Epidemiologe Kurth: Corona-Zahlen sind nicht vergleichbar | Wissen & Umwelt | DW | 02.04.2020
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Statistik

Epidemiologe Kurth: Corona-Zahlen sind nicht vergleichbar

Ein länderübergreifender Vergleich der Corona-Statistiken sei derzeit schwierig, sagt Gesundheitsexperte Tobias Kurth von der Berliner Charité. Im DW-Interview erläutert der Epidemiologe die Gründe.

Deutsche Welle: Wir sehen täglich Statistiken über die Infektions- und Sterblichkeitsraten des Coronavirus in Deutschland. Und wir bekommen diese Statistiken aus Ländern auf der ganzen Welt. Wie aussagekräftig sind diese Zahlen? Sind sie korrekt?

Prof. Tobias Kurth: Die Zahlen [aus Deutschland] sind korrekt. Die Frage ist jedoch, ob man sie tatsächlich mit den Zahlen aus einem anderen Land vergleichen kann. Denn das ist sehr schwierig, da andere Länder ihre Zahlen anders melden. Sie testen anders, oder sie klassifizieren Patienten anders, die am Coronavirus beziehungsweise den damit verbundenen Symptomen gestorben sind.

Es trifft also nicht zu, dass die Zahlen, die wir in Deutschland melden, nicht richtig sind. Schwierig wird es nur, wenn man diese Zahlen mit den Zahlen aus einem anderen Land - zum Beispiel Italien - vergleicht.

Könnten Sie das weiter ausführen und uns ein Beispiel für einen Vergleich mit einem anderen Land geben?

Wenn Sie beispielsweise eine andere Bevölkerungsgruppe auf das Coronavirus testen [als in einem anderen Land], haben Sie eine ganz andere Gruppe von Menschen, die möglicherweise positiv auf das Virus getestet werden.

In Deutschland liegt das Durchschnittsalter der positiv Getesteten bei etwa 45 Jahren. In Italien liegt das Durchschnittsalter bei über 60 Jahren. In Deutschland haben wir demnach eine größere Gruppe von jüngeren Menschen, die positiv getestet werden. Das bedeutet aber auch, dass die Gruppe in Italien älter ist.

Und wir wissen, dass höheres Alter ein größerer Risikofaktor für den Tod durch eine Coronavirusinfektion ist. Da aber das Durchschnittsalter der Menschen, die an COVID-19 sterben gleich ist - etwas über 80 Jahre in beiden Ländern -, sollte es nicht verwundern, dass die absoluten Zahlen in Italien im Vergleich zu Deutschland höher sind. 

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Deutschland und die Corona-Krisenbewältigung: Gespräch mit Tobias Kurth, Epidemiologe

Es gibt noch einen weiteren Faktor, der im Moment vielleicht nicht so relevant ist. Aber die unterschiedlichen Sterblichkeitsraten in den verschiedenen Ländern, zum Beispiel in Italien und Deutschland, könnten auch auf bestimmte soziale Strukturen zurückzuführen sein.

Wir wissen, dass ältere Menschen in Italien im Vergleich zu Deutschland besser in das soziale Leben integriert sind. Das ist in der Regel eine gute Sache. Aber in diesem Fall erhöht sich so die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken.

Und die älteren Menschen sind diejenigen, die eher an dieser Krankheit sterben. Das könnte auch einige der Unterschiede erklären, die wir im Vergleich zu Deutschland sehen, wo die älteren Menschen im Vergleich zu Italien vielleicht etwas isolierter leben.

Wissen wir, wie viele Todesfälle normalerweise zu dieser Jahreszeit auftreten? Wie hoch ist die normale Zahl im Vergleich zu dem, was wir jetzt erleben? 

Das ist eine sehr gute Frage und eine sehr wichtige Frage. Diese Zahlen sind eigentlich sehr wichtig, um zu sehen, ob die Gesamtmortalität wirklich ansteigt. Berichte aus Italien deuten darauf hin, dass zumindest in einigen Regionen die Zahl der Menschen, die jetzt sterben und nicht als Coronavirus-Patienten eingestuft werden, ebenfalls zunimmt. Es ist also wahrscheinlich, dass es zu jedem Corona-Toten eine weitere Person gibt, die am Coronavirus gestorben ist, aber nicht als solche erfasst wurde.

Allerdings hängt es vom Land ab, ob Sie Daten darüber erheben, wie viele Menschen zum Beispiel in der letzten Woche gestorben sind, um dies mit der durchschnittlichen Sterblichkeitsrate in dieser Woche für die letzten fünf Jahre vergleichen zu können. Wenn es einen Anstieg gibt, würde man dann möglicherweise ein Warnsignal sehen, dass etwas schief läuft. 

Nur wenige Staaten melden ihre Daten an eine europäische Datenbank, so dass Sie diese Zahlen ziemlich schnell vergleichen können. Und soweit ich weiß, haben wir diese Daten in Deutschland im Moment auch nicht verfügbar.

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Infografik Coronavirus Todesfälle pro einer Million Einwohner DE

Es wird demnach also nicht wirklich genug getan, um diese Zahlen mit den Todesfällen von COVID-19 zu vergleichen, weil die Daten nicht vorhanden sind?

Zumindest nicht in Deutschland. Aber mir sind Berichte aus Italien bekannt, dass sie genau dies tun. Sie vergleichen die Zahl derjenigen, die in einer bestimmten Woche - sagen wir, in der letzten Woche - gestorben sind, mit den Todesfällen in dieser Kalenderwoche eines früheren Jahres oder im Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Und da erkennt man einen deutlichen Höhepunkt.

Wie wahrscheinlich ist es, dass wir in Deutschland oder anderswo einen gewaltigen und vielleicht unerwarteten Anstieg der Todesfälle erleben werden, weil nicht alle Coronavirus-Todesfälle als Coronavirus-Todesfälle registriert werden? 

Ich glaube, dass wir in Deutschland mehr Menschen an dem Coronavirus sterben sehen werden. Und irgendwann in der Zukunft werden wir wissen, ob es auch einen Anstieg der Gesamtsterblichkeit gab, der wahrscheinlich ebenfalls durch das Coronavirus verursacht wurde, aber noch nicht erfasst ist.

Weltweit könnte das gleiche gelten, denn wir testen nicht jeden. Außerdem testen wir eine Person, die [als Nicht-Coronavirus-Patient] stirbt, nicht darauf, ob sie tatsächlich eine Coronavirus-Infektion hatte. Aber das würde es uns erlauben, Menschen anders zu klassifizieren, als wir es derzeit tun. Ja, es wird also eine sehr große Zahl von Menschen geben, die am Coronavirus sterben, die wir aber derzeit nicht erkennen und auch nicht melden.

Professor Tobias Kurth ist Direktor desInstituts für Öffentliche Gesundheit an der Charité - Universitätsklinik in Berlin

Das Interview führten Charli Shield und Zulfikar Abbany.