Erneute Umweltkatastrophe in Norilsk | Europa | DW | 29.06.2020
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Russland

Erneute Umweltkatastrophe in Norilsk

Der russische Bergbaukonzern Nornickel soll eine weitere Umweltkatastrophe verursacht haben. Das Unternehmen des kremlnahen Oligarchen Wladimir Potanin pumpt hochgiftige Abwässer in die Tundra, behaupten Ökoaktivisten.

Russland, Norilsk: Neuer Umweltskandal in russischer Tundra (picture-alliance/dpa/E. Kostyuchenko)

Ein Bild von "Nowaja Gaseta" zeigt angeblich die Stelle des neuen Vorfalls in Norilsk

Die russische Stadt Norilsk unweit des Nordpolarmeeres ist erneut in den Schlagzeilen und dieses Mal nicht wegen der steigenden Nickel- und Palladiumproduktion. Berichte über die schlechte oder sogar prekäre Umweltsituation in der nördlichsten Industriestadt der Welt auf der Taimyr-Halbinsel gibt es schon lange, doch in den letzten Wochen häufen sich Meldungen über schwere Umweltvergehen und über Versuche, sie zu vertuschen. Die Rede ist von gleich zwei Ökokatastrophen.

Für beide trägt demnach der Konzern Nornickel die Verantwortung. Das für das ganze Land systemrelevante Unternehmen gehört zu den größten russischen Rohstoffexporteuren. Es wird vom Milliardär Wladimir Potanin kontrolliert, einem der reichsten Männer Russlands mit engen Verbindungen in den Kreml.

Ausrufung des Notstands nach Diesel-Austritt in der Arktis

Die erste Ökokatastrophe ereignete sich am 29. Mai, als aus dem Tanklager eines Kraftwerks, das dem Nornickel-Konzern gehört, etwa 21.000 Tonnen Diesel austraten. Der Treibstoff gelangte in den Boden und in die nahe gelegenen Flüsse und wurde zu einer ernsten Bedrohung für das empfindliche Ökosystem in diesem Teil der Arktis. Das Unternehmen und die von ihm stark abhängigen örtlichen Behörden versuchten mehrere Tage lang, die Katastrophe zu verheimlichen oder kleinzureden.

Der Hauptaktionär von Nornickel Wladimir Potanin

Der Hauptaktionär von "Nornickel" Wladimir Potanin

Erst am 3. Juni fand eine vom russischen Präsidenten Wladimir Putin einberufene Videokonferenz statt, auf der der Notstand ausgerufen wurde: Die Katastrophe wurde somit als ein Ereignis von nationaler Tragweite qualifiziert. Danach wurden zusätzliche Kräfte des Ministeriums für Katastrophenschutz nach Norilsk entsandt. Bei einer weiteren Videokonferenz mit Putin versicherte der Oligarch Potanin, sein Unternehmen werde alle Kosten für die Beseitigung der Umweltschäden übernehmen. Er nannte sogar den voraussichtlichen Betrag: 10 Milliarden Rubel, umgerechnet etwa 127 Millionen Euro, eine für russische Verhältnisse gigantische Summe.

Seither vermelden staatliche russische Medien regelmäßig große Erfolge bei der Beseitigung des giftigen Diesels, während Umweltschützer daran erinnern, dass die Bekämpfung der Folgen einer ähnlichen Katastrophe im Hohen Norden Russlands viele Jahre dauerte.       

Eilige Spurenbeseitigung: Giftiges Wasser in die Tundra gepumpt

Genau einen Monat später, am 28. Juni, werden erste Informationen über einen zweiten schwerwiegenden Vorfall in Norilsk mit eindeutigem Potential für einen neuen Umweltskandal publik. Dieses Mal geht es um ein Absetzbecken (oder Schlammteich). So nennt man im Bergbau künstlich angelegte Reservoire, in die Abwässer mit oft giftigen Elementen abgeleitet werden.

Aus einem solchen Absetzbecken wurde eine große Menge mit Schwermetallen und Schwefelsäure belasteten Wassers in die Tundra abgepumpt. Das meldet die unabhängige Moskauer Zeitung "Nowaja Gaseta", die in Norilsk zusammen mit örtlichen Greenpeace-Aktivisten und einem ehemaligen Mitarbeiter der russischen Umweltbehörde Rosprirodnadzor, Wassili Rjabinin, den Vorfall dokumentierte.

Nornickel bestätigte in einer kurzen Mitteilung den Vorfall, behauptete aber, das "technische Wasser" sei am 28. Juni  aus dem nach Regenfällen überfüllten Absetzbecken über den Damm geschwappt, wäre danach aber gestoppt und auf das "angrenzende Gebiet" abgepumpt worden.

Russland Norilsk Ölkatastrophe (picture-alliance/dpa/Press-service of Nornickel)

Die Mitarbeiter von "Nornickel" an der Stelle des Ölunfalls in Norilsk im Mai 2020

Die Version der Umweltschützer und Journalisten klingt ganz anders. Wassili Rjabinin, der alles bereits in einem ausführlichen Brief direkt an Präsident Putin dargelegt hat, berichtet, dass er mit einer Korrespondentin der "Nowaja Gaseta" das Absetzbecken bereits am 20. Juni besuchte. In dessen Nähe hatte er davor auf Google-Satellitenbildern zahlreiche unnatürlich gefärbte Seen entdeckt. Auf Fotos, die er vor Ort mit einer Drohne machte, entdeckte er daraufhin zwei Schläuche, die Wasser aus dem Absetzbecken pumpten.

Am 28. Juni suchten die Umweltaktivisten gezielt diese Stelle am Absetzbecken. Sie fanden zwei Schläuche vor, aus denen Wasser mit starkem chemischem Geruch ins Umland gepumpt wurde, fotografierten und filmten die ausströmenden Flüssigkeiten sowie die absterbenden Bäume rundherum. Daraufhin erschienen neben Mitarbeitern von Nornickel und Polizisten auch Arbeiter, die eilig die Pumpen abstellten und die Schläuche abmontierten.

Wasserproben beschlagnahmt: Nornickel behindert Umweltaktivisten

Umweltaktivisten befürchten nun, dass das hochgiftige Wasser aus dem Absetzbecken letztendlich über kleine Flüsse nördlich von Norilsk in den Pjassinosee gelangen wird - ein selbst in Russland wenig bekanntes Gewässer in der Tundra, das allerdings bedeutend größer als beispielsweise der Bodensee ist. In ihn münden auch jene Flüsse, die durch den Diesel-Austritt Ende Mai verschmutzt worden sind.

Um den Grad der Verschmutzung festzustellen, haben Umweltaktivisten vor Ort Wasserproben aus dem See und seinen Zuflüssen entnommen. Am 27. Juni wollte der Abgeordnete der Moskauer Stadtduma und führende Politiker der oppositionellen liberalen Jabloko-Partei, Sergej Mitrochin, die Proben nach Moskau zu einer unabhängigen Untersuchung bringen. Doch im Flughafen von Norilsk wurde ihm die Mitnahme der Proben untersagt. Zur Begründung hieße es, dass jegliche Proben "nur mit der Erlaubnis des Kombinats" ausgeführt werden dürfen - was einen eindeutigen Verstoß gegen russische Gesetze darstellt. 

Die Vereinigung russischer unabhängiger Medien "Syndikat 100" rief daraufhin am 29. Juni die russischen Behörden dazu auf, zu klären, "wie es dem Geschäftsmann Wladimir Potanin gelungen ist, auf der Taimyr-Halbinsel einen selbständigen Staat mit eigenen Gesetzen zu schaffen", und forderte, dieses Gebiet "in den Rechtsraum der Russischen Föderation zurückzuholen".       

Am 29. Juni ereignete sich zudem nur fünf Kilometer von Norilsk entfernt ein Großbrand mit großer Rauchentwicklung. Auf einer Mülldeponie für Industrieabfälle brannte eine Fläche von etwa 1000 Quadratmetern. Der Brand konnte laut der staatlichen Nachrichtenagentur TASS gelöscht werden. Die Behörden melden, die zulässigen Grenzwerte für schädliche Stoffe in der Luft seien nicht überschritten worden. Der Industriegigant Nornickel versichert, er habe überhaupt keine Abfälle dort deponiert. Ungeachtet dessen ist Norilsk in diesem Sommer zum ökologischen Hot-Spot in Russland geworden.

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