El Niño: Indien bereitet sich auf Dürre vor
27. Juni 2026
Gurpreet Singh ist nur einer von Millionen Landwirten in Indien, die mit Sorge die Entwicklung des Monsuns beobachten. Er baut im Norden Indiens, im Bundesstatt Punjab, Reis an und in diesem Jahr könnte El Niño massive Auswirkungen auf den Anbau, die Lebensmittelpreise und Versorgung mit Wasser haben.
Das Phänomen El Niño tritt auf, wenn die Wasseroberflächentemperaturen im tropischen Pazifik ungewöhnlich steigen und so Niederschlagsmuster und Wettersysteme in großen Teilen der Welt - auch in Indien - beeinflussen.
Das Wetterphänomen wird auch mit geringeren Monsunregen in Indien in Zusammenhang gebracht. Für dieses Jahr wird ein besonders starker El Niño vorhergesagt.
Fällt während des "kharif", der Pflanz- und Wachstumsphase während des Sommermonsuns, über einen längeren Zeitraum weniger Regen, müssen die Landwirte ihre Felder stärker künstlich bewässern. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die bereits überbeanspruchten Grundwasserreserven, sondern treibt auch die Kosten für den Anbau in die Höhe.
"Mit einer kurzen Trockenperiode werden wir fertig", sagt Singh zur DW, "Was uns wirklich Sorgen macht, ist, wenn der Niederschlag während der gesamten Monsunzeit unter der normalen Menge liegt."
Indien stellt sich auf geringere Monsunniederschläge ein
Da während dieser Monsunzeit mit geringeren Niederschlägen als üblich und möglichen Ernteeinbußen bei der Sommeraussaat zu rechnen ist, hat das indische Ministerium für Landwirtschaft und Wohlfahrt der Landwirte Notfallpläne für die Regionen ausgearbeitet, die am stärksten von Niederschlagsdefiziten betroffen sein werden.
Das Ministerium hat 111 Bezirke mit einer Bewässerungsabdeckung von 25 Prozent identifiziert, in denen bei schlechteren Monsunbedingungen ein Eingreifen erforderlich wird.
"Wir sehen uns wegen El Niño mit einem möglicherweise schwachen Monsun konfrontiert. Die Auswirkungen werden bereits sichtbar, denn der Beginn des Monsuns ist derzeit deutlich verzögert", sagte Landwirtschaftsminister Shivraj Singh Chouhan kürzlich.
"Die Niederschlagsmengen liegen bislang um 43 Prozent unter dem Normalwert. Wetterprognosen weisen darauf hin, dass die Bedingungen im Juli ähnlich bleiben", fügte er hinzu.
Das Landwirtschaftsministerium hat eine El-Niño-Beobachtungsstelle sowie eine Erntewetterbeobachtungsgruppe eingerichtet. Die Bundesstaaten wurden aufgefordert, Überwachungszentren einzurichten und sich bei der Beobachtung von Niederschlägen, Erntebedingungen und dem Fortschritt der Aussaat eng mit der Bundesregierung abzustimmen.
"Super-El Niño" könnte Wasserknappheit verschärfen
Die Auswirkungen eines trockenen Sommers reichen weit über die Produktion von Feldfrüchten hinaus. Nahezu die Hälfte der landwirtschaftlichen Fläche in Indien ist abhängig von Regenfällen, der Monsun ist also entscheidend für die landwirtschaftliche Produktion, das Einkommen in ländlichen Regionen und die Lebensmittelpreise.
Durch die Regenfälle von Juni bis September werden Stauseen und Grundwasserreserven gefüllt, die als Trinkwasserquelle für Millionen von Menschen dienen. Geringe Niederschläge und steigende Temperaturen schaden auch der Viehzucht, der Fischerei und den Wäldern und bringen so die Lebensgrundlagen im ländlichen Indien in Gefahr.
Zahlen der Regierung zufolge arbeiten etwa 260 Millionen Menschen in Indien in der Landwirtschaft, also mehr als 45 Prozent der gesamten arbeitenden Bevölkerung des Landes.
