen zu Flüchtlingen machte", erläutert Mauricio Santoro, Politikwissenschaftler an der renommierten Hochschule "Fundação Getúlio Vargas" und Berater von Amnesty International Brasilien. Dabei hätte Brasilien durchaus Anlass, weitere Flüchtlinge aufzunehmen, erklärt Santoro mit Blick auf die brasilianische Geschichte. Im späten 19. Jahrhundert entschlossen sich angesichts wachsender ökonomischer Schwierigkeiten immer mehr Araber - insbesondere Syrer, Libanesen und Palästinenser - zur Ausreise. Viele fanden eine neue Heimat in Amerika - auch in Brasilien. Der Einreisestrom wurde über weite Teile des 20. Jahrhunderts zwar schmaler, riss aber nie ganz ab. Einen neuen Schub brachte der libanesische Bürgerkrieg (1975 bis 1991). Heute haben rund 15 Millionen Brasilianer arabische Wurzeln. Deshalb habe Brasilien einen starken Bezug zu den Geschehnissen in Syrien, so Santoro. "Denn viele derer, die in Syrien töten und sterben, haben Verwandte und Freunde in Brasilien."

Brasilien öffnet sich Flüchtlingen nur zögerlich

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff (Foto: AFP/Getty Images)

Zögerlich im Umgang mit Flüchtlingen: Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff

Dennoch hat Brasilien bislang nur wenige syrische Flüchtlinge aufgenommen. Das habe auch historische Gründe, sagt Felix Dane, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Brasilien. "Die Frage der Flüchtlinge ist in Brasilien seit dem Zweiten Weltkrieg generell eher zurückhaltend diskutiert worden. Man hält sich gerne aus internationalen Konflikten raus." Darum habe Brasilien bis heute sehr wenige Flüchtlinge aufgenommen. Dies ändere sich nun. Nach dem Erdbeben auf Haiti 2010 nahm Brasilien viele Menschen auf.

Dennoch leben derzeit nicht mehr als rund 4000 Flüchtlinge in Brasilien. "Das ist natürlich für eine Bevölkerung von 200 Millionen sehr wenig", sagt Dane. "Es wird aber generell über die Frage gesprochen, unabhängig von den syrischen Flüchtlingen. Die Diskussion um das Thema war eingeschlafen, nun erwacht sie wieder."

Veraltete Gesetze verhindern die Anerkennung von Flüchtlingen

Die nach Brasilien geflohenen Syrer stehen vor bürokratische Herausforderungen. So müssen sie nachweisen, dass sie einen festen Wohnsitz haben und nicht vorbestraft sind. Dabei sei offensichtlich, dass die Menschen angesichts der tragischen Umstände, in denen Syrien sich befindet, solche Nachweise nicht erbringen könnten, sagt Mauricio Santoro und fordert: "Brasilien sollte darum weniger strenge Anforderungen stellen."

Ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee birgt einen Kameraden (Foto: Reuters)

Schrecken des Krieges

Für die Regierung spielen auch Sicherheitsaspekte eine Rolle. Sie fürchtet, unter den Flüchtlingen könnten sich auch radikale Islamisten befinden, die dem Land schaden könnten. Santoro weist das Argument zwar nicht grundsätzlich zurück, verweist aber darauf, dass die meisten Flüchtlinge Frauen und Kinder seien. Problematisch sei vielmehr etwas anderes: die brasilianischen Einreisegesetze. Diese stammten noch aus der Zeit der Militärdiktatur. Diese habe damals ausländische Oppositionelle aus dem Land halten wollen. Die Zeit solch restriktiver Vorgaben sei aber vorbei, so Santoro. Die Zeit sei über das Gesetz hinweggegangen. "Es passt nicht zu den demokratischen Werten und der Gesetzgebung Brasiliens."

Die Redaktion empfiehlt