Von Dhaka nach Düren: Munshis neues Leben | Deutschland | DW | 31.08.2020
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DW-Serie "Fünf Jahre 'Wir schaffen das!'"

Von Dhaka nach Düren: Munshis neues Leben

Als 2015 immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kamen, versprach Kanzlerin Merkel: "Wir schaffen das!" Die DW hat Flüchtlinge selbst befragt. Blogger Munshi hat seine Todesangst überwunden und ein neues Leben begonnen.

Seine Finger sind aus schwarzem Kunststoff und surren. Auf Knopfdruck umschließen sie das Glas mit dem frisch gepressten Orangensaft. Mahmudul Haque Munshi lächelt und schaut fasziniert auf seine neue rechte Hand. "Ich habe die Prothese seit einer Woche", sagt er. "Ich muss mich noch an sie gewöhnen."

Die neue Prothese gehört zu dem neuen Leben, das Mahmudul Haque Munshi, genannt Munshi, seit fünf Jahren in Deutschland führt. Es ist das Gegenteil von seinem alten Leben als Aktivist und Blogger.

Vor seiner Flucht nach Deutschland im November 2015 führte der 34-Jährige aus Bangladesch die Bewegung Shahbag Movement mit fünf Millionen Anhängern in seiner Heimat an. Seinem Netzwerk Blogger Online Activist Network, auf dem er zu Protesten aufrief, gehörten 500.000 User an.

Protest gegen Kriegsverbrechen

Die Bewegung forderte, die Verantwortlichen für die Kriegsverbrechen im Jahr 1971 müssten bestraft werden. Damals kämpfte Bangladesch - bis dahin unter dem Namen Ostpakistan ein Teil Pakistans - für seine Unabhängigkeit. Während des Kriegs starben rund drei Millionen Menschen.

Kundgebung des Shahbag Movement

Über 200 Veranstaltungen im Jahr: Anführer Munshi (m) bei einer Kundgebung des Shahbag Movement 2013 in Dhaka

Heute lebt der ehemalige politische Aktivist und anerkannte politische Flüchtling mit seiner Familie in der rheinischen Stadt Düren nahe Köln. Mit seiner Frau Rupali Khatun hat er einen Online-Versandhandel aufgebaut. Ende des Jahres kann er eine sogenannte Niederlassungserlaubnis beantragen, damit hat er das Recht, für immer in Deutschland zu bleiben.

"In Deutschland müssen alle einen guten Plan haben", sagt Munshi und schmunzelt. Er selbst verfolgt mehrere Pläne gleichzeitig: Geld verdienen, einen neuen Beruf lernen, anderen Flüchtlingen helfen und deutscher Staatsbürger werden.

Sneakers für die Reichen

Während seine Frau Rupali den Online-Versandhandel Artyship aufbaut, hofft Munshi nach einem erfolgreichen Praktikum bei einer Webdesign-Firma auf eine Umschulung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung oder Systemintegration.

Die Idee für den Online-Versandhandel kam ihm nach einem Besuch beim Nike Clearance Store im nahe gelegenen Kerpen. "Es gibt in Bangladesch keine exklusiven Nike Stores, aber eine große Nachfrage", erklärt Munshi. Also bieten seine Frau und er nun über Facebook die Luxusware aus Kerpen für Menschen in Bangladesch an.

Natürlich gibt es auch in der Neun-Millionen-Metropole Dhaka Sneaker-Shops, die Modelle von großen Sportartikelherstellern im Sortiment haben. Aber sich Online genau das Modell aussuchen zu können, das einem gefällt, scheint für die wohlhabenden Bangladescher attraktiv zu sein.

"Ich habe kein Problem damit, mit den Reichen in Bangladesch Geld zu verdienen", sagt Munshi. Er träumt davon, bald in eine größere Wohnung umziehen zu können. Er lächelt und sagt einen Satz, der in den Ohren vieler ärmerer Landsleute merkwürdig klingen könnte: "Mein Sohn hat so viele Sachen. Er braucht ein eigenes Zimmer."

Auf der Todesliste

Der 18 Monate alte Nirban Munshi ist sein ganzer Stolz. Und er ist ebenfalls ein Symbol für das neue Leben von Munshi. Fernab von Protesten und Massendemonstrationen. Und vor allem fernab von Bombenanschlägen und tödlichen Attacken auf die Anhänger des Shahbag Movement. Deren Anführer standen auf den Todeslisten der Islamisten in Bangladesch, die sie als Atheisten verunglimpften.

"In Bangladesch konnten meine Frau und ich keine Familie gründen, denn ich hätte jeden Tag umgebracht werden können", sagt Munshi. Die Angst vor einer tödlichen Attacke verfolgte ihn bis nach Deutschland, wo er anfangs über 4.500  Morddrohungen via Facebook erhielt.

Video ansehen 01:27

Mahmudul Haque Munshi im Interview (2018)

Als er hier im November 2015 in einem Auffanglager für Flüchtlinge im westfälischen Detmold eintraf, bedrohten ihn einige seiner Landsleute dort. Er erinnert sich: "Sie kannten mich alle. Sie hätten mich nachts im Schlaf ermorden können, denn man konnte die Zimmertüren nicht abschließen. Ich habe eine Panikattacke bekommen und musste ins Krankenhaus."

Vom Flüchtling zum Helfer

Mit Hilfe der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung und der Flüchtlingsorganisation Atheist Refugee Relief gelang es ihm, in Düren eine Wohnung für sich und seine Frau zu mieten. Im Januar 2019 wurde sein Sohn Nirban geboren.

Mittlerweile engagiert sich Munshi selbst bei Atheist Refugee Relief. Im Mai dieses Jahres wurde er in den Vorstand des Vereins der säkularen Flüchtlingshilfe in Köln gewählt. Er begleitet Flüchtlinge mit geringen Deutschkenntnissen zum Jobcenter oder hilft ihnen bei der Wohnungssuche.

Vereinsmitglieder, Unternehmer und stolze Eltern: Munshi und seine Frau Rupali sind angekommen. Der Blogger hat dafür ein passendes Bild gefunden: "Bangladesch ist mein Mutterland, ich bin dort geboren und aufgewachsen. Deutschland ist für mich wie ein Vater, es gibt mir Sicherheit und Unterstützung."

Mit dem Porträt von Mahmudul Haque Munshi endet die siebenteilige DW-Serie "Fünf Jahre 'Wir schaffen das!'". Alle Beiträge sind unter diesem Artikel verlinkt und können nachgelesen werden.   

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