Der stille Tod der Frauen | Europa | DW | 25.11.2019
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Gewalt gegen Frauen

Der stille Tod der Frauen

Frankreich gehört zu den Ländern mit den höchsten Femizidraten in Europa. Mit elektronischen Fußfesseln für gewalttätige Männer will Paris nun gegensteuern. Schützt der neue Gesetzentwurf die Frauen besser?

Für Annick Gauthier ist es ein unfassbarer Schicksalsschlag. Seit der Ermordung ihrer Tochter Hélène im März 2017 fühlt sie sich innerlich leer und ausgelaugt. Die 28-jährige Hélène wurde von ihrem ehemaligen Freund in der Nähe von Reims im Nordosten Frankreichs ermordet. "Sie hatten sich sechs Wochen zuvor getrennt, und seitdem hat er sie belästigt", sagt Annick Gauthier. "Eines Morgens passte er sie an dem Reitstall ab, wo sie arbeitete, und versuchte, die Trennung rückgängig zu machen. Als sie sich weigerte, zog er ein Messer hervor und stach ihr ins Herz und in die Lunge."

Es vergeht keine Minute, in der die Mutter nicht an ihre Tochter denkt. Doch ihr Gehirn blendet aus, was wirklich passiert ist. "Ich glaube, das ist ein Schutzmechanismus, ansonsten würde ich verrückt werden. Ich kann einfach nicht glauben, dass ich meine Tochter niemals wiedersehen werde."

Frankreich Femizid l Annick Gauthier, Mutter von Hélène Gauthier

Unfassbares Leid: Annick Gauthier trauert um ihre ermordete Tochter Hélène

Gefahren kleinreden

Die 57-jährige Mutter macht nicht nur den Ex-Freund für den Tod ihrer Tochter verantwortlich. Sie beklagt auch fehlende Schutzmaßnahmen von staatlicher Seite. "Zwei Wochen vor dem Mord hat er die Fensterscheibe eingeschlagen und ist bei ihr eingebrochen", erzählt sie. "Er war davon überzeugt, dass sie mit jemand anders zusammen war und wollte ihr Angst einjagen."

Annick Gauthier erzählt, dass ihre Tochter bei der Polizei Anzeige erstattet und danach heulend die Wache verlassen habe. "Die Polizei hat die Gefahr heruntergespielt und sie nicht ernst genommen. Sie haben nicht erkannt, wie gefährlich der Mann war und das Verfahren eingestellt. Ich bin so wütend auf dieses patriarchale System, in dem Männer sich gegenseitig schützen. Und Frauen eben nicht."   

Mehr als 130 Frauenmorde im Jahr

Der Mord an Hélène Gauthier ist kein Einzelfall. Allein in diesem Jahr sind in Frankreich mehr als 130 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern umgebracht worden. Die Frauenrechtsorganisation "#NousToutes" ("Wir Alle") hat auf ihren Social Media Accounts in den vergangenen Jahren alle Fälle aufgezählt.

Die Gruppe organisiert regelmäßig Veranstaltungen und Proteste, um öffentlich auf die Gefahr von Frauenmorden hinzuweisen. Bei der jüngsten Aktion legten sich im Osten von Paris zwölf Frauen auf die "Place de la Bastille". Neben ihnen tönten aus aufgestellten Lautsprechern die rekonstruierten Hilferufe an die Polizei.

Frankreich Femizid - Organisatorin von #Noustoutes, Camille Caratti

Mit einer Aktion an der Place de la Bastille protestieren Aktivistinnen gegen die wachsende Gewalt an Frauen

"Ich habe mich gerade von meinem Freund getrennt, und jetzt bedroht er mich und sagt, dass er mich umbringen will", sagt eine weibliche Stimme. Die Antwort der männlichen Stimme: "Das sind lediglich verbale Drohungen. Hat er Sie jemals geschlagen?"

"Er hat mich beschimpft und geschlagen, nachdem klar war, dass ich ihn betrogen hatte", antwortet daraufhin wieder die weibliche Stimme. "Das ist sehr befremdlich", erwidert der männliche Gesprächspartner und rät der Frau, sich wieder zu melden, wenn sie sich wirklich bedroht wäre.

Fußfesseln für gewalttätige Männer

Für Camille Caratti, Mitglied von "#NousToutes", ist diese Reaktion ein Zeichen dafür, dass die vorherrschende Mentalität beim Thema Gewalt gegen Frauen sich dringend ändern muss. "Wir versuchen, so viele Veranstaltungen dieser Art wie möglich zu organisieren, damit klar wird, wie stark Frauenmorde in Frankreich verbreitet sind", sagt sie. "Die Zahlen steigen. Dabei hätte jede ermordete Frau gerettet werden können, wenn die Regierung entschiedener gegen Femizide vorginge."

Frankreichs Regierung hat mittlerweile reagiert. Nach wochenlangen Beratungen mit Frauenorganisationen und Familienangehörigen von Opfern ist nun ein Gesetz in Arbeit, das Femizide bekämpfen und vermeiden soll.

Frankreich Femizid l Frauenhauses in Tours - Fabienne Colboc

Fragestunde im Frauenhaus mit Abgeordneten der der Regierungspartei "La République en marche"

"Die neuen Regeln sehen elektronische Fußfesseln vor, um gewalttätige Männer auf Abstand zu halten. Außerdem können Richter innerhalb von sechs Tagen Annäherungsverbote verhängen, und es sollen mehr Frauenhäuser eröffnet werden", kündigt Fabienne Colboc, Mitglied von Präsident Macrons Partei "La République on marche", an.

Der Gesetzesentwurf liegt dem französischen Parlament zur Abstimmung vor. Je nach Ausgang der Beratungen, so die Ankündigung der Regierung, könnten weitere Gesetzesvorlagen folgen.

Schulungen für Polizisten

Annick Gauthier gehört zu den Angehörigen von Opfern, die an den landesweiten Konsultationen teilgenommen haben. "Ich bin wirklich zufrieden, dass wir jetzt über Fußfesseln für Männer sprechen", sagt sie. "In Spanien hat das gut funktioniert." Ein entscheidender Punkt allerdings fehlt ihrer Ansicht nach in dem aktuellen Gesetzentwurf - ein Punkt, der vielleicht sogar das Leben ihrer Tochter hätte retten können: ein spezielles Verhaltenstraining für Polizeibeamte.

Video ansehen 03:33

Frankreich: Gesetzespläne zum Schutz von Frauen in der Kritik

"Die Polizisten müssten von ihrem hohen Sockel herunterkommen und den Frauen, die um Hilfe bitten, wirklich zuhören. Wenn eine Frau sagt, sie fühlt sich bedroht, dann müssen sie alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um sie zu schützen." Die Wirklichkeit sieht anders aus. "Wir wissen, dass viele Frauen, die zur Polizei gehen und um Hilfe bitten, abgewiesen werden", sagt Annick Gauthier. "Und die sind jetzt tot."

Gauthier hofft darauf, dass die Regierung einen Passus, der psychologisches Training für Polizisten vorsieht, doch noch in den Gesetzesentwurf mit aufnimmt. So könnten vielleicht einige Frauen gerettet und ihre Familien verschont werden - von dem Schicksalsschlag, den auch sie durchleiden musste.

 

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