Faktencheck: Wie Fakes das Bild der Iran-Proteste verzerren
15. Januar 2026
Im Iran dauern die Proteste gegen das Regime seit mehr als zwei Wochen an. Aus mehreren Städten und Ortschaften wurden Demonstrationen gemeldet. Doch bei vielen der in sozialen Netzwerken kursierenden Videos und Fotos kann nicht unabhängig bestätigt werden, ob sie echt sind: Seit rund einer Woche blockiert die Regierung das Internet im Iran weitgehend, der Zugang zu Informationen aus dem Land bleibt deshalb stark eingeschränkt. Ausländische Medien können kaum berichten. Iraner, die die Proteste dokumentieren, riskieren ihre Sicherheit. Das schafft ein Informationsvakuum.
Mindestens 2400 Demonstranten wurden bei der Niederschlagung der Proteste getötet, meldete die in den USA ansässige Menschenrechtsorganisation HRANA am Mittwoch. Einige Menschenrechtsgruppen sprechen von einer noch höheren Zahl. HRANA zufolge sind mehr als 140 regierungsnahe Personen ums Leben gekommen.
Strategie des Regimes: Abschottung und Verwirrung stiften
Für Experten ist die strikte Kontrolle des Informationsflusses keine neue Entwicklung, sondern eine bewährte Strategie des iranischen Regimes. Sara Bazoobandi, Wissenschaftlerin am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel, bewertet die Internetsperre als bewusste Taktik, um Zweifel zu säen, wenn Menschen keine Informationen austauschen können. Es sei auch eine Taktik, um "uns zu verwirren, wer die Wahrheit sagt", sagt sie zur DW.
Nicht nur das Internet ist abgeschaltet, sondern auch Telefonieren oder SMS verschicken ist fast nicht möglich. Internationale Anrufe waren nach tagelangen Unterbrechungen sporadisch machbar.
Diese Einschränkungen beeinflussen, welche Bilder ein Publikum innerhalb und außerhalb des Landes überhaupt erreichen. Das Informationsvakuum öffnet Tür und Tor für Desinformation.
DW Faktencheck hat einige Beispiele untersucht.
KI-generierte Videos füllen das Vakuum
Behauptung: Ein Video zeigt eine große Menschenmenge, die bei Nacht über eine Straße marschiert und dabei die Taschenlampen an ihren Handys eingeschaltet hat - angeblich aktuelle Proteste im Iran. "Die Regierung hat die Straßenbeleuchtung abgeschaltet, um das Ausmaß der Proteste zu verbergen, aber alle haben ihre Handylichter genutzt, um zu zeigen, dass sie da sind", heißt es in einem Facebook-Post. Das Video hat mehr als 770.000 Aufrufe. Andere teilen es mit ähnlichen Behauptungen.
DW Faktencheck: Fake
Die Aufnahme weist typische Merkmale von KI-generierten Videos auf: Vogelperspektive, fehlende Gesichter, die gleichmäßig anmutenden Lichtpunkte. Im zweiten Teil des Videos wirken Hände und Handys unnatürlich.
Eine Instagram-Nutzerinbestätigte, dass sie das Video mithilfe von KI erstellt habe - "inspiriert" von den Protesten. Ihr Beitrag wurde über 60 Millionen Mal gesehen. Viele, die das Video weiterverbreiten, kennzeichnen es jedoch nicht mehr als KI-generiert.
Alte Aufnahmen als "neue" Protestbilder
Es kursieren weitere Videos, die angeblich die Proteste zeigen, doch wegen der Blockade des Internets sind sie schwer zu verifizieren. "Es ist eine komplette Abschaltung", sagt Farhad Souzanchi, Chefredakteur von Factnameh, einer Faktencheck-Plattform, die aus Kanada betrieben wird und sich auf Behauptungen aus und zum Iran spezialisiert hat. "Es ist sehr schwierig, bestimmte Videos zu verifizieren, die aus dem Iran nach draußen gelangen. Man muss Inhalte abgleichen und Querverweise finden."
