El Salvador im Würgegriff der Gangs | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 28.08.2015
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Amerika

El Salvador im Würgegriff der Gangs

In El Salvador eskaliert die Gewalt der Gangs. Die Mordrate ist so hoch wie fast nirgends auf der Welt. Jetzt erwägt die Regierung, das Militär einzusetzen. Kritiker fürchten nun noch mehr Mord und Totschlag.

El Salvador gehört zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas - und zu den gewalttätigsten. Binnen drei Tagen sind dort vergangene Woche 125 Menschen von Straßengangs ermordet worden. Nun hat das Verfassungsgericht des Landes die Banden als terroristische Vereinigungen eingestuft.

Mindestens 3854 Tötungsdelikte haben die Behörden von El Salvador in diesem Jahr registriert. Wenn es so weiter geht, wird an Sylvester fast jeder Tausendste der 6,3 Millionen Salvadorianer in diesem Jahr ermordet worden sein. Abgesehen von Kriegsregionen weist nur der karibische Nachbar Honduras eine vergleichbare Mordrate auf.

Importierte Strukturen

In beiden Ländern gehören die Mörder meist einer der "Maras" an - der Straßengangs, die mit Überfällen und Erpressung, Waffenschmuggel und Drogenhandel Geld einnehmen. Ihre Wurzeln liegen in den Gangs der Latino-Viertel von Los Angeles, in die viele Salvadorianer vor dem Bürgerkrieg in den 1980er Jahren in ihrer Heimat geflohen waren.

El Salvador Busfahrer Streik Bus Gang Straßengangs (Foto: Picture-alliance/dpa/O. Rivera)

Im Juli streikten Busfahrer, nachdem Gangs fünf ihrer Kollegen exekutiert hatten.

Nach Ende des Konflikts bauten sie ihre kriminellen Strukturen in El Salvador auf. "Dieser Prozess beschleunigte sich, nachdem die USA begannen, illegale Immigranten in ihre Heimatländer zu deportieren", heißt es in einer Studie der Forschungsabteilung des US-Kongresses.

Heute schätzt die UN-Drogenbehörde die Mitgliederzahl der beiden größten Maras, "Salvatrucha" und "Barrio 18", auf 54.000 Mitglieder in El Salvador, Honduras und Guatemala zählen; 22.000 von ihnen im kleinsten der drei Länder: El Salvador. In Nicaragua sind demnach vor allem kleinere Gangs aktiv.

Nachwuchs vom Schulhof

Ihren Nachwuchs rekrutieren die Maras bereits auf Schulhöfen. Sie bieten den Kindern, was ihre Eltern oft nicht haben: ein finanzielles Auskommen und das Gefühl des Respektiert-Werdens. Zu den Machtinsignien gehören Tätowierungen. Verdienen muss man sie sich durch Treue und Brutalität.

Wegen der halbwüchsigen Rekruten werden die Maras oft als "Jugendbanden" bezeichnet. Wer sie deshalb für harmloser als ander hält, ist auf dem Holzweg. Das Durchschnittsalter der Gangster ist wohl auch deshalb niedrig, weil ihre Lebenserwartung ebenfalls gering ist.

Lukrative Waffenruhe

Jahrelang nämlich fochten die Gangs einen blutigen Kampf um ihre Einflussgebiete aus. 2012 dann schlossen "Salvatrucha" und "Barrio 18" einen Waffenstillstand. Die Zahl der Morde sank von mehr als 4000 in jedem der beiden Vorjahre auf 2500 in den Jahren 2012 und 2013. Der Waffenstillstand hält, weil es profitabler ist, wenn jede Mara ihr Territorium "in Frieden" tyrannisieren kann.

El Salvador Gefängnisaufstand in Quezaltepeque (Foto: Reuters/J. Cabezas)

Ende August wurden vierzehn Gangster im Gefängnis Quezaltepeque ermordet. Die Polizei ermittelt.

Doch nun hat auch das Töten wieder Konjunktur. Fast 3912 Tote waren es im 2014. Bleibt es beim bisherigen Tagesdurchschnitt von fast 16 Morden pro Tag, ist diese Zahl in diesem Jahr bereits Ende August überschritten.

Spirale der Gewalt

Seit dem Waffenstillstand waren edie Opfer fast ausschließlich Zivilisten. Doch bekämpfen sich die Gangs offenbar wieder. Die Toten der letzten Wochen, schätzt Verteidigungsminister David Munguía Payés, seien zu 85 Prozent Bandenmitglieder.

Zudem hat sich die Fehde zwischen Polizei und Gangs wieder verschärft: Im Januar 2015 wurden sieben Beamte binnen zwei Wochen liquidiert - ein Racheakt für Polizeiwillkür, soll es aus Mara-Kreisen geheißen haben. Prompt kündigten Polizei und Regierung rigoroses Durchgreifen an.

Für die Experten von "InSight Crime", einer Stiftung, die organisierte Kriminalität in Nord- und Südamerika untersucht, ist es nur eine der zahlreichen Windungen in der neuerlichen Gewaltspirale: "Der Vergeltungscharakter begleitet von entsprechender Rhetorik ist auffällig."

Das weckt Erinnerungen: Mehrfach hatten Präsidenten in El Salvador ein Regime der harten Hand angekündigt. Immer anworteten die Gangs so wie 2009, als unter der "Super Harten Hand" von Ex-Präsident Antonio Saca die Mordrate auf ein historisches Hoch von 4367 Morden stieg. Diese Marke könnte 2015 schon bald erreicht sein.

Bemühte Regierung

Dass die Regierung dennoch erneut auf Konfrontation setzt, scheint klar. Im Mai holte ein Unternehmerverband den ehemaligen Bürgermeister von New York Rudolph Giuliani als Sicherheitsberater ins Land. In dessen Amtszeit war die Kriminalität in der US-Metropole massiv gesunken. Giuliani hatte auf Null-Toleranz gegenüber Straftätern gesetzt.n Der Regierung von El Salvador rät er zu einer ähnlichen Strategie.

El Salvador Symbolbild Gang Mitglieder Polizei Festnahme (Foto: Picture-alliance/dpa/O. Rivera)

Nicht alle Festnahmen verlaufen ordnungsgemäß. Gangster in El Salvador klagen über Polizeiwillkür.

Das Urteil, das "Salvatrucha" und "Barrio 18" als Terrorgruppen klassifiziert, lässt darauf schließen, dass die Regierung den Rat annimmt und sogar das Militär gegen die Gangs einsetzt - "obwohl es wenig Anhaltspunkte dafür gibt, dass militärische Sicherheitslösungen die Gewalt reduzieren", heißt es bei InSight Crime. Zweifel bestehen auch darüber, ob Giulianis Taktik auf Mittelamerika anwendbar ist, wo Beamte weitaus schlechter bezahlt sind, und mithin zu mehr Korruption neigen.

Eher schon könnte das erste Rehabilitationsprogramm für Gang-Mitglieder in der Geschichte des Landes fruchten, das die Regierung parallel plant. Die Kosten dafür könnten allerdings die Möglichkeiten übersteigen. Einen Hoffnungsschimmer sieht man bei InSight Crime dennoch: Rund 700 Polizisten sind in diesem Jahr bereits wegen Verstößen gegen die Dienstvorschriften zeitweise suspendiert worden. Weiter 200 wurden aus dem Dienst entlassen. Eine funktionierende Polizei wäre ein erster Schritt zu mehr Sicherheit. Das könnte Investoren motivieren, Jugendlichen eine bessere Perspektive zu bieten, als es das organisierte Verbrechen kann.

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