Erinnern an SS-Gräuel in Italien | Aktuell Europa | DW | 25.08.2019
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Opfer des Nationalsozialismus

Erinnern an SS-Gräuel in Italien

Der Besuch von Bundespräsident Steinmeier in dem von deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg heimgesuchten Dorf Fivizzano hat eine doppelte Bedeutung: Erinnerung an deutsche Massaker und Zeichen gegen Rechtspopulismus.

Italien Fivizzano | Gedenken Massaker Zweiter Weltkrieg | Frank-Walter Steinmeier (picture-alliance/dpa/B. von Jutrczenka)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält seine Rede in italienischer Sprache

Dementsprechend fand Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier klare Worte: Die Erinnerung an die begangenen NS-Verbrechen sei eine Mahnung für ein engagiertes Eintreten gegen Nationalismus und Rassismus. "Unser gemeinsames Europa" gründe "auf einem Versprechen: Nie wieder entfesselter Nationalismus, nie wieder Krieg auf unserem Kontinent, nie wieder Rassismus, Hetze und Gewalt!", sagte Steinmeier bei einer Gedenkfeier für die Opfer eines Massakers von SS-Einheiten und Wehrmachtsoldaten in Fivizzano vor 75 Jahren.

An diese Lehre müssten sich die Menschen heute wieder erinnern, "gerade in Zeiten, in denen das Gift des Nationalismus wieder einsickert in Europa", sagte Steinmeier. Die Europäer müssten aus Respekt vor den Opfern und Überlebenden der NS-Verbrechen "streiten für Freiheit und Demokratie, für Menschenrechte und Menschlichkeit, für unser vereintes Europa - heute vielleicht sogar stärker als zuvor".

Rechtsruck durch Salvini

Die Warnungen des Bundespräsidenten vor Nationalismus und Rassismus könnten als Sorgen vor einer ultrarechten Regierung in Rom verstanden werden. Der Chef der rechtsradikalen Lega-Partei, Matteo Salvini, hatte Anfang August die Koalition mit der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung für gescheitert erklärt. Angesichts guter Umfragewerte für seine Lega und andere rechte Parteien dringt der einwanderungsfeindliche Innenminister auf vorgezogene Parlamentswahlen.

Steinmeier hielt seine Rede auf Italienisch vor etwa 200 geladenen Gästen sowie zahlreichen Einwohnern der 7500-Seelen-Gemeinde Fivizzano. Er betonte, er habe bewusst Fivizzano für das Gedenken an die Opfer deutscher Kriegsverbrechen in Italien gewählt, weil von den dort begangenen Massakern hierzulande kaum einer wisse. Die Opfer und ihre Nachfahren hätten aber "ein Recht darauf, dass auch bei uns in Deutschland bekannt wird, was Ihnen angetan wurde".

Sein Besuch in Fivizzano sei für ihn als Bundespräsident und als Deutscher ein "unendlich schwerer Weg" und er empfinde "ausschließlich Scham" über die deutschen Kriegsverbrechen, sagte Steinmeier. Mit Trauer verneige er sich vor den Toten der Massaker und bitte "um Vergebung für die Verbrechen, die Deutsche hier verübt haben." Zugleich sei er "zutiefst dankbar, dass wir diesen Weg des Erinnerns und Gedenkens um einer besseren Zukunft willen gemeinsam gehen können".

"Hass und Verbrechen"

Der Bundespräsident erinnerte an den "unbeschreiblichen, unbändigen Hass" der Nationalsozialisten, der zu Verbrechen wie in Fivizzano geführt habe. "Sogar Schwangere und kleine Kinder wurden bestialisch abgeschlachtet." Leider seien die meisten Täter nicht zur Rechenschaft gezogen worden und auch in Deutschland habe es zu lange gedauert, bis die Verbrechen juristisch aufgearbeitet worden seien.

Italien: Sant'Anna - Gedenken des Massakers von 1944 (picture-alliance/dpa/ansa)

Auch in Vaccarecia wütete die SS

 Aus Rache für einen Partisanenangriff hatten im August 1944 Männer der 16. SS-Panzer-Grenadier-Division "Reichsführer SS" unter Führung des Österreichers Walter Reder über mehrere Tage hinweg insgesamt mehr als 320 Menschen in mehreren Ortschaften von Fivizzano ermordet. Weitere Massaker begingen die SS-Männer im Mai 1944 in der Ortschaft Mommio und im September 1944 in Tenerano. Insgesamt wurden mehr als 400 Menschen umgebracht. Bei den Opfern handelte es sich zumeist um Frauen, Kinder und ältere Menschen. Die zu Fivizzano gehörende Ortschaft Vinca wurde von den SS-Leuten völlig zerstört. Eine deutsch-italienische Historikerkommission gelangte 2012 zu der Einschätzung, dass dabei bis zu 15.000 italienische Zivilisten ermordet wurden.

Der Historiker Arnd Bauerkämper von der Freien Universität Berlin spricht im Gespräch mit tagesschau.de von Exzessen und Massakern der Waffen-SS und SS-Einheiten, logistisch unterstützt und abgeschirmt von der Wehrmacht. Der Oberbefehlshaber in Italien, Alfred Kesselring, habe sich 1944 zunehmend in der Defensive gefühlt: auf der einen Seite die Partisanen, die nach dem Sturz von Benito Mussolini aktiver wurden, auf der anderen Seite die Alliierten, die vordrangen.

Porträt - Professor Arnd Bauerkämper (privat)

Professor Arnd Bauerkämper

Und so ordnete Kesselring an, rigoros gegen Partisanen vorzugehen, notfalls ohne Rücksicht auf die Bevölkerung. Erwischt hätten die deutschen Soldaten aber in aller Regel nicht die Partisanen, die sich schnell zurückzogen - sondern "sie haben unbeteiligte Leute, die nicht ausweichen konnten, sie haben hilflose Opfer niedergemetzelt." Das sei ein "flagranter Verstoß gegen Völkerrecht."

SS-Offizier wird vom FPÖ-Minister begrüßt

SS-Mann Reder, der auch wegen anderer Gräueltaten in Italien, wie das Massaker von Marzabotto als Kriegsverbrecher verurteilt wurde, kehrte nach seiner Entlassung aus dem italienischen Gefängnis 1985 nach Österreich zurück, wo er vom damaligen FPÖ-Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager per Handschlag begrüßt wurde, schreibt der ORF auf seinen Internetseiten. 

Italien Fivizzano | Gedenken Massaker Zweiter Weltkrieg | Frank-Walter Steinmeier & Sergio Mattarella (picture-alliance/dpa/B.v. Jutrczenka)

Bundespräsident Steinmeier und Italiens Präsident Mattarella (im Hintergr.) beobachten die Kranzniederlegung in Fivizzano

Steinmeier besuchte Fivizzano mit seiner Frau Elke Büdenbender, sie wurden von Italiens Staatschef Sergio Mattarella empfangen. Die beiden Präsidenten legten gemeinsam einen Kranz für die Massaker-Opfer nieder.

cgn/mak (afp, dpa, orf.at, tagesschau.de)

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