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Elektrische Stimulanz der Zunge hilft gegen Tinnitus

19. Februar 2021

Quälende Ohrgeräusche werden meist mit Cortison behandelt. Ein Regensburger Forscher stimuliert beim Hören die Zunge - der Tinnitus verschwindet.

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Lärm
Bild: Colourbox/E. Wodicka

Weltweit leiden Millionen Menschen unter quälenden Ohrgeräuschen,  hohem Pfeifen, Zirpen, Rauschen oder Summen. Gerade wenn der Tinnitus lange nervt, kann dies für Betroffene zur einer großen Belastung führen, die Schlafstörungen oder auch Depressionen nach sich ziehen kann.

Verantwortlich für die Ohrgeräusche ist eine Störung im Ohr bzw. im Hörsystem. Aber wie diese Ohrgeräusche genau entstehen, ist bislang erstaunlicherweise unklar.

Komplexes Zusammenspiel

Im Hörorgan, der Schnecke, werden die Schallwellen aufgefangen. Die Sinneszellen wandeln die physikalischen Reize so um, dass der Hörnerv sie in Form elektrischer Signale aufnehmen und zum Hörzentrum im Gehirn weiterleiten kann.

Im Gehirn werden diese Informationen dann entsprechend sortiert und die Höreindrücke entschlüsselt. Störende Reize kann das Hirn sofort herausfiltern. Dabei spielt auch die Psyche eine wichtige Rolle. Auch von ihr hängt ab, ob oder wie wir etwas hören bzw. wahrnehmen.

Wird dieses hochkomplexe Zusammenspiel gestört, dann wird das Gehörte falsch weitergegeben. Die Nervenzellen reagieren nicht oder aber sie reagieren überaktiv, um den entstandenen Hörverlust zu kompensieren.

Was hilft gegen Tinnitus?

Cortison als Allheilmittel

Die übliche Behandlung bei einem Tinnitus etwa nach einem akuten Hörsturz ist die hochdosierte Gabe von Cortison, meistens in Tablettenform, als Spritze oder als Infusion. Über den Magen bzw. über die Blutbahn soll das Cortison ins Mittelohr gelangen und die Durchblutung anregen. 

Allerdings: "Die genaue Wirkung von Cortison (Kortison) bei Tinnitus ist nicht bekannt. Es werden sowohl durchblutungsfördernde als auch immunologische Effekte diskutiert, außerdem Entzündungshemmung und Abschwellung."  Entsprechend wird seit Jahren "erprobt, ob das Einbringen des Kortison mittels einer Spritze durchs Trommelfell ins Mittelohr wirksamer ist als die innerliche Gabe (Infusion, Tabletten).

Alternative Therapieansätze

Alternativ wird in der kognitiven Verhaltenstherapie versucht, den Tinnitus-Ton durch Training bewusst zu "überhören". Bei einer Musiktherapie wird dagegen versucht, dass die Tinnitus-Patienten den nervigen Tinnitus-Ton selber zu singen oder summen versuchen.

Der ungewöhnliche Therapieansatz des Neurologen Berthold Langguth, dem Leiter des Tinnituszentrums Regensburg, geht in eine ähnliche Richtung: Mithilfe von Geräuschen und elektrischen Impulsen programmiert er das Gehirn schonend um und kann so die störenden Ohrgeräusche abschwächen.

Seit Jahren versuchen Forschende, über eine Elektrostimulation der Zunge zusätzlich das Hörzentrum des Gehirns mit Informationen zu versorgen und so die Tinnitusentstehung im Gehirn zu regulieren.

Das Ohr – ein empfindliches Organ

Durch eine Hörstörung werden defekte Nervenzellen immer empfindlicher und aktiver. "Wenn das Gehör bestimmte Frequenzen nicht mehr wahrnimmt, kompensiert es dies durch eine stärkere Reaktion im Bereich genau dieser Frequenzen", erklärt Langguth. Das Gehirn versucht die fehlenden Informationen vom Ohr also auszugleichen, und so entsteht der quälende Tinnitus-Ton. 

Auch die Zunge ist mit dem Hörzentrum verbunden

Genau hier setzt der Regensburger Forscher an: Da es viele verschiedene Formen von Tinnitus gibt, wird bei jedem Patienten individuell der jeweilige Tinnitus-Ton ermittelt. Aus diesem Frequenzbereich hört er anschließend über Kopfhörer Töne und Geräusche, während parallel dazu die Neuronen, also die Nervenzellen, seiner Zungenspitze mit leichten elektrischen Impulsen stimuliert werden. Denn erstaunlicherweise führen einige Nervenbahnen von der Zunge direkt zu dem Zentrum im Gehirn, wo die Hörwahrnehmung stattfindet. 

Das Elektrostimulationsgerät erinnert an ein Handy, an dem Kopfhörer und eine Art Zahnbürste mit Kontakten angebracht sind, die sich der Patient auf die Zunge legt. 

MEDICA Tinnitus Neurostimulation
Da es viele verschiedene Formen von Tinnitus gibt, wird bei jedem Patienten individuell der jeweilige Tinnitus-Ton ermittelt.Bild: ANM www.tinnitus-aktuell.de

Die elektrische Stimulation signalisiert den überaktiven Tinnitus-Neuronen, sich zu "beruhigen". Was verrückt klingt, scheint aber zu funktionieren: In einer Studie mit 326 Probanden verringerten sich die quälenden Ohrgeräusche bei rund 80 Prozent der Teilnehmer, die ihr Gehör selber über zwölf Wochen täglich eine Stunde lang stimuliert hatten.

Die Pfeifen verschwand, die Probanden konnten wieder besser schlafen und sich konzentrieren. Und bei Dreiviertel der Probanden hielten diese positiven Effekte auch noch ein Jahr nach dem Therapieende an.

Für die klinische Studie  waren die Probanden in drei Gruppen eingeteilt, die jeweils mit verschiedenen Tönen stimuliert wurden. Eine Placebo-Gruppe gab es bei dem Versuch allerdings nicht. Die besten Resultate gab es in der Gruppe, in der der Frequenzbereich nahe am Tinnitus-Ton lag.

Schonende Geräte für die Zungenstimulation

Zwar kam es bei wenigen Patienten zu einer vorübergehenden Reizung der Mundschleimhaut. Aber nach Angaben von Professor Langguth hätten die Probanden überraschenderweise die elektrische Stimulation der empfindlichen Zungenspitze nicht als zu unangenehm empfunden: "Ich war erstaunt, wie gut das die Patienten toleriert haben. Wichtig ist natürlich, dass die Stimulation nicht zu intensiv wird", sagt der Neurologe.

Für seinen ungewöhnlichen Therapieansatz sollen jetzt Geräte für eine entsprechend schonenden, kabellose Zungenstimulation entwickelt werden. 

DW Mitarbeiterportrait | Alexander Freund
Alexander Freund Wissenschaftsredakteur mit Fokus auf Archäologie, Geschichte und Gesundheit@AlexxxFreund