Facebook, ein arabisches Leitmedium | Nahost | DW | 22.03.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Nahost

Facebook, ein arabisches Leitmedium

Vom arabischen Frühling bis zum Krieg in Syrien: Die arabische Welt durchläuft dramatische Krisen. In Zeiten von Revolte, Krieg und Repression setzen viele Bürger auf soziale Netzwerke wie Facebook - aus vielen Gründen.

Weht das Gas heran, muss man das Gesicht möglichst rasch mit einigen Tropfen Cola benetzen. Dessen Zutaten machten gegen die ätzenden Dämpfe immun. So hatten es die Tunesier, die nur wenige Wochen zuvor auf die Straßen gegangen waren und ihren Präsidenten gestürzt hatten, den Ägyptern erklärt.

Der Tipp verbreitete sich in Windeseile über Facebook, und so fand die dunkelbraune Brause in den ersten Wochen des Jahres 2011 in Kairo reißenden Absatz. Ob dort, in Alexandria, Assuan oder in sonst einer Stadt: Wo immer die Demonstranten Ende Januar gegen die Staatsmacht marschierten, waren Cola-Flaschen nicht weit.

Es war die schnelle, effiziente Kommunikation auf Grundlage der digitalen Medien, die dem Aufstand gegen die Regierung Mubarak in Ägypten bald einen Beinamen verschaffte: "die Facebook-Revolution".

Doch Facebook und die anderen sozialen Medien mobilisierten die Ägypter nicht nur.  Vor allem, schreibt der an der Universität Berkeley lehrende Sozialanthropologe Charles Hirschkind, hätten sie bereits vor dem Aufstand von 2011 etwas Grundlegendes geleistet: Sie hätten die ideologischen Gräben innerhalb der Opposition verschwinden lassen. Über Jahre hätten sich säkulare und religiöse Gegner der Mubarak-Administration scharf gegenübergestanden.

Neue Sprache, neue Ideen

Diese Spaltung hatte sich das Regime bis dahin regelmäßig zunutze gemacht: Auf Grundlage der ideologischen Differenzen hätte es die beiden Oppositionsgruppen gegeneinander ausgespielt. "Es war eine einzigartige Leistung der Bloggersphäre, eine Sprache zu entwickeln, die über diesen Gegensatz, der den politischen Diskurs im Nahen Osten und anderswo so lange bestimmt hatte, hinausging", so Hirschkind. 

Die neuen Medien hätten durch die Vielfalt der Beiträge - Reportagen, Kritik, freie Argumentation und natürlich auch Satire und humoristische Darstellungen - ein in dieser Breite bislang nicht gekanntes Meinungsspektrum erzeugt und dadurch die ideologische Enge der bislang bekannten Medien durchbrochen und zugleich erweitert.

Ägypten Arbeiterproteste (picture-alliance/AP Photo/P. Schemm)

Masse und Macht: Auch möglich dank digitaler Medien

"Malcom X" hieß eine jener Seiten aus den Frühzeiten der Revolution: liberal, mutig und ungezwungen im Ton. Durch diese und andere Seiten zog eine ganz neue Sprache in die ägyptische Gesellschaft ein: Locker, frei und deutlich verschieden vom etablierten politischen Diskurs, ließ sie ganz neue Sichtweisen und Ideen möglich werden.

Beliebtes Medium

Entwicklungen wie dieses haben dazu beigetragen, dass Facebook zu einem der beliebtesten Medien in der arabischen Welt gemacht. Im Februar 2017 zählte das Unternehmen in Ägypten 33 Millionen Nutzer, in Saudi-Arabien 18 Millionen und in Algerien 16 Millionen. In Syrien griffen sechs Millionen Menschen auf das Netzwerk zurück. Zum Vergleich: In Deutschland wurde Facebook im September 2017 von 31 Millionen Personen genutzt. Während Facebook hierzulande aber eines unter vielen anderen Kommunikationsmitteln ist, hat es in den arabischen Ländern die Stellung eines Leitmediums. Die festigte sich weiter, als sich in Ägypten die Situation wieder verschärfte. Im Februar 2011 trat Mubarak aufgrund der Proteste zwar zurück. Doch schon bald sahen sich die Ägypter einem neuen autoritär regierenden Regime gegenüber: Im Sommer 2014 übernahm General Abdel Fattah al-Sisi die Macht. Unter ihm nahm die Repression gegen Dissidenten zu - seit dem Jahr 2017 immer stärker auch digital.

Digitale Repression

Die ägyptische "Assoziation für Gedanken und Redefreiheit" schreibt in ihrem "Fünften Jahresreport zur Redefreiheit in Ägypten", die Regierung Al-Sisi habe allein 2017 rund 450 Webseiten gesperrt. Zugleich wurden 58 Betreiber privater Internetseiten verhaftet. Zuvor war auch Facebook wiederholt gesperrt worden. Derzeit ist ein so genanntes "Gesetz gegen Verbrechen im Cyber-Raum" in Vorbereitung, das die juristischen Grundlagen für weitere Sperrmaßnahmen liefern soll.

"Die Blockade von Webseiten ist Teil eines umfassenden Schlags gegen die Zivilgesellschaft", schreibt die Aktivistin Emna Sayadi von "Acces Now", einer Initiative, die sich für digitale Rechte einsetzt. Sie sieht die Blockade als Teil einer umfassenden Kampagne, in deren Rahmen etwa Menschenrechtsaktivisten an Auslandsreisen gehindert und die Gelder von unliebsamen NGO´s eingefroren würden.

Syrien Flüchtlinge aus Ost-Ghuta (Imago/Xinhua)

Kommunikation der Vertrieben: Flüchtlinge im syrischen Ost-Ghuta im März 2018

Facebook und Familie

Einen noch tragischeren Verlauf als der Protest in Ägypten hat der in Syrien genommen. Dort führte er in einen Krieg, vor dem Millionen Bürger ins Ausland flüchteten. Ganze Familien wurden getrennt, ihre Mitglieder fanden sich mit einem Mal in ganz verschiedenen Ländern, ja sogar auf verschiedenen Kontinenten wieder. In dieser Situation wurde Facebook zu einem zentralen Instrument, um die Kommunikation unter den Betroffenen aufrechtzuerhalten. "Festleitungen sind äußerst teuer (…) wenn sie überhaupt funktionieren", zitiert die Ökonomin Reem Ramadan in einer Studie einen syrischen Flüchtling. "Wenn ich mit Freunden oder Familienmitgliedern kommunizieren will, benutze ich vor allem Facebook. Es ist kostenlos und lässt sich 24 Stunden am Tag benutzen."

Der politische Druck bringt auch Personen in das Netzwerk, die es unter anderen Umständen vielleicht nicht oder zurückhaltender benutzt hätten. "Meine Mutter hat einen Facebook-Account eröffnet, um mit meiner Schwester im Kontakt zu bleiben, die mit ihrer Familie nach Schweden geflohen ist", berichtet ein anderer Flüchtling.

In Syrien selbst hatte und hat das Netzwerk noch einen weiteren Zweck: Die Nutzer warnten einander vor unmittelbaren Gefahren. "Bevor ich das Haus verlasse, schaue ich jeden Morgen auf Facebook", erzählt ein Nutzer, der in Syrien geblieben ist. "Dort finde ich immer aktuelle Berichte über überraschende Bombenangriffe."

Video ansehen 02:57
Jetzt live
02:57 Min.

Sorge um die Angehörigen in der syrischen Heimat

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema