Erich Loest: Chronist deutscher Geschichte | Kultur | DW | 13.09.2013
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Kultur

Erich Loest: Chronist deutscher Geschichte

Er war einer der bedeutendsten Autoren der DDR und scheute nicht die Auseinandersetzung mit dem politischen System: der Schriftsteller Erich Loest. Im Alter von 87 Jahren ist er nun gestorben.

Erich Loest an seinem Schreibtisch in seiner Wohnung (2001) Foto: Hendrik Schmidt/dpa

2001: Erich Loest zu Hause am Schreibtisch

Bereits vor zwei Jahren sagte Erich Loest, er habe nicht mehr die Kraft, Romane zu schreiben. Nach langer Krankheit stürzte er sich am Donnerstag (12.09.2013) offenbar aus dem Fenster der Universitätsklinik in Leipzig, wie die Polizei mitteilte. Deutschland verliert einen der wichtigsten Chronisten der deutsch-deutschen Geschichte.


Vom „glühenden Nazi“ zum überzeugten Kommunisten

Der Schriftsteller Erich Loest am 21. März 1981 vor dem Heger-Tor in Osnabrück.

Erich Loest 1981 vor dem Heger-Tor in Osnabrück

Am 24. Februar 1926 wurde Erich Loest im sächsischen Mittweida geboren. Ursprünglich wollte er Landwirtschaft studieren. 1944 trat er der NSDAP bei. Ein Jahr später wurde er mit Hitlers letztem Aufgebot in den Krieg geschickt und geriet in amerikanische Gefangenschaft. In den Nachkriegsjahren änderte sich seine Überzeugung: Loest wandelte sich vom „glühenden Nazi“, wie er sich einmal selbst nannte, zum überzeugten Kommunisten und SED-Mitglied. In der DDR machte ihn sein Roman "Jungen die übrigblieben" von 1950 bekannt. Doch dann kam der 17. Juni 1953. Unter Einsatz sowjetischer Panzer schlug das SED-Regime einen Volksaufstand blutig nieder. Loest kritisierte die Führung dafür – und musste deshalb in den sogenannten "Stasi-Knast" nach Bautzen.

Aus der "gemordeten Zeit", wie er die sieben Jahre Haft bezeichnete, kehrte er 1964 schwer magenkrank und haftgeschädigt nach Leipzig zurück. Er machte dort weiter, wo man ihn gezwungen hatte aufzuhören – mit dem Schreiben und mit dem Leben. Zunächst veröffentlichte er noch unter Pseudonym in Leipzig. Die Schreiberlaubnis hatte man ihm in Bautzen zwar nicht explizit entzogen, aber ans Schreiben - geschweige denn an eine Publikation - war nicht zu denken: Loest bekam weder Papier noch Stifte. Und seine Ehefrau durfte ihn lediglich einmal im Vierteljahr besuchen. Rehabilitiert wurde er zur DDR-Zeiten nie. Das Urteil aus dem Jahr 1957 wurde erst 1990 aufgehoben.


Aus Leipzig in den Westen

Schriftsteller Erich Loest zeigt sein neues Buch Nikolaikirche, aus dem er im Rahmen des 5. Internationalen Symposiums Literatur an der Grenze am 24.10.1995 in Homburg/Saar vorlas.

Loest 1995 mit seinem Buch "Nikolaikirche"

In den zehn Jahren nach der Haft schrieb er elf Romane und 30 Erzählungen, darunter den Roman "Der Abgang", in dem sich seine Erlebnisse aus dem Weltkrieg und der Kriegsgefangenschaft widerspiegeln. 1979 trat er aus dem DDR-Schriftstellerverband aus - als Zeichen öffentlichen Protestes gegen die Zensur seines Romans "Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene" (1978). Der Streit um das Werk gipfelte, wie Erich Loest sagte, in einen harten, steten Kampf "in der DDR, gegen die DDR, für meine Literatur". Zwei Jahre später verließ er mit seiner gesamten Familie die DDR - in Richtung Osnabrück und Bad Godesberg.

Im Westen erarbeitete er sich schnell einen Platz als anerkannter Schriftsteller. Seine Werke wurden verfilmt, unter anderem eines seiner bekanntesten Bücher: "Völkerschlachtdenkmal" aus dem Jahr 1984. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kehrte Loest 1990 wieder nach Leipzig zurück. Den Weg zur Wende beschreibt sein Bestseller "Nikolaikirche" aus dem Jahr 1995. Zuvor setzte er sich mit der Überwachung durch die Stasi auseinander und veröffentlichte seine Erfahrungen in "Der Zorn des Schafes" (1990) und "Die Stasi war mein Eckermann oder: mein Leben mit der Wanze" (1991). Auch in seinen späteren Büchern arbeitete Loest die deutsche Geschichte auf und regte damit zu Diskussionen an.


Sorgfältiger Beobachter

Der Schriftsteller Erich Loest und sein Laudator Joachim Gauck stehen am 29.09.2010 nach Loests Auszeichnung mit dem Kulturgroschen in Berlin beisammen.

Nach der Verleihung des "Kulturgroschens" am 29.09.2010: Loest und sein Laudator Joachim Gauck

Für seine Arbeit erhielt er im Oktober 2012 den Preis des Fördervereins der Stasiopfer-Gedenkstätte. Mit seinen Werken habe Loest vielen Menschen in ganz Deutschland ein realistisches Bild der DDR als menschenfeindliche Diktatur vermittelt, hieß es in der Begründung. Eine detailgenaue Beobachtungsgabe, die sorgfältige Darstellung der Wirklichkeit - das waren seine Markenzeichen. Mit Erich Loest verliert der Literaturbetrieb einen unermüdlichen Warner und Zeitzeugen, vor allem aber einen integren und feinen Menschen, dessen Charakter keinen Raum ließ für einen Blick zurück im Zorn. Loest schrieb einmal: "An die Gründung der DDR kann ich mich nicht erinnern, denn an diesem Tag heiratete ich, und das muss für mich wichtiger gewesen sein als die Entstehung eines weiteren mitteleuropäischen Kleinstaats."


Der deutsche Schriftsteller Erich Loest, aufgenommen am 27.09.2007 in Dresden.

Erich Loest 2007 in Dresden

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