Finnen schmelzen Bochumer Werk ein | Wirtschaft | DW | 02.10.2013
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Wirtschaft

Finnen schmelzen Bochumer Werk ein

Neue Hiobsbotschaft für die Ruhrgebietsstadt: Nach dem Abzug von Nokia und dem Aus beim Autobauer Opel schließt nun auch der finnische Weltmarktführer sein Edelstahlwerk in Bochum.

Erst Nokia, dann Opel und nun auch noch Outukumpu. In Bochum hat man den Glauben an Zusagen von Konzernen inzwischen verloren. Nachdem der finnische Konzern Outukumpu unerwartet die Schließung des Edelstahlwerkes schon für 2014 angekündigt hat, droht der Ruhrgebietsstadt im nächsten Jahr ein massenhafter Verlust von Industriearbeitsplätzen. Denn auch Opel macht ebenso wie der finnische Edelstahlkonzern das Werk in Bochum zwei Jahre früher als geplant dicht.

Zu dem Verlust von rund 4.000 Arbeitsplätzen bei Opel fallen nun noch 450 Arbeitsplätze bei Outukumpu weg. Gefährdet sind durch die Schließung des Edelstahlwerkes außerdem fast 1.000 Stellen im direkt benachbarten Walzwerk von ThyssenKrupp, in dem der Edelstahl bislang weiterverarbeitet wird. Bochum, heißt es im Rathaus, trifft es knüppeldick.

Vor knapp zwei Jahren hatte der finnische Konzern die Edelstahlsparte "Inoxum", zu der auch das Bochumer Werk gehört, von ThyssenKrupp übernommen. Zum Preis von 2,7 Milliarden Euro. Mit dem Einstieg in Deutschland stieg Outukumpu zum Weltmarktführer beim Edelstahl auf. Besiegelt wurde die Übernahme in einem Vertrag, der auch eine Bestandsgarantie für das Bochumer Werk bis 2016 enthält. Bisher planten die Finnen erst 2015 eine Wirtschaftlichkeitsprüfung, um danach zu entscheiden, ob das Werk fortgeführt oder stillgelegt werden soll.

Heinrich Hiesinger vonThyssenKrupp AG (2.v.L.) und Mika Seitovirta von Outokumpu (Mitte) bei einer Pressekonferenz nach der Übernahme von Inoxum Foto:Martin Meissner/AP/dapd

Mika Seitovirta von Outokumpu (Mitte) bei einer Pressekonferenz nach der Übernahme von Inoxum im Jahr 2012.

Bei der Entscheidung, den Standort Bochum schon 2014 zu schließen, handelt es sich nach Überzeugung der IG Metall um einen glatten Vertragsbruch. Der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Guntram Schneider spricht von einem Skandal und zieht Parallelen zum finnischen Handy-Hersteller Nokia, der Anfang 2008 das bis dahin rentable Werk in Bochum über Nacht dicht machte.

Immenser Arbeitsplatzverlust

Bei der Schließung des Nokia-Werkes waren rund 4.000 Arbeitsplätze auf der Strecke geblieben. In den Etat der Stadt riss der Umzug Nokias nach Rumänien ein Loch von jährlich 25 Millionen Euro bei den Gewerbesteuereinnahmen. Fast 1.000 ehemalige Nokia-Mitarbeiter haben bis heute noch keinen neuen Job gefunden. Bislang lag Bochum mit einer Arbeitslosenquote von zehn Prozent noch im Mittelfeld der Ruhrgebietsstädte. Doch ein Anstieg ist programmiert: Spätestens mit der Entscheidung des Autobauers Opel, die Produktion bereits im kommenden Jahr einzustellen – und nicht wie ursprünglich verabredet erst 2016.

Der SPD-Politiker Guntram Schneider, Minister für Arbeit, Integration und Soziales in der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen, aufgenommen am 02.06.2013 in Köln. Foto: Horst Galuschka

NRW-Arbeitsminister Schneider spricht von einem Skandal

Wie das riesige Werksgelände des Autobauers künftig genutzt und für welche Neuansiedlungen es erschlossen werden soll, darüber befinden sich die Gespräche, die das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Bochum mit Opel führen, noch im Anfangsstadium. Das gilt auch für die damit verbundenen Kosten und den möglichen Anteil, den Opel beisteuern soll. Mit dem Rückzug von Opel und nun auch noch der finnischen Edelstahlkocher droht Bochum nicht nur ein immenser Abbau von Arbeitsplätzen, sondern auch ein Imageverlust als Standort, fürchtet die Industrie- und Handelskammer Mittleres Ruhrgebiet.

Konzerne halten nicht ihr Wort

Der nordrhein-westfälische IG-Metall-Chef Knut Giesler will alle rechtlichen und politischen Mittel ausschöpfen, um die angekündigte Schließung zu verhindern. Auch wenn die Gewerkschaft jetzt eine eigene Wirtschaftlichkeitsprüfung für das Bochumer Edelstahlwerk angekündigt hat, gibt es für Outukumpu-Chef Mika Seitovirta keinen Grund zum Einlenken. Der Abbau soll nach seinen Worten zwar so sozialverträglich wie möglich gestaltet werden, doch Kündigungen will er schon zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen. Denn mit der Schließung des Bochumer Werkes, so Seitovirta, ließen sich eindeutig höhere Kosteneinsparungen erzielen als mit jedem anderen Szenario.

Nach eigenen Angaben drücken den finnischen Weltmarkführer Schulden in Höhe von drei Milliarden Euro. Vor allem billiger Edelstahl-Import aus Fernost und enorme Überkapazitäten auf dem europäischen Markt hätten den Konzern in Bedrängnis gebracht. Dass das Bochumer Werk bei den Strompreisen seit diesem Jahr nicht mehr von der Ökostromumlage befreit worden ist, habe bei der Entscheidung angeblich keine Rolle gespielt.

Rückschlag beim Strukturwandel

Die Bochumer Belegschaft dagegen glaubt vielmehr, dass Outukumpu die Edelsparte von ThyssenKrupp einzig für eine gezielte Marktbereinigung übernommen habe. Und in deren Zug werde nun ihr Werk geopfert, obwohl Outukumpu-Werke in Italien weit weniger rentabel seien. In der SPD-Landtagsfraktion macht nach den bitteren Erfahrungen mit Nokia inzwischen der Begriff "Finnenkapitalismus" die Runde.

Das Aus bei Opel und dem Edelstahlwerk stellt für Bochum einen herben Rückschlag im ohnehin nicht abgeschlossenen Strukturwandel dar. Darüber täuscht auch nicht der immer wieder vorgebrachte Hinweis hinweg, dass der mit 5.600 Mitarbeitern größte Arbeitgeber in der Stadt, die Ruhr-Universität, Zukunftsperspektiven für viele Unternehmen eröffne. Doch den immensen Abbau von Industriearbeitsplätzen können andere Branchen nicht auffangen.

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