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KonflikteIran

Eskalation im Iran: Wie kam es trotz Verhandlungen dazu?

28. Februar 2026

Noch am Freitag war von Fortschritten in den Atomgesprächen zwischen den USA und dem Iran die Rede. Wenige Stunden später greifen die USA und Israel Teheran an. War die Diplomatie nur Fassade? Ist sie jetzt gescheitert?

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Iran Teheran 2026 | Rauchsäule über der Skyline nach einer Explosion in Teheran
US-Angriff auf Teheran: Eine Rauchsäule steigt über der Skyline von Irans der Hauptstadt auf. Das ursprünglich verwendete Foto wurde am 12. März 2026 entfernt, nachdem die Agentur mehrere Bilder wegen ungeklärter Herkunft und möglicher Manipulation zurückgezogen hatte. Bild: Tasnim News Agency/ZUMA/picture alliance

Bei den Gesprächen in Genf habe es erhebliche Fortschritte gegeben. So hatte es Badr Albusaidi, Außenminister des zwischen den USA und dem Iran vermittelnden Oman, noch am Freitag im US-Nachrichtensender CBS News erklärt.

Der Iran habe in den Atomverhandlungen mit den USA zugesichert, niemals über nukleares Material zur Herstellung einer Atombombe verfügen zu wollen. Diese Zusage stelle einen "sehr wichtigen Durchbruch" dar, der zuvor "noch nie erreicht" worden sei, sagte Omans Außenminister. So erläuterte er es auch noch einmal auf dem sozialen Netzwerk X.

Ähnlich äußerte sich auch der iranische Außenminister Abbas Araghtschi. Auch er sprach von einem "Fortschritt" der Gespräche. Man habe "gegenseitiges Verständnis" füreinander entwickelt, schrieb er am Donnerstag auf X.

Doch am frühen Samstagmorgen griffen die USA und Israel den Iran an. US-Präsident Donald Trump begründete die Luftangriffe mit "Bedrohungen" durch die Islamische Republik. "Die Streitkräfte der Vereinigten Staaten haben große Kampfeinsätze im Iran begonnen", sagte Trump. "Unser Ziel ist es, die amerikanische Bevölkerung zu verteidigen, indem wir die unmittelbaren Bedrohungen durch das iranische Regime ausschalten."

Ähnlich argumentierte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Man dürfe nicht zulassen, dass sich das "mörderische Terrorregime mit Atomwaffen ausrüstet, die es ihm ermöglichen würden, die gesamte Menschheit zu bedrohen", sagte er in einer Videobotschaft.

Der omanische  Außenminister Badr Albusaidi (r.) bei den Atomverhandlungen zwischen USA und Iran in Genf, 26.2.26
Der omanische Außenminister Badr Albusaidi (r.) bei den Atomverhandlungen zwischen USA und Iran in Genf, 26.2.26Bild: Middle East News Agency Apaimag/APA Images/ZUMA/picture alliance

Missverständliche Gespräche?

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob es bei der Bewertung der Gespräche zu grundlegenden Missverständnissen gekommen ist - und wie plausibel die offiziellen Begründungen für den Angriff erscheinen. 

Marcus Schneider, Leiter des Regionalprojekts für Frieden und Sicherheit im Mittleren Osten der Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut, hält ein solches Missverständnis für unwahrscheinlich. "Ich denke nicht, dass es ein Missverständnis war", sagt er. Vielmehr sei es "ein letzter Versuch der Omanis gewesen, gewissermaßen diesen Krieg, der jetzt eben beginnt, noch zu verhindern". Die Amerikaner hätten sich "deutlich weniger enthusiastisch" zu den Verhandlungen geäußert.

Auch Diba Mirzaei, Iran-Expertin beim German Institute for Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg, sieht keine grundsätzlich verschiedene Wahrnehmung der Gespräche. "Ich glaube nicht, dass diese Verhandlungen unterschiedlich interpretiert worden sind." Dass der omanische Außenminister so offensiv von einem möglicherweise besseren Abkommen als 2015 gesprochen habe, zeige vielmehr, "was da gerade eigentlich auf dem Spiel steht".

Menschen sitzen in Tel Aviv in einer Tiefgarage
Tel Aviv: Menschen suchen Schutz vor iranischen Raketen in einer TiefgarageBild: Oren Ziv/dpa/picture alliance

"Extrem unterschiedliche Positionen"

Schneider verweist darauf, wie weit die Positionen von Beginn an auseinandergelegen hätten. "Grundsätzlich hätten die Verhandlungen wohl nie zu einem Erfolg führen können, weil die Positionen eben extrem unterschiedlich waren", sagt er. Was Washington verlangt habe, sei einer "kompletten Kapitulation" gleichgekommen - dazu sei die Islamische Republik nicht bereit gewesen.

