Ende einer Ära: Enttäuschung über Abriss der historischen Kudamm-Bühnen | Kultur | DW | 22.05.2018
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Theatergeschichte

Ende einer Ära: Enttäuschung über Abriss der historischen Kudamm-Bühnen

Nach fast 100 Jahren fällt Ende Mai der letzte Vorhang in der Berliner Traditionsbühne. Das Boulevard-Theater muss dem Neubau eines Shoppingcenters weichen. In vier Jahren kehrt es zurück - mit neuem Anstrich.

"Unsere Familie ist seit drei Generationen mit dem Gebäude verbunden. Wir sind sehr traurig, dass wir Abschied nehmen müssen", sagt der Theaterdirektor der Kudamm-Bühnen, Martin Wölffer, über den Abriss des historischen Gebäudes. Zehn Jahre hat die Familie Wölffer hartnäckig für die Zukunft des Theaters gekämpft. Wenigstens konnte sie einen Kompromiss erreichen, der zumindest das Überleben der beliebten Bühnen sichert:  Die beiden SchwesterhäuserTheater und Komödie am Kurfürstendamm ziehen nach der letzten Aufführung am 27. Mai 2018 für die kommenden vier Jahre in das Berliner Schillertheater - als Übergangslösung-, bevor sie in in das neu errichtete Gebäude am alten Ort zurückkehren können. 

Deutschland Künftige Gestaltung des Kudamm-Karrees (picture-alliance/dpa/David Chipperfiled Architects)

Berliner Visionen: So soll das zukünftige Theaterfoyer im Kudamm-Karree aussehen

Theaterleitung seit Generationen: Familie Wölffer

Viele Berliner sind über den Abriss tief enttäuscht, denn die Kudamm-Bühnen gelten als Inbegriff der Großstadt-Kultur des alten West-Berlins.1921 wurden sie an der bekanntesten Einkaufs- und Flaniermeile der Stadt eröffnet. Die Bau-Pläne mit viel Plüsch, Gold und Liebe zum Detail stammten von dem jüdischen Architekten Oskar Kaufmann. Regisseur Max Reinhardt etablierte hier in den 1920er Jahren ein neues Boulevardtheater, das es bis dahin nur in London und New York gab.

1933 beginnt dann die Geschichte der Familie Wölffer: Der junge Operndirigent und Regisseur Hans Wölffer übernimmt die beiden Theater und stürzt sich in eine schwierige Zeit: Jüdische Schauspieler, Autoren und Regisseure dürfen offiziell nicht mehr dort arbeiten, viele Stücke jüdischer Autoren sind von den Nazis verboten worden und müssen vom Spielplan genommen werden. 1942 werden die Häuser dann vom NS-Propagandaministerium verstaatlicht, Wölffer wird enteignet und überlebt den Krieg versteckt an der Ostsee. 

Neuanfang in der Nachkriegszeit

125 Jahre Kurfürstendamm Berlin Flash-Galerie (picture-alliance/Konrad Giehr)

Im Volksmund "Kudamm" genannt: Beliebte Promenier-Meile in den 50er und 60ger Jahren

In der Nachkriegszeit kommt es 1947 zur Wiedereröffnung, aus dem Theater wird erst ein Kino, und 1949 zieht dann die Freie Volksbühne am Kurfürstendamm in das Gebäude ein. Hans Wölffer kehrt 1950 zurück nach Berlin und übernimmt die Komödie wieder. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich das Haus in einem erbärmlichen Zustand. Er lässt das Theater renovieren und auf 600 Plätze vergrößern. In Berlin steht den Menschen nach der harten Kriegszeit der Sinn nach leichter Unterhaltung, und dafür bietet Hans Wölffer genau die richtige Art von Boulevard-Theater.

