FC Bayern erleidet Tiefschlag im Westen | Sport | DW | 12.02.2022
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Bundesliga

FC Bayern erleidet Tiefschlag im Westen

Der FC Bayern zeigt beim VfL Bochum eine desolate erste Hälfte und verliert am Ende mit 2:4. Die wilden Minuten vor dem Halbzeitpfiff werden auf beiden Seiten im Gedächtnis bleiben - mit sehr unterschiedlichen Gefühlen.

Bedient: Thomas Müller und der FC Bayern erlebten gegen den Vfl Bochum ein Sechs-Minuten-Debakel

Bedient: Thomas Müller und der FC Bayern erlebten gegen den Vfl Bochum ein Sechs-Minuten-Debakel

Von diesem Spiel wird noch weit über den 22. Bundesliga-Spieltag der Saison 2021/22 die Rede sein. "Zieht den Bayern die Lederhosen aus" hallte es kurz vor dem Pausenpfiff durch das Stadion in Bochum. Und es handelte sich hierbei keinesfalls um Zweckoptimismus des Bochumer Anhangs. Im Gegenteil: Ihr Team hatte dem Rekordmeister in den Minuten zuvor tatsächlich die sprichwörtlichen Lederhosen ausgezogen und einen 0:1-Rückstand in eine 4:1-Führung verwandelt.

Einige kurze Momente der Ungläubigkeit wichen schnell der Euphorie und Feierstimmung, gut 8.000 Fans feierten, sangen und lagen sich beseelt in den Armen. Lediglich bei den Gästen aus München blieb die Ungläubigkeit länger. Trainer Julian Nagelsmann saß nahezu regungslos auf Bank und brauchte offenbar etwas länger, um zu realisieren, was gerade geschehen war. 

Fans und Sonne strahlen um die Wette

Nach dem Spiel war Nagelsmann gefasster und räumte auch eigene Fehler ein. Er hätte "früher handeln müssen", sagte der Bayern-Trainer und sprach bei "Sky" von einem "verdienten Sieg" für den Aufsteiger. "Man kann immer ein Spiel verlieren. Aber bei allem Respekt für den Bochum: nicht so." Nagelsmann beschrieb den Auftritt seines Team im ersten Durchgang als "relativ spannungslos". Und spannungslos war vor dem Spiel auch die Flutlichtanlage, denn eine Störung in unmittelbarer Nähe des Bochumer Stadions hatte einen Stromausfall zur Folge. Das Licht an den vier Flutlichtmasten blieb zunächst aus, auf Herbert Grönemeyers Kulthymne an "sein Bochum" musste auch verzichtet werden. 

Doch das machte an diesem Samstag-Nachmittag in Bochum überhaupt nichts aus, denn "tief im Westen" wurde die Partie unter strahlendem Sonnenschein angepfiffen. Und dem "Kaiserwetter" folgte die Galavorstellung des VfL, dabei hatte es zu Beginn der Partie zunächst nicht danach ausgesehen. Robert Lewandowski brachte den Favoriten in der 9. Minute mit 1:0 in Führung, "Bayern business as usual" lag in der Bochumer Luft. Doch es sollte anders kommen. "Wir wollen zeigen, dass wir im Vergleich zum Hinspiel etwas gelernt haben", hatte VfL-Trainer Thomas Reis vor dem Spiel in Erinnerung an die 0:7-Klatsche in München - Bochums höchste Bundesligapleite überhaupt - gesagt. 

Sechs Minuten wie im Rausch

Reis hatte seinem Team zuletzt außerdem attestiert, in der Offensive "nicht bundesligareif" zu sein. Ob der Trainer seine Spieler mit diesen Aussagen motivieren wollte oder mit Blick auf den Sahnetag seiner Offensivleute gegen Bayern einfach nur kollosal daneben lag, weiß wohl nur er selbst. Es wird dem ehemaligen VfL-Defensivspezialisten aber so oder so egal sein, denn was er und die VfL-Anhänger zwischen der 38. und 44. Spielminute mit ansehen durften, verdiente das "Prädikat Extraklasse". 

