Europas Musterschuldner | Europa | DW | 15.11.2013
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Europa

Europas Musterschuldner

Spanien und Irland verlassen den Rettungsschirm. Volkswirte sehen darin zwar noch keine Trendwende. Beide Länder könnten allerdings als Beleg dafür gelten, dass die Hilfspakete wirken.

Unter dem Rettungsschirm wird es luftiger, wenn Irland und Spanien finanziell wieder auf eigenen Beinen stehen. Aus Sicht von Finanzexperten ist das ein gutes Zeichen. Als wichtigen Schritt in die richtige Richtung bezeichnet Jörg Krämer, Chef-Volkswirt der Commerzbank, den bevorstehenden Austritt der beiden Länder aus dem Rettungsschirm. Dessen wichtigstes Ziel ist es, durch gemeinschaftliche Hilfen eine Pleite einzelner Eurostaaten abzuwenden.

Irland und Spanien seien nun nicht mehr auf Unterstützung von außen angewiesen, sagt Krämer im DW-Gespräch: "Dass sie sich in Zukunft wieder durch Investoren finanzieren ist ein positives Signal." Er warnt jedoch vor übertriebenem Optimismus. "Ich bezweifle, dass hier eine Trendwende erkennbar ist." Die Krise in Europa sei noch nicht vorbei, wie am Beispiel Italiens deutlich werde. Das größte Krisenland im Euroraum zeige nach wie vor keine Reformanstrengungen.

Italien und Frankreich bereiten Sorgen

Stattdessen stiegen die Lohnkosten in dem südeuropäischen Land weiter und es falle zurück, statt sich zu erholen. Ein Reformprozess habe in Italien noch gar nicht begonnen. "Ohne eine Lösung der dortigen Probleme, möchte ich nicht von einer Trendwende in der Staatsschuldenkrise reden", sagt Krämer.

Volkswirt Christian Schulz von der Berenberg Bank teilt diese Bedenken. Für ihn ist das größte Krisenland im Euroraum jedoch nicht Italien, sondern Frankreich. "Dort haben wir das Problem einer schleichend schlechter werdenden Wettbewerbsfähigkeit."

Das spanische Parlament in Madrid. (Foto: dpa)

Das spanische Parlament traf in den vergangenen Jahren schwere Entscheidungen

Hingegen sei Spanien auf dem Weg der Besserung, was die Konkurrenzfähigkeit betrifft, sagt Ökonom Schulz. "Spanien hat knapp zwei Jahre lang wirklich hart reformiert." 2011 hätten die finanziellenTurbulenzen in Griechenland die schwere Finanzkrise auf der Iberischen Halbinsel ausgelöst. Doch schon lange vorher hätte die geplatzte Immobilienblase dem Land schwer zu Schaffen gemacht. "Wenn man so will, herrscht in Spanien schon seit sechs Jahren eine Krise", sagt Schulz.

Spanien profitierte von Anleihenkäufen

Dass der Staat daraus nun wieder herauskommt, sei im Wesentlichen auf zwei Faktoren zurückzuführen. Zum einen auf die eigenen Anstrengungen der Spanier. Die Regierung in Madrid erhöhte Steuern, kürzte Ausgaben und verabschiedete eine Arbeitsmarktreform im Jahr 2012. "Die war ziemlich dramatisch und sorgte dafür, dass die Automobilindustrie sich stabilisieren konnte und den zweiten Rang in Europa verteidigte", erläutert Schulz. Zu den großen Autobauern des Landes gehört auch Seat, eine Tochter des deutschen VW-Konzerns.

Das führte dazu, dass die spanischen Ausfuhren wieder steigen, während die Einfuhren sinken. Dadurch bleibt mehr Geld im Land. Weil zudem die Löhne niedriger sind als vorher, sei es für Firmen wieder attraktiver in Spanien zu produzieren, sagt Schulz.

Das Land habe außerdem besonders von Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) profitiert. Die EZB greift seit Mitte 2012 klammen Eurostaaten mit unbegrenzten Anleihekäufen unter die Arme. Dadurch musste Spanien weniger Zinsen für geliehenes Geld zahlen: Die Finanzierungskosten sanken von über sieben Prozent 2012 auf derzeit knapp vier Prozent. "Das sorgt dafür, dass Spanien in einer deutlich komfortableren Situation ist." Und nun im Januar aus dem Rettungsschirm aussteigen kann.

Das Land hatte vor mehr als einem Jahr Hilfen aus dem Rettungsschirm für den maroden Bankensektor beantragt. Von 100 Milliarden Euro nahm Spanien 40 Milliarden in Anspruch. Jetzt sei kein weiterer Kapitalbedarf für die Kreditinstitute mehr abzusehen, ließ Spaniens Finanzminister Luis de Guindos verlauten.

Jugendarbeitslosigkeit ist noch ein großes Problem

Illustration - Eine irische Euromünze liegt auf einem Tisch, aufgenommen am 28.09.2011 in Dresden. (Foto: dpa)

Der Euro in Irland: In Zukunft nicht mehr aus Hilfspaketen

Besonders schnell erholte sich Irland. Der Staat habe ein klassisches Kreditprogramm bekommen und die damit erkaufte Zeit gut genutzt, sagt Commerzbank-Volkswirt Krämer. "Vor allem aber hat Irland das Vertrauen der Geldgeber wiedererlangt und wird deshalb in der Lage sein, sich ohne die Hilfe der Staatengemeinschaft Mittel am Geldmarkt zu beschaffen." Laut Krämer ist Spanien trotz der guten finanziellen Lage noch nicht so weit wie Irland. In dem südeuropäischen Land sei die Jugendarbeitslosigkeit nach wie vor ein großes Problem.

Christian Schulz gibt ihm recht: "Es ist aber auch klar, dass in Europa nicht alles glänzen kann, nachdem wir zwei historische Krisen kurz nacheinander durchlebt haben", sagt er. Der Trend gehe in die richtige Richtung. Die Beispiele Spaniens und Irlands zeigten, dass das Rettungspaket erfolgreich funktionieren könne. "Das ist ein Signal für die Zukunft." Sollte es künftig Länder geben, die Unterstützung brauchten, könne man auf den Erfolg der bisherigen Hilfspakete verweisen. "Das sollte es einfacher machen, die notwendigen Parlamentsbeschlüsse zu bekommen."

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