Eskalation im Jemen | Nahost | DW | 11.10.2016
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Nahost

Eskalation im Jemen

Saudi-Arabien und der Iran liefern sich im Jemen einen Stellvertreterkrieg. Die beiden Staaten setzen auf unterschiedliche Strategien. Beiden geht es letztlich um die Vorherrschaft in der gesamten Region.

Der Angriff kam am frühen Morgen. Das Kriegsschiff USS Mason fand sich über 20 Kilometer vor der jementischen Küste, als der Radar gegen 7 Uhr Morgens eine Rakete erfasste, die offenbar vom Festland aus auf das Kriegsschiff abgefeuert worden war. Sofort leitete der Kapitän des Zerstörers Verteidigungsmaßnahmen ein, konnte dann aber umgehend wieder Entwarnung geben: Noch bevor sie das Schiff erreichte, zerschellte die Rakete auf dem Wasser.

Auf dieselbe Weise verfehlte eine weitere Rakete ihr Ziel. Zwar zerstörte ein von der USS Mason abgefeuerter Marschflugkörper anschließend die Abschussrampe der beiden Raketen auf dem jementischen Festland. Der Vorfall zeigt aber, wie gespannt die Lage in dem Bürgerkriegsland inzwischen ist.

So wurde am vergangenen Samstag in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, ein Trauerzug angegriffen. Mindestens 140 Menschen wurden getötet, über 500 verletzt. Für den Angriff machen die Rebellen die Internationale Koalition unter der Führung Saudi Arabiens verantwortlich. Das vornehmlich aus arabischen Staaten bestehende Bündnis kämpft auf Seiten des nach Riad geflüchteten jemenitischen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi. Unterstützt wird es auch von den Amerikanern. "Allah ist groß. Amerika ist der große Satan", skandierten den Huthis nahestehende Demonstranten nach dem Angriff auf einem Protestzug in Sanaa. Saudi-Arabien hat die Verantwortung für den Angriff abgestritten. Man wolle aber eine Untersuchung einleiten, hieß es aus Riad. 

Kritik vom Bündnispartner

Damit will sich der wichtigste westliche Partner Saudi-Arabiens, die USA, allerdings nicht zufrieden geben. Die Sicherheitszusammenarbeit mit dem sunnitischen Königreich sei "kein Blanko-Scheck", sagte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats, Ned Price, in der Nacht zum Sonntag. Die Berichterstattung über den Vorfall sei "zutiefst verstörend". Auch die Vereinten Nationen zeigten sich besorgt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verlangte am Sonntag eine "schnelle und unabhängige" Untersuchung.

Jemen Begräbnis von Abdul Qader Helal Bürgermeister von Sanaa (Reuters/K. Abdullah)

Trauer und Protest: Beerdigungsmarsch in Sanaa nach dem Angriff vom Wochenende

Bereits seit geraumer Zeit gehen die Amerikaner auf Distanz zu ihren saudischen Verbündeten. Denn deren Vorgehen bringt Washington in immer größere Verlegenheit. So war im August ein von der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" unterstütztes Krankenhaus im Nordjemen aus der Luft angegriffen worden. 19 Menschen starben. Auch für diesen Angriff machten die aufständischen Huthis die von Saudi Arabien geführte Koalition verantwortlich. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erklärte, die Bombe, die die Piloten des Bündnisses auf das Krankenhaus geworfen hatten, stamme aus amerikanischer Produktion.

Riads riskante Strategie

In Riad sieht man die Ordnung auf der arabischen Halbinsel durch den benachbarten Iran bedroht, der sich als schiitische Führungsmacht versteht. Die saudische Regierung wirft der iranischen vor, die Huthis - eine mehrheitlich schiitische Volksgruppe - gegen die rechtmäßig gewählte Regierung Mansur Hadi aufzuwiegeln. Das will diese nicht zulassen.

Die Regierung in Riad sehe sich durch die iranische Präsenz im Jemen so bedrängt, dass sie sich entschieden habe, einem Hilferuf von Mansur Hadi Folge zu leisten, sagt Sebastian Sons von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Mit dieser Entscheidung habe das militärisch bislang zurückhaltende Königreich einen ganz neuen Kurs eingeschlagen. "Im Jemen ist man von der bisherigen Agenda abgewichen, weil man sich so stark unter Druck gesetzt fühlte. Man glaubte, Stärke zeigen zu müssen."

Jemen Sanaa Huthi Kämpfer (Reuters/M. al-Sayagh)

Die vom Iran unterstützten Huthi-Kämpfer im Jemen scheuen auch vor dem Einsatz von Kindersoldaten nicht zurück

Ein Signal der Stärke wolle das Land aber nicht nur an den Iran, sondern auch an die USA senden. "Man will zeigen, dass man in Riad auch ohne die USA agieren kann, in der Lage ist, die sunnitische Welt anzuführen, Allianzen zu schmieden und auch Waffengewalt einzusetzen."

Fraglich ist aber, wie erfolgreich die von Saudi-Arabien geführte Koalition ist. Die Huthis gaben sich auf ihrer Demonstration am Wochenende unbeeindruckt. "Nach dem Massaker (an den Teilnehmern des Trauerzugs, d. Red.) sind wir noch entschlossener, uns den Angreifern entgegenzustellen", rief Rebellenführer Mohammed Ali al-Houthi in die Menge. "Öffnet die Grenze zu Saudi-Arabien". Damit bezog er sich auf die Raketen, die die Huthis nahe der Grenze zu Saudi-Arabien auf Siedlungen im Süden des Königreiches abfeuern. Diese haben bereits mehrere Tote gefordert.

Saudi-Arabien Barack Obama Gipfelkonferenz des Golf-Kooperationsrates in Riad (Reuters/F. Al Nasser)

Schwierige Partnerschaft: US-Präsident Barack Obama und der saudische König Salman

Iranische Interessen

Die Waffen, die die Huthis bei diesen Angriffen - wie auch beim Beschuss der USS Mason – einsetzen, stammen nach Ansicht der Saudis wie auch der USA aus dem Iran. Dank dieser Lieferungen könnten die Huthis der Internationalen Koalition effektive Gegenwehr leisten. In Teheran, schreibt das Internetmagazin "Al Monitor", seien diese Lieferungen Teil einer umfassenden Strategie, die sich auf die gesamte Region erstrecke.

"Für den Iran ist dieser Krieg ein kostengünstiger Weg, seine Feinde aus der Golfregion in einen immer kostspieligeren Krieg zu verwickeln, während es zugleich Fortschritte im Irak und in Syrien macht", schreibt Al-Monitor. Die Regierung in Teheran betreibe im Jemen einen Stellvertreterkrieg: "Die Iraner sind gewillt, bis zum letzten Jemeniten zu kämpfen", umreißt das Magazin die in Teheran entworfene Strategie. 

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