Der trockenste Monsun innerhalb eines Jahrzehnts?
Der aktuell starke El Niño trete zu einer Zeit auf, in der der Klimawandel bereits zu unzuverlässigeren Regenfällen in Indien geführt habe, sagt Sunita Narain, Direktorin des Centre for Science and Environment. Es regne stärker an weniger Tagen und extreme Wetterereignisse träten immer häufiger auf.
"Ein Super-El Niño in diesem Jahr wird zeigen, wie der Klimawandel die von Niederschlägen abhängige Wirtschaft verändert", sagt Narain zur DW. Indien sei weit davon entfernt "monsun-sicher" zu sein, fügt sie hinzu.
Der indische Meteorologische Dienst (IMD) senkte seine Prognose für den Monsun auf 90 Prozent des langjährigen Mittels. Das würde diesen Monsun zum trockensten in mehr als einem Jahrzehnt machen. Die Niederschlagsmengen bislang lagen unter dem Normalwert und verstärken so die Sorgen hinsichtlich der kommenden Saison.
"Ein sehr starker El Niño wird immer wahrscheinlicher und es wird davon ausgegangen, dass er sich negativ auf den Sommermonsun in Indien auswirken wird", bestätigt Akshay Deoras, Klimawissenschaftler beim britischen National Centre for Atmospheric Science der University of Reading, gegenüber der DW.
Aktuelle Klimamodellprojektionen zeigen, dass die saisonalen Niederschlagsmengen in ganz Indien deutlich unter dem langfristigen Mittel liegen könnten, in manchen Regionen sogar erheblich.
"Diese Ausfälle könnten die Landwirtschaft und die Wasservorräte erheblich belasten, insbesondere in Gegenden, in denen überwiegend Regenfeldbau betrieben wird. Der Wasserstand in den Stauseen, die Neubildung von Grundwasser und die Stromerzeugung aus Wasserkraft könnten ebenfalls unter Druck geraten, wenn die Niederschlagsdefizite während der gesamten Saison anhalten", sagt Deoras.
Zusammenspiel von El Niño und Klimawandel
Der Zusammenhang zwischen El Niño und einem Abschwächen der Monsunregen ist historisch gut belegt, der Klimawandel macht das ganze System jedoch noch komplexer und unbeständiger.
"Wir beobachten vermehrt längere Trockenzeiten, die von kurzen Zeiten mit heftigen Regenfällen unterbrochen werden, ein Muster, das insbesondere für die Landwirtschaft schädlich sein kann", fügt Deoras hinzu.
Angesichts des historischen Zusammenhangs von El Niño mit geringeren Niederschlägen und höheren Temperaturen in Indien seien Befürchtungen berechtigt, meint Chandra Bhushan vom International Forum for Environment, Sustainability and Technology in Delhi.
"Die Wissenschaft bleibt unverändert. Schwierig vorherzusagen in Zeiten der globalen Erwärmung ist jedoch das Ausmaß der Auswirkungen", sagt er zur DW.
Auswirkungen bis in den Winter hinein?
Harish Damodaran ist Redakteur für Landwirtschaft und den ländlichen Raum bei der Tageszeitung "The Indian Express". Er meint, die Sorgen um die Sommeraussaat könnten überzeichnet sein. Zwei gute Erntejahre in Folge hätten die Lebensmittelvorräte recht gut gefüllt und trügen dazu bei, die Lebensmittelinflation trotz geopolitischer Turbulenzen in Grenzen zu halten.
"Die echte Krise wird nicht die aktuelle Monsunaussaat betreffen, sondern die Winteraussaat", sagt er zur DW. "Zum Ende des Jahres hin soll El Niño sich noch verstärken und könnte wärmere Temperaturen mit sich bringen, die sich auf Kulturen wie Weizen, Senf und Kichererbsen auswirken."
"Ein warmer und kurzer Winter wäre das größere Risiko. Er könnte sich auf Erträge, das Einkommen der Landwirte und die Lebensmittelpreise nach September auswirken."
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.