Energiewende: Es wird heißer und die Zeit drängt | Wirtschaft | DW | 13.10.2021
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Energieagentur

Energiewende: Es wird heißer und die Zeit drängt

Die Energiewende verläuft nach Einschätzung der Internationalen Energie-Agentur (IEA) weltweit zu langsam. In ihrem am Mittwoch veröffentlichten World Energy Outlook mahnen die Wissenschaftler ein höheres Reformtempo an.

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IEA warnt: "Nutzen zu wenig erneuerbare Energien"

Die Investitionen beim Kampf gegen den Klimawandel müssen in den nächsten zehn Jahren mehr als verdreifacht werden, sollen die 2015 formulierten Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens noch erreicht werden. Das steht im Jahresbericht der Internationalen Energie-Agentur. Die Organisation betont dabei, dass "etwa 70 Prozent dieser zusätzlichen Ausgaben in Schwellen- und Entwicklungsländern getätigt werden" müssten, so IEA-Chef Fatih Birol bei der Vorstellung des World Energy Outlook (WEO).

Laut IEA ist der Anteil an erneuerbaren Energien wie Wind- und Solarenergie im Jahr 2020 weiter gewachsen, nur reichten diese Fortschritte reichten nicht aus, um die globalen Treibhausgasemissionen bis 2050 auf Null zu bringen.

Zwei ernüchternde Szenarien

Betrachte man die Maßnahmen, die von den Industriestaaten bereits umgesetzt wurden, könne, so die IEA, fast der gesamte zusätzlich Energiebedarf bis 2050 aus emissionsarmen Quellen gedeckt werden. Die jährlichen Emissionen würden wegen des Ausbaus der Energieinfrastruktur auf nationaler Ebene in Entwicklungsstaaten aber ungefähr auf dem Niveau von heute bleiben. Die Agentur geht in diesem Szenario von einem globalen Temperaturanstieg bis 2100 um 2,6 Grad im Vergleich zu vorindustrieller Zeit aus.

In einem anderen Szenario werden die Versprechen einiger Regierungen, in absehbarer Zukunft Klimaneutralität zu erreichen, einbezogen. Hier geht die Energieagentur von einer Verdoppelung der Investitionen in saubere Energien über die nächsten zehn Jahre aus. Bei vollständiger Einhaltung der Zusagen könnte die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen bis 2025 ihren Höhepunkt erreichen und die weltweiten CO2-Emissionen bis 2050 um 40 Prozent sinken. Dies würde den globalen Temperaturanstieg bis 2100 auf 2,1 Grad begrenzen - was immer noch deutlich über dem 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens liegt.

Kritik am Ratgeber

Die IEA berät die Industrieländer in Fragen der Energiepolitik. Mans Nilsson von der schwedischen NGO Stockholm Environment Institute sieht diese Beraterrolle aber kritisch. Die IEA, so der Schwede, sei traditionell sehr zurückhaltend, was die Beurteilung fossiler Energien einerseits und das Potential erneuerbarer Energien andererseits beträfe.

"Ihre unverhältnismäßig pessimistischen Vorhersagen zur Entwicklung der Installationskosten von Solar- und Windstromanlagen sind berüchtigt", sagte Nilsson in einem Interview mit DW. Das habe sich "inzwischen gebessert", fügte er hinzu, doch die IEA "bewerte Öl- und Gas noch immer zu positiv". Immerhin komme die Agentur inzwischen "zu einem entschiedenerem Ton, die Politiker dazu zu drängen, den Klimawandel einzudämmen."

"Hört auf die Wissenschaft!"

Auch David Tong von der NGO Price of Oil sieht die Arbeit der IEA grundsätzlich skeptisch. Er hatte bereits den letzten Report der IEA harsch kritisiert: "Ein kleiner Schritt, wo die Welt einen großen Sprung braucht". Der DW gegenüber präzisierte er heute: "Viele Regierungen verlassen sich auf den jährlichen IEA-Bericht um damit ihre Unterstützung für fossile Energien zu rechtfertigen."

Doch beim nächsten Weltklimagipfel, der COP26 in Glasgow, stehe ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel, "wenn sie jetzt die IEA-Daten ignorieren." Tong fordert, endlich "Geld in saubere und effiziente Energien" zu investieren. "Unsere Politiker dürfen nicht mehr auf die Bosse der Petro-Industrie hören, sondern sollten stattdessen den Wissenschaftlern folgen!"

