Emmanuel Macron lässt Frankreichs Vororte im Stich | Europa | DW | 24.06.2018
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Banlieues

Emmanuel Macron lässt Frankreichs Vororte im Stich

Präsident Macrons Pläne, die benachteiligten Viertel auf Vordermann zu bringen, gehen bisher nicht so auf wie erwartet. Sein Vorgehen hatte sogar negative Auswirkungen auf NGOs in den Vororten. Lisa Louis aus Le Mans.

Eine junge Frau tanzt zu einem Bollywood-Song auf der Bühne des "Théâtre de l'Enfumeraie", einem Bürgertheater im Vorort Allonnes im Nordwesten Frankreichs vor den Toren von Le Mans. Die Tänzerin trägt ein schwarzes ärmelloses Oberteil und einen langen, mit Blumen bestickten Rock. Sie präsentiert ihre Bauchtanzvorführung mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen. Noch vor ein paar Monaten hätte sie sich niemals auf die Bühne getraut.

"Ich habe mir selbst nicht erlaubt, Musik zu hören oder auszugehen, um ein Theaterstück zu sehen", erzählt Anissa Vieira, die Tänzerin, der DW. "Selbst in einem Stück aufzutreten stand völlig außer Frage."

"Wie eine kleine Sekte"

Die 26-Jährige praktizierte bis vor kurzem eine sehr strenge Auslegung des Islams. Sie trug 10 Jahre lang Kopftuch, verließ kaum ihre Wohnung und verschrieb sich praktisch vollständig dem Studium des Korans. Sie verbrachte viel Zeit mit anderen verschleierten Frauen, die sie in der Moschee kennengelernt hatte.

"Wir waren fast wie eine kleine Sekte und fühlten uns nur sicher, wenn wir unter uns waren. Außerhalb unseres Vorortes gingen die Menschen uns an, weil wir verschleiert waren", erklärt Vieira. Ihre Geschichte hätte ein schlimmes Ende nehmen können, wenn sie jemanden getroffen hätte, der sie für den radikalen Islam hätte rekrutieren wollen.

Frankreich Banlieue (DW/Lisa Louis)

Auf ihrem Weg aus der Isolation war das Theater für Vieira von entscheidender Bedeutung

Aber die junge Frau beschloss, sich einem moderateren Islam zuzuwenden und hörte auf, sich zu verschleiern - auch, weil die Suche nach einer Arbeit sonst sehr schwierig geworden wäre. Ihre Beteiligung am Theater war für Vieira ein wichtiger Schritt zurück in ein normaleres Leben. "Durchs Schauspielern habe ich viel Selbstvertrauen gewonnen", sagt sie. "Die Menschen hier beurteilen mich nicht. Gruppen wie diese sind unwahrscheinlich wichtig, um Frauen wie mich aus unserer Isolation zu holen."

Letzte Chance, um zu Jugendlichen durchzudringen

Nicht nur für Frauen spielt das Theater eine große Rolle, erzählt Co-Leiter Bastien Chrétien. "Viele Jungs kommen hierher und ich sehe eine Art Dunkelheit in ihnen", erzählt Chrétien der DW. "Unser öffentliches Schulsystem hat sie im Stich gelassen - sie glauben nicht länger, dass sie einen Platz in der Gesellschaft haben. Diese Jungs sind leichte Beute für radikale Prediger."

Gruppen vor Ort wie die von Chretien seien häufig die letzte Chance, Jugendlichen doch noch Hoffnung zu geben, meint der Theaterleiter. "Wir können Menschen in der Gemeinde miteinander verbinden. Man braucht kulturelle Aktivitäten, um sie aus ihrer Isolation zu holen und ihre Radikalisierung zu verhindern."

Mehr dazu: Frankreich: Muslime im Kampf gegen den radikalen Islam

Die Regierung scheint das anders zu sehen. Seit er letztes Jahr das Präsidentenamt übernahm, hat Macron die Anzahl subventionierter Jobs um 40 Prozent gekürzt. Viele dieser Stellen waren bei NGOs in Vororten wie Allonnes angesiedelt.

Chrétien musste drei seiner fünf Mitarbeiter entlassen. "Wir können ihre Gehälter ohne die Regierungssubventionen nicht bezahlen. Ich glaube nicht, dass wir unsere Arbeit langfristig nur mit Freiwilligen fortführen können."

Ein kürzlich von der Regierung in Auftrag gegebener Bericht erschien wie ein Silberstreif am Horizont. Nachdem er monatelang durch die armen Banlieues Frankreichs gereist war, empfahl Frankreichs ehemaliger Minister für Umwelt, nachhaltige Entwicklung und Raumplanung, Jean-Louis Borloo, Maßnahmen im Wert von rund 50 Milliarden Euro auf 19 verschiedenen Gebieten wie Polizei, Rechtssystem, Bildung und Kultur.

Mehr zu den Banlieues in unserer Reportage von 2015:

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"Hier haben die Banden das Sagen"

In Frankreichs ärmeren Gebieten liegt die Arbeitslosigkeit bei rund 20 Prozent, in etwa doppelt so hoch wie der nationale Durchschnitt. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt sogar bei 35 Prozent. Aber Macron verkündete in einer langerwarteten Rede nicht, dass er die von Borloo empfohlenen Maßnahmen umsetzen wolle. "Ich werde nicht noch einen Plan für die Vororte ankündigen", sagte der Präsident. Frankreich habe mit solchen Plänen alles erreicht, was möglich sei.

Stattdessen wolle er "die Strategie ändern." Er rief dazu auf, gegen diskriminierende Einstellungspraktiken vorzugehen und versprach, einen Plan gegen den Drogenhandel aufzustellen.

Sylvie Charrière ist Abgeordnete der Regierungspartei La Republique en Marche! ("Die Republik in Bewegung!"). Im DW-Gespräch erklärt sie Macrons Strategie: "In unserem Land gibt es keine soziale Mobilität trotz all des Geldes, das für die Banlieues ausgegeben wurde. Wir wollen etwas umsetzen, das wirklich gleiche Chancen für alle schaffen kann."

Charrière sagt, dass der Präsident im Juli eine völlig neue Vorgehensweise vorstellen werde: "Wir werden uns auf die Erfahrungen der Bürgermeister verlassen, um Politik zu machen, die dicht an den Bewohnern dran ist."

Macron - Präsident der Reichen?

Frankreich Banlieue (DW/Lisa Louis)

Leproust: Macron hat seine Versprechen nicht gehalten

Davon haben Menschen wie Gilles Leproust, kommunistischer Bürgermeister von Allonnes, bisher wenig mitbekommen. Er wurde zwar für Borloos Bericht um Rat gefragt. Aber: "Wir haben uns respektlos behandelt und wütend gefühlt, als wir Macrons Rede gehört haben", so Leproust zur DW. "Das war doch nur Show, keine konkrete Antwort auf die monatelange Arbeit von Borloo. Es klang, als hätte der Präsident den Bericht nicht mal gelesen!"

Bisher habe Macron seinem Ruf, der Präsident der Reichen zu sein, alle Ehre gemacht. Den Armen käme er kaum entgegen. Trotzdem hofft Leproust immer noch, dass bei der Rede im Juli etwas Brauchbares verkündet wird: "Wir werden uns weiter für Borloos Vorschläge einsetzen, so dass sich endlich jeder in Frankreich respektiert fühlen kann."

Theaterleiter Chrétien erwartet schon lange nichts mehr von nationalen Politikern. "Ich glaube nicht, dass ein Präsident uns retten kann", sagt er. "Wir können uns nur auf uns selbst verlassen und müssen vor Ort zusammenhalten."

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