Weil authentisches Material rar ist, taucht im Netz auch altes Material auf, das als neu und aktuell deklariert wird - ein Muster, das in Krisen häufig vorkommt.
Behauptung: Ein Video in sozialen Netzwerken zeigt einen Mann, der eine Flagge von einem Gebäude reißt, was angeblich im Zusammenhang mit den aktuellen Protesten im Iran steht. "Die Demonstranten, mutige Patrioten im Iran, haben ein Hauptquartier der IRGC (die Islamische Revolutionsgarde, Anm. d. Red.) übernommen und die Flagge der Republik entfernt", schreibt ein Nutzer auf X auf Spanisch.
DW Faktencheck: Falsch
Eine Bilderrückwärtssuche zeigt: Das Video ist älter und wurde bereits im Kontext von Protesten in Nepal im September 2025 geteilt. Die Menschen tragen außerdem Sommerkleidung - was nicht zu den aktuellen Temperaturen im Iran passt. Ältere Posts identifizieren den Ort als Hauptquartier der Nepalesischen Kommunistischen Partei.
Dass das Video nun im Zuge der Proteste im Iran wieder auftaucht, ist ein Beispiel dafür, wie altes Material aus dem Zusammenhang gerissen wird, wenn neue Aufnahmen fehlen.
Pro-Regime-Bilder leichter zu verifizieren
Während Anti-Regime-Bilder schwer zu prüfen sind, lassen sich Aufnahmen von regimetreuen Kundgebungen leichter bestätigen. Viele fanden offen statt, teils mit sichtbarer Präsenz von Sicherheitskräften. Bildmaterial davon wurde von Staatsmedien sowie internationalen Fotoagenturen verbreitet.
Doch solche Bilder sagen nichts über die Hintergründe aus. "Das sind staatlich organisierte und genehmigte Kundgebungen mit vollem Schutz, Plakate werden bereitgestellt, sogar auch Transportmittel", erklärt Souzanchi. Er nennt diese Veranstaltungen "hochgradig propagandistisch".
Neben echten Aufnahmen von solchen Kundgebungen kursieren auch Pro-Regime-Videos, die die Realität verzerren.
KI-Unterstützung für das Regime
Behauptung: Ein online zirkulierendes Video zeigt eine riesige Menschenmenge mit einer sehr langen iranischen Flagge. In mehreren Sprachen wie Hindi und Arabisch wird es als angeblich regimetreue Demonstration dargestellt
DW Faktencheck: Fake
Die DW-Analyse zeigt: Das Video ist digital erzeugt. Viele Gesichter sind unscharf, und an einer Stelle scheint eine Person mitten in der Flagge zu stehen. Die Aufnahme nutzt eine Weitwinkelperspektive, um ein größeres Ausmaß zu suggerieren. Diese Art Übertreibung ist typisch für KI-generierte Videos - ebenso wie realistische Details wegzulassen.
Dieses Beispiel zeigt, dass synthetische erzeugte Videos auf beiden Seiten des Protest-Spektrums auftauchen können.
Desinformation als typische Strategie des Regimes
Es ist nicht das erste Mal, dass der Iran größere Proteste erlebt. Den Experten zufolge, mit denen DW Faktencheck sprach, ist das Regime gut vertraut mit Methoden der Desinformation und Manipulation.
Doch zu Beginn der jüngsten Proteste war das Regime überraschend still, so Faktenchecker Souzanchi. Es habe gewirkt, als ob man bei den Behörden "eine gewisse Verwirrung spüren konnte" und "das Fehlen einer Strategie". Bazoobandi bestätigt das und sagt, einige Methoden des Regimes als Reaktion auf diese Proteste seien "sehr fehlerbehaftet" gewesen und "meiner Meinung nach hastig ausgewählt".
Mitarbeit: Kathrin Wesolowski
Redaktion: Uta Steinwehr, Rachel Baig
Dieser Artikel ist im Original auf Englisch erschienen.