Mirzaei hält es ebenfalls für unwahrscheinlich, dass Omans Chefdiplomat ohne belastbare Grundlage an die Öffentlichkeit gegangen sei. "Ich glaube nicht, dass der omanische Außenminister sich das einfach ausgedacht hat", sagt sie. "Ich glaube vielmehr, er ist damit an die Presse gegangen, um noch einmal deutlich zu machen, welche Chance die USA vergeben würden, wenn sie den Iran angreifen."

Überrascht habe sie der Angriff dennoch nicht, so Mirzaei. Wenn die USA seit Wochen Kriegsschiffe und militärisches Gerät in großer Zahl in die Region verlegten, sei es "wenig plausibel", dass es sich dabei lediglich um eine Drohkulisse gehandelt haben sollte.

 Donald Trump erklärt den Angriff auf den Iran, 28.2.2026
Donald Trump erklärt den Angriff auf den Iran, 28.2.2026Bild: Anadolu Agency/IMAGO

Fehleinschätzung der USA?

Womöglich seien die USA mit einer falschen Einschätzung in die Gespräche gegangen, sagt Schneider. "Mir scheint, es gab da auch eine Fehleinschätzung hinsichtlich der Natur und des Wesens dieses Regimes." Offenbar habe man in Washington erwartet, dass Teheran angesichts des massiven militärischen Aufmarschs nachgeben würde. "Aber dazu ist ein solches, ideologisch geführtes Regime nicht bereit."

Auch Trumps Begründung weist Schneider zurück. "Mir scheint, der Wahrheitsgehalt dieser Aussage ist nicht so wahnsinnig hoch", sagt er mit Blick auf die Behauptung, der Iran bedrohe unmittelbar die USA. Es erscheine "wenig plausibel", dass Teheran konkret einen Angriff auf US-amerikanisches Territorium plane. Sollte es nun zu einem umfassenden Krieg kommen, handele es sich um "einen sogenannten War of Choice" - also um einen Krieg, den die USA führten, "weil sie ihn eben führen wollen".

Rauch in Manama (Bahrain), wo Einrichtungen der USA durch Raketen zerstört wurden
Auch in Manama (Bahrain) wurden US-Einrichtungen durch Raketen zerstört, die der Iran in Reaktion auf den Angriff der USA und Israels auf deren Verbündete abgefeuerteBild: REUTERS

Drohkulisse im Zeichen eines "Deals"

"Es waren ernsthafte Gespräche mit dem Ziel, ein neues Abkommen auszuhandeln - oder, in Trumps Diktion, einen 'besseren Deal' zu erreichen", sagt Diba Mirzaei. Allerdings setze der US-Präsident erfahrungsgemäß auf eine Strategie der Zuspitzung: Durch erhöhten Druck solle die Gegenseite zu weitergehenden Zugeständnissen bewegt werden. Ob eine solche Eskalationslogik unter den gegebenen Umständen tatsächlich zu einer tragfähigen Vereinbarung führen kann, erscheine jedoch offen.

Dass zunächst Israel angriff und kurz darauf die USA, hält Schneider für taktisch vorbereitet, politisch jedoch kaum voneinander zu trennen. In Washington sei ein solches Szenario durchgespielt worden - auch mit Blick auf die skeptische MAGA-Basis. Faktisch aber sei der Angriff koordiniert gewesen: "Im Grunde kann man davon ausgehen, dass beide Seiten nahezu zeitgleich angegriffen haben." Die Israelis seien "gewissermaßen zwei Sekunden früher" gewesen.

Für die Zukunft prognostiziert Mirzaei eine schwierige Lage: "Das Problem ist, dass der Iran nicht Venezuela ist. Der Iran ist auch nicht der Irak von 2003." Trump habe die USA und die Region "in eine Situation hineinmanövriert, in der eine Einigung nur noch unter größten Schwierigkeiten zu erreichen ist". Ob es zu einer weiteren Eskalation komme oder ob die "Trumpsche Logik" am Ende doch noch aufgehe, sei derzeit offen.

Dieser Artikel enthielt ursprünglich ein Bild der Agentur SalamPix. Es wurde am 12. März 2026 entfernt, nachdem Picture Alliance und Imago darüber informiert hatten, dass sie SalamPix‑Fotos aufgrund von Bedenken hinsichtlich der Herkunft und möglicher Manipulation zurückziehen.Dieser Artikel enthielt ursprünglich ein Bild der Agentur SalamPix. Es wurde am 12. März 2026 entfernt, nachdem Picture Alliance und Imago darüber informiert hatten, dass sie SalamPix‑Fotos aufgrund von Bedenken hinsichtlich der Herkunft und möglicher Manipulation zurückziehen.

DW Kommentarbild | Autor Kersten Knipp
Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika