eSport ist kein Sport - oder doch? | Sport | DW | 27.08.2019
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eSport

eSport ist kein Sport - oder doch?

Der eSport ringt in Deutschland seit Jahren um die Anerkennung als offizielle Sportart - und hat es damit schwerer als in anderen Ländern. Warum tut sich der deutsche Sport so schwer mit der digitalen Welt?

Ein vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in Auftrag gegebenes Gutachten sollte untersuchen, ob eSport mit dem Sport vereinbar sei. Die Antwort: Nein. Im Vergleich zum Sport bewege sich "die eSport-Branche in einer anderen Galaxis", so das Gutachten. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu dem Thema:

Mit welcher Begründung lehnt die Studie eSport als Sportart ab?

Die Begründung der Studie fokussiert sich auf die körperlichen Anforderungen an Sport. In dem Dokument, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, heißt es, Sport sei "durch die langjährige Rechtssprechung im traditionellen Sinne der Anforderungen an die Körperlichkeit konkretisiert." Die Vorstandsvorsitzende des DOSB, Veronika Rücker, sagte, das Gutachten bestätige die "konsequente Ablehnung zur Aufnahme von E-Sport in den organisierten Sport". Hans Jagnow, Präsident des Deutschen eSport-Bundes (ESBD), wies im DW-Interview dagegen darauf hin, dass die Studie vom DOSB in Auftrag gegeben wurde. Das 120 Seiten lange Gutachten unterstütze demnach vor allem die zentralen Argumente des Verbandes. Im Vergleich mit anderen Sportarten hält er die Begründung jedoch für nicht zulässig: "Dartwerfen, Motorsport, aber auch der als gemeinnützig eingestufte Tischfußball sind ja alles keine Sportarten, die einen gesamtkörperlichen Einsatz erfordern, sondern präzise Bewegung - wie auch der eSport."

Deutschland Computerspielemesse Gamescom 2019 in Köln (Getty Images/L. Schulze)

Auf der Computerspielmesse Gamescom in Köln spielen Besucher die neueste Version des beliebten eSport-Titels "League of Legends".

Was umfasst eSport? 

Grundsätzlich umfasst eSport alle unmittelbaren Wettkämpfe zwischen menschlichen Spielern in sämtlichen Computerspielen. Im Oktober letzten Jahres lehnte der DOSB den gesamtheitlichen Begriff eSport ab und unterschied fortan zwei Kategorien: Virtuelle Sportarten und eGaming. Virtuelle Sportarten sollten dabei die Übertragung von existierenden Sportarten in die virtuelle Welt umfassen – wie es bei Sportsimulationen der Fall ist. Der DOSB hatte sich offen für die Anerkennung dieser Titel als Sportart gezeigt - nicht jedoch für solche, die unter eGaming fielen. Darunter fasste der DOSB die meisten Spiele. Im eSport-Bereich populär sind beispielsweise "League of Legends", "Dota" oder "Counter-Strike". 

Das aktuelle Gutachten kommt nun zu dem Schluss, dass eine solche Unterscheidung rechtlich nicht belastbar sei. ESBD-Präsident Jagnow begrüßt das. Die Unterteilung in Virtuelle Sportarten und eGaming sei "eine fachlich nicht begründbare Unterscheidung, die wir immer wieder kritisiert haben. Dafür hat der DOSB nun scheinbar auch seine eigenen Experten gegen sich." DOSB-Vorsitzender Rücker äußerte hingegen, die Überprüfung dieser Unterteilung sei nicht Auftrag des Gutachtens gewesen.

London: MoAuba gewinnt eWorld Cup Finale (Reuters/T. Jacobs)

Mohamed "MoAuba" Harkous gewann im August als erster Deutscher das eWorld Cup Finale im Spiel "FIFA 19". Er steht bei Werder Bremen unter Vertrag.

Warum kämpft der ESBD für die Anerkennung?

Die Anerkennung würde den eSport-Organisationen das Leben erleichtern. Sie geht einher mit finanziellen Vorteilen in Form von Steuerbegünstigungen und einer rechtlichen Gleichstellung mit Vereinen aus anderen Sportarten. Außerdem könnte sich dadurch eine weitere Perspektive öffnen: eine Teilnahme von eSportlern an Olympia. Umso mehr Nationen den eSport als Sportart anerkennen, desto stärker wird die Diskussion geführt werden, ob und wann eSport olympisch wird. Denn mit Medaillen winken auch weitere Einnahmen.

Wie sieht die internationale Akzeptanz von eSport aus?

Insbesondere im asiatischen Raum ist eSport längst ein Massenphänomen. In Südkorea wurde bereits im Jahr 2000 mit der Korean e-Sports Association ein Dachverband gegründet, um eSport in Südkorea zu etablieren und zu verwalten. Auch in anderen Ländern wie Japan, Brasilien, den USA oder Frankreich ist eSport inzwischen eine anerkannte Sportart. ESBD-Präsident Jagnow betont, dass man auch bei Nachbarländern wie Dänemark oder Polen derzeit sehe, wie der eSport einen größeren politischen Stellenwert einnimmt. Eine internationale Übertragbarkeit der Entscheidungen hängt aber auch von der nationalen Gesetzgebung ab. 

ESBD - Hans Jagnow (esbd)

Hans Jagnow, Präsident des eSport-Bundes Deutschland (ESBD), fordert die Politik auf, die Beschlüsse des Koalitionsvertrages umzusetzen.

Wie verhalten sich die traditionellen Sportvereine zu dem Thema?

Sehr unterschiedlich. In den letzten Jahren haben immer mehr große Fußballvereine eigene eSport-Abteilungen aufgebaut, meistens jedoch beschränkt auf die Sportsimulationen. Beispiele sind der VfL Wolfsburg oder Werder Bremen. Der FC Bayern erwägt derzeit einen Einstieg, Borussia Dortmund hat erst kürzlich verkündet, weiterhin keine eigene eSport-Abteilung gründen zu wollen. Der FC Schalke 04 nimmt daher eine Sonderstellung in Deutschland ein: Als einziger Fußball-Bundesligist unterhält er neben einer eSport-Mannschaft für Sportsimulationen auch Mannschaften für den Spieletitel "League of Legends“ – wie beispielsweise auch der französische Serienmeister Paris St. Germain.

Was sagt die Sportwissenschaft?

Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Sportwissenschaft zunehmend mit der Frage, welchen körperlichen Anstrengungen eSportler ausgesetzt sind. Im Jahr 2016 untersuchte die Deutsche Sporthochschule Köln die Belastungen der eSportler. Professor Ingo Froböse sagte damals im DW-Interview: "Besonders die motorischen Ansprüche und Fähigkeiten haben uns beeindruckt. Die eSportler schaffen bis zu 400 Bewegungen pro Minute an Tastatur und Maus, vier Mal mehr als der Normalbürger!". Dazu käme ein hoher Wert des Stresshormons Cortisol und eine "Herzfrequenz zwischen 160 und 180 Schlägen pro Minute, das entspricht fast einem Marathonlauf". Gleichzeitig machten sich bei vielen Spielern Fitnessdefizite bemerkbar. In einer Studie von diesem Jahr bemängelt Froböse bei vielen Probanden einen Mangel an Schlaf, eine unausgewogene Ernährung sowie zu wenig Bewegung - Themen, die im eSport erst seit Kurzem auf der Agenda stehen und für die Spieler zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Ist die Anerkennung von eSport als Sportart mit dem Gutachten vom Tisch?

Nein. Die Anerkennung als Sportart ist nicht von der Studie abhängig. DOSB-Vorstandsvorsitzende Veronika Rücker hat auch bereits weitere Gespräche zu dem Thema innerhalb des DOSB und in der Politik angekündigt. Im 2018 verabredeten Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD wurde die Anerkennung von eSport für diese Legislaturperiode als Ziel niedergeschrieben. Anschließend hatte man angekündigt, die Bewertung dem DOSB zu überlassen. ESBD-Präsident Jagnow sagt: "Das Gutachten des DOSB hat auch gezeigt, dass die Kompetenz für die Entscheidung tatsächlich nicht beim DOSB liegt, sondern bei den politischen Trägern". Diese könnten den eSport durch eine Gesetzesänderung in der Abgabenordnung mit anderen Sportarten gleichstellen. Das würde zwar nicht zur offiziellen Anerkennung als Sportart führen, jedoch zum Status der Gemeinnützigkeit - wie ihn traditionelle Sportvereine haben. Dieser sorgt unter anderem für steuerliche Vorteile und einen verringerten bürokratischen Aufwand. Die Anerkennung von eSport-Organisationen als gemeinnützig steht seit längerer Zeit im Mittelpunkt der Forderungen des ESBD.

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