"Wollen’se was verdienen, dann kommen’se zu uns!" Mit diesen Worten lockt er viele bekannte Schauspieler auf seine Bühne: Inge Meysel, Katharina Thalbach und Harald Juhnke gehören später zum Stammpersonal. 1965 macht Wölffer seine Söhne Jürgen und Christian zu Mitgesellschaftern des Theater. Sohn Jürgen wird elf Jahre später Geschäftsführer. In den folgenden Jahrzehnten entwickelt er sich zum erfolgreichsten Theaterproduzenten in Deutschland. 2004 übergibt er seinem Sohn Martin (Bild unten) die Direktion, der bis heute das Theater am Kurfürstendamm in Familientradition führt.

Komödie und Theater am Kurfürstendamm Innnen (picture-alliance/R. Kremming)

Theaterdirektor Martin Wölffer im Theater am Kurfürstendamm

Der Dramatiker Rolf Hochhut verglicht in einem offenen Brief in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung polemisch den Abriss der Berliner Traditionsbühne mit der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933. Die beiden Gebäude seien die einzigen offiziellen im Art-Déco-Stil, die in Berlin errichtet wurden. Den Abriss nennt er einen "Skandal" und wirft der Politik in Berlin kulturelles Versagen vor. Hochhut ist den Kudamm-Bühnen emotional verbunden, 1963 wurde hier sein international erfolgreiches, aber skandalträchtiges Theaterstück "Der Stellvertreter" aufgeführt.

Vor- und Nachteile des neuen Standorts

Seit 1990 gilt das sogenannte Kudamm-Karree mit den beiden Bühnen als Spekulationsobjekt für Investoren und Immobilienhaie. Das zunehmend heruntergekommene Areal wechselte mehrfach den Besitzer. Für die Planung des Neubau eines lukrativen City-Quartiers waren die etablierten Theater ein Klotz am Bein. Anfang 2017 gelang dem neuen Berliner Kultursenator Klaus Lederer nach mühseligen Verhandlungen eine Einigung mit dem aktuellen Immobilien-Besitzer "Cells Bauwelt". 

Als Übergangsquartier für die beiden Bühnen wird bis 2021 das Schiller-Theater dienen. Danach soll die Komödie an den historischen Standort in das neu errichtete Gebäude am Kudamm zurückkehren. Zur Enttäuschung der Theaterbetreiber wird es dort nur 650 Plätze geben (vorher waren es 1400); zudem liegt der Raum deutlich abgeschiedener in einem Kellergeschoss. Doch es gibt auch Vorteile: Der neue Mietvertrag wird über mindestens 20 Jahre laufen und Theaterdirektor Wölffer bekommt statt zuletzt 235 000 Euro Landesförderung jährlich künftig das Vierfache an Subventionen.

Deutschland Künftige Gestaltung des Kudamm-Karrees (picture-alliance/dpa/David Chipperfiled Architects)

Die künftige Gestaltung des Kudamm-Karrees

Gemischte Gefühle beim Umbau

Zuletzt sorgten Recherchen der Berliner Zeitung für Aufsehen: Hinter der Münchner Firma Cells Bauwelt könne ein russischer Milliardär stecken, der auf der Sanktionsliste der EU steht. In der Nähe des Kudamms befinden sich bereits die Immobilien ganzer Straßenzüge in russischer Hand. Die Theater stehen deshalb ihrem Auszug mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber.

Am 26. Mai soll dennoch bei einem großen Abschiedsfest mit vielen Künstlern, Wegbegleitern und Theaterfreunden gefeiert werden. Am Sonntag (27.05.2018) ist dann endgültig die letzte Aufführung: Schauspielerin Katharina Thalbach steht in der von ihr selbst inszenierten Komödie "Der Raub der Sabinerinnen" auf der Bühne.

Bis zum Auszug sind dann noch vier Wochen Zeit, ehe das vorläufige Ende der Kudamm-Bühnen ansteht. Anschauen will sich Direktor Wölffer den Abriss aber nicht: "Das bricht mir das Herz", sagt er wehmütig.

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