Wenigstens eine gute Nachricht

Zum ersten Mal, stellt die IEA in ihrem Ausblick für 2021 fest, gehe der weltweite Ölverbrauch künftig nach unten. Nach Jahrzehnten des Wachstums sei das Zeitalter der fossilen Kohle beendet. Die Ankündigung Chinas, keine neuen Kohleprojekte mehr im Ausland zu unterstützen, könnte diesen Trend sogar noch beschleunigen. So könnte Peking bis 2050 rund 20 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen einsparen helfen, so die IEA. Das entspräche jener Menge, die die EU bis 2030 an ihren Gesamtemissionen einsparen will. 

Allerdings reiche auch das nicht, um die weltweiten Klimaziele zu erreichen, schüttet Birol wieder Wasser in den ohnehin dünnen Wein: "Die Ankündigungen der Staaten zusammen, würden bis 2030 nur 20 Prozent der weltweiten Emissionen einsparen, die es braucht, um bis 2050 klimaneutral zu sein."

Damit sich das ändert, müssten sich die Investitionen in Erneuerbare Energien verdreifachen: auf vier Billionen US-Dollar pro Jahr bis 2030. Fatih Birol: "Wir investieren nicht genug, um unseren zukünftigen Energiehunger zu stillen. Diese Ungewissheit erhöht das Risiko für eine sehr volatile Phase in den nächsten Jahren."

Steigende Energiepreise

Eine "volatile Phase" bedeutet wegen hoher Investitionen auch steigende Energiepreise. Kletterten die Preise weiter, verteuere sich Strom nach IEA-Schätzungen im Jahr 2030 um rund zehn Prozent. Fossile Wärme und Transport mit Verbrennungsfahrzeugen könnten sogar um 45 Prozent teurer werden.

"Es ist besonders wichtig, dass Energie weiterhin für alle Haushalte bezahlbar bleibt", betonen die IEA-Autoren. Um das zu erreichen, müsse vor allem die Energieeffizienz verbessert und der Umschwung zu Erneuerbaren so schnell wie möglich vorangetrieben werden.  

Und das sei laut IEA am Ende gar nicht so teuer wie angenommen: Fast die Hälfte der nötigen Investitionen in den Umbau der Energiewelt bestehe aus Effizienzsteigerung oder der Installation von Wind- und Solarparks dort, wo sie schon heute eine effiziente Lösung darstellen. So werde ein Markt entstehen, der er es 2050 mit einem Volumen von einer Billion US-Dollar mit dem aktuellen Ölmarkt aufnehmen könnte.

Unterstützung von unerwarteter Seite

Vereinzelt fordern in Deutschland inzwischen auch Wirtschaftsvertreter, dem Kampf gegen den Klimawandel mehr Aufmerksamkeit und mehr Geld zu widmen. So haben mehrere Dutzend große Konzerne die neue Bundesregierung aufgefordert, Wind- und Solarparks auszubauen.

Unter anderem Allianz, Rossmann und der SAP sowie der Energiekonzernen EnBW und Eon fordern einen schnelleren Ausstieg aus der Kohleverstromung und eine konsequente Hinwendung zur Nutzung alternativer Energien: ""Der Ausbau der erneuerbaren Energien wie auch der erforderlichen Stromnetze muss beschleunigt werden."

Nichts tun, wird richtig teuer

Die IEA unterstützt diese Forderung indirekt, indem sie darauf hinweist, dass zusätzliche Investitionen weniger kostspielig sein könnten, als manche denken. "Mehr als 40 Prozent der erforderlichen Emissionsreduzierungen würden aus Maßnahmen stammen, die sich selbst tragen, wie die Verbesserung der Effizienz, die Begrenzung von Gaslecks oder die Installation von Wind- oder Solarenergie an Orten, an denen sie jetzt die wettbewerbsfähigsten Stromerzeugungstechnologien sind."

IEA-Chef Birol bringt diese Aussage auf einen einfachen Nenner: "Der soziale und wirtschaftliche Nutzen einer beschleunigten Umstellung auf saubere Energien ist enorm, und die Kosten der Untätigkeit sind immens".

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