Fußball Bundesliga | FC Bayern München - VfL Bochum

Beginn der Vier-Tore-Halbzeit: Christopher Antwi-Adjei trifft zum 1:1 für den VfL Bochum

Erst besorgte Christopher Antwi-Adjei den Ausgleich für die Gastgeber, ehe Jürgen Locadia (38. Elfmeter), Cristian Gamboa (40.) und Gerrit Holtmann (44.) in einem sechsminütigen Spektakel auf 4:1 stellten und sich dabei mit Toren, eines schöner als das andere, übertrafen. "Da sind wir wieder beim Tor des Monats", feixte der Stadionsprecher nach Gamboas Treffer zum 3:1, einem satten Vollspannschuss in den Winkel des Münchener Tores. Und als würde er nach dem sehenswerten Treffer des Kollegen seinen eigenen Anspruch auf das Tor des Monats demonstrieren wollen, legte Gerrit Holtmann noch einen drauf: Der herrliche Schlenzer des Flügelstürmers, dessen Treffer nach einem famosen Sololauf in "Messi-Manier" in der Hinrunde gegen Mainz in der ARD-Sportschau zuerst zum Tor des Monats und dann sogar zum Tor des Jahres 2021 gewählt wurde, war nicht nur das schönste Tor des Jahres, sondern auch der Schlussakkord in Bochums historischem sechsminütigem Offensivrausch. 

Fast wie 1976

Und an Historisches fühlte man sich auch gleich erinnert: 1976 hatte der VfL den gen großen FC Bayern schon einmal mit einer herben Packung in die Halbzeitpause geschickt. 4:0 hatte es damals zur Halbzeit geheißen. Doch trotzdem hatte damals der FC Bayern das bessere Ende für sich. "Unfassbar, so ein Spui", lautete das Fazit von Torwartlegende Sepp Maier, der das Spiel mit den Bayern noch mit 6:5 gewinnen konnte - das bis heute einzige Bundesliga-Spiel, das eine Mannschaft nach einer Vier-Tore-Führung noch verloren hat. 

Diesen Makel wird der VfL Bochum zwar auch mit dem heutigen Triumph über den Rekordmeister nicht los, aber ganz sicher wird das in Bochum niemanden stören, während man sich auf Seiten der Bayern am eigenen Auftritts sehr wohl störte. "Wir haben heute unsere schlechteste Saisonleistung gezeigt und alle Tugenden, die es braucht, um Spiele zu gewinnen, vermissen lassen. Wenn so etwas einmal passiert, kann es passieren. Aber uns passiert das in dieser Saison nicht zum ersten Mal", sagte Joshua Kimmich bei "Sky". 

Fußball Bundesliga | FC Bayern München - VfL Bochum

Bedient: Joshua Kimmich und der FC Bayern erlebten in Bochum ein historisches Debakel

"Geiles Spiel"

Anders natürlich die Stimmung beim Gegner: VfL-Kapitän Anthony Losilla sprach von einem "geilen Spiel". "Wir wussten, dass es gegen die Bayern schwer wird, aber wir haben fantastisch zusammengespielt und es hat alles funktioniert." Trotz des frühen Rückstandes habe er "früh gemerkt, dass heute etwas geht" sagte der Franzose, der den Bayern mit seinem Team an diesem Nachmittag einen "Tiefschlag im Westen" verpasst und knapp 46 Jahre nach der 4:0-Halbzeitführung erneut Historisches geschafft hatte.  

Dem "Kicker" wurde seinerzeit berichtet, einige Bochumer Spieler seien 1976 so bedient gewesen, dass sie sich vor Verzweiflung und Erschöpfung in Alkohol flüchteten. Das ist im hochprofessionellen Fußball heute keine Option mehr. Auch nicht für Bayern-Torwart Sven Ulreich, der nach der Demütigung bei einer seiner seltenen Einsätze als Ersatz für den verletzten Manuel Neuer komplett bedient war. Sicher wird auch er wie einst Maier von einem "unfassbaren Spiel" reden, aber ganz sicher auch ohne dabei zu schmunzeln. 

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