Abschiebung gestoppt - jetzt droht Gefängnis | Aktuell Europa | DW | 22.10.2018
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Abschiebung gestoppt - jetzt droht Gefängnis

Ende Juli blockierte die schwedische Studentin Elin Ersson eine Abschiebung nach Afghanistan - weil sie sich im Flugzeug weigerte, sich hinzusetzen. Dafür ist die 21-Jährige nun angeklagt worden.

Vor wenigen Monaten wurde Elin Ersson durch ein Facebook-Live-Video weltbekannt. Am 23. Juli 2018 betrat die Studentin in Göteborg ein Flugzeug. Sie wollte die Abschiebung eines jungen Mannes nach Afghanistan verhindern. Doch der Mann war nicht an Bord des Flugzeugs - dafür ein 52-Jähriger, der nach Kabul gebracht werden sollte. Elin Ersson beschloss, sich für den Mann einzusetzen. In ihrem 14-minütigen Video, das mehr als fünf Millionen Menschen sahen, dokumentierte sie ihren zivilen Ungehorsam. Sie weigerte sich, ihren Platz in der Maschine einzunehmen, und forderte den Piloten auf, eine Entscheidung zu treffen. "Ich werde mich erst hinsetzen, wenn sich diese Person nicht mehr im Flieger befindet", sagte sie.­­

Nach rund zwei Stunden hatte die 21-Jährige Erfolg: Der Mann konnte das Flugzeug verlassen, auch Ersson stieg aus dem Flugzeug aus. Der Mann wurde kurz darauf trotzdem nach Afghanistan abgeschoben - und Ersson muss sich Monate später für ihren Protest verantworten.

Ersson vor Gericht

"Sie hat sich eines Verbrechens schuldig gemacht, das ich beweisen kann und das sie nicht anerkennen will, also muss ein Gericht das entscheiden", zitiert die schwedische Tageszeitung "Aftonbladet" den zuständigen Staatsanwalt James von Reis.

"Sie hat in dem Flugzeug viel Durcheinander, Ärger und Besorgnis verursacht. Einige Passagiere waren darüber ziemlich aufgeregt", sagte von Reis dem schwedischen "Göteborgs-Posten" außerdem. "Meiner Ansicht nach sieht das Gericht in der Regel so etwas ernster, wenn jemand solche undemokratischen Methoden verwendet, um sich behördlichen Entscheidungen entgegenzustellen, was bei ihr im Grunde genommen der Fall ist", so der Staatsanwalt weiter.

Ersson selbst hatte in ihrem Video damals gesagt: "Ich tue, was ich kann, um ein Menschenleben zu retten. Was ich will, ist, diese Abschiebung zu stoppen, und dann werde ich mich an die Regeln hier halten. Das hier ist alles absolut legal, und ich habe kein Verbrechen begangen." Auch nach ihrer Aktion bekräftigte die Sozialwissenschafts-Studentin, die Teil eines losen Aktivistennetzwerkes ist, das sich gegen Abschiebungen nach Afghanistan einsetzt, sie habe das Richtige getan. Die schwedischen Gerichte ignorierten die gefährliche Lage in Afghanistan, so Ersson. "Regierung und Einwanderungsbehörde tun alles, um so viele Menschen wie möglich abzuschieben", sagte Ersson der DW im Interview.

Video ansehen 03:55

Schweden: Der Fall Elin Ersson

Durch ihren zivilen Ungehorsam im Flieger, der laut eines Polizeisprechers "objektiv eine Straftat" gewesen sei, drohen der Studentin nun eine Geld- oder Gefängnisstrafe. Die Staatsanwaltschaft fordert mindestens zwei Wochen. Das Landgericht Göteborg kündigte am Freitag an, Ersson wegen "Verbrechen gegen das Luftfahrtgesetz" strafrechtlich zu verfolgen.

Schweden behält Abschiebepraxis bei

Ihr Verteidiger Thomas Fridh sagte dem "Göteborgs-Posten", Ersson habe kein Verbrechen begangen: "Vor der Aktion hat sie sich die Mühe gemacht herauszufinden, wo die Grenze für einen legalen Protest ist. Sie war während des ganzes Protestes bereit, die Entscheidungen des Kapitäns an Bord zu berücksichtigen, und sie verließ auch das Flugzeug, sobald der Pilot entschieden hatte, dass sie das tun sollte."

Ersson selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Seit Ende Juli hat sie sich aber weiter engagiert. Auf Facebook postet sie Links zu dem Thema, positioniert sich, kritisiert die rigide Abschiebepraxis ihres Landes. Doch die bleibt bisher unverändert: "Ich kann nicht erkennen, dass sich auf politischer Ebene irgendetwas geändert hat", sagt Madelaine Seidlitz von Amnesty International Schweden der DW. Das bestätigt die schwedische Migrationsbehörde: An der Abschiebepraxis habe sich nichts geändert, so eine Sprecherin. Im vergangenen Jahr hatte Schweden 415 Menschen nach Afghanistan abgeschoben.

Wann der Prozess gegen Ersson startet, ist noch nicht bekannt.

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