Einwanderung nach Israel: ″Des einen Freud, des anderen Leid″ | Nahost | DW | 14.05.2018
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70 Jahre Israel

Einwanderung nach Israel: "Des einen Freud, des anderen Leid"

Israel wurde als das Land der Juden gegründet, das zeigt die Einwanderung seit der Staatsgründung. Manchen aber bleibt die Tür verschlossen.

Vor 70 Jahren, am 14. Mai 1948, als sich die britischen Streitkräfte aus Palästina zurückzogen und David Ben Gurion die Unabhängigkeitserklärung Israels verlas, stand Moshe Zimmermann auf einem Balkon, die Fahne des neuen Staates in der Hand. Heute, sieben Jahrzehnte später, ist er sich nicht sicher, ob er sich tatsächlich an den Tag erinnern kann. Vielleicht haben sich auch die Erzählungen seiner Familie und ein altes Foto, das ihn als kleinen Jungen zeigt, zu dem Bild zusammengefügt, das er im Kopf hat. Zimmermann ist Historiker und weiß, dass Erinnerungen manchmal trügerisch sein können.

Damals aber, so viel steht fest, feierten die Juden die Gründung ihres Staates, auf den sie so lange gewartet hatten. Und heute, 70 Jahre und etliche Kriege später? Sollte die Erinnerung an die Staatsgründung wirklich so groß gefeiert werden? Moshe Zimmermann macht eine kurze Pause und sagt dann: "Des einen Freud ist des anderen Leid."

Moshe Zimmermann Historiker Universtität Jerusalem (picture alliance/ZB)

Zimmermann nennt den israelischen Nationalismus "rassistisch"

Für das jüdische Volk sei der Tag "bestimmt ein Grund zu feiern", so der emeritierte Historiker von der Hebräischen Universität Jerusalem, der längere Zeit auch in Deutschland gelehrt hat. Denn damals, nach dem unvorstellbaren Grauen des Holocaust und des Zweiten Weltkrieges, war Israel ein Zufluchtsort für alle, die die Jahre davor irgendwie überlebt und mit dem Krieg das Vertrauen in ihre alte Heimat verloren hatten. In den Anfangsjahren kamen viele Flüchtlinge aus Europa. Viele hatten Monate in Übergangslagern verbracht.

In den ersten Jahren dominierten die osteuropäischen Juden

Aber nicht alle hatten damals einen Grund zu feiern, wie Zimmermann betont: "Die Bevölkerung Palästinas hat darunter gelitten." Für sie bedeutete der Tag den Beginn ihrer Flucht - und auch ihrer Vertreibung. Unmittelbar nach der Gründung erklärten die arabischen Nachbarstaaten Israel den Krieg, den das junge Land 1949 für sich entschied. Der Sieg sei mit einer "massiven Räumung" des Landes einhergegangen, sagt die deutsch-israelische Historikerin Tamar Amar-Dahl. Die Folge: 750.000 Palästinenser, die bis zum Ende des Krieges vertrieben wurden oder flohen. Für Amar-Dahl, die unter anderem an der Freien Universität Berlin lehrt, sind sie die "ultimativen Opfer" der Geschichte. 

Zurück blieb ein dünn besiedeltes Land, in dem laut Zimmermann etwa eine halbe Million Juden und 100.000 Araber lebten. 90 Prozent der Juden waren damals europäische Juden, die allermeisten aus Osteuropa. Diese, so der Historiker, hatten in ihren Herkunftsländern den sehr aggressiven, oft antisemitischen Nationalismus des frühen 20. Jahrhunderts erlebt: "Da entstand in der nationalen Reaktion der Juden der Wunsch nach Abwehr, auch nach Anwendung von Gewalt." Zimmermann spricht von einem "bellizistischen" jüdischen Nationalismus, den die Einwanderer mitbrachten und der seitdem dominiert.

"Aversion" gegenüber nichtjüdischen Flüchtlingen?

Gründung des Staates Israel 1948 Premierminister Ben-Gurion (picture-alliance/dpa)

14. Mai 1948: Ben Gurion verkündet die Gründung des Staates Israel

Zimmermann und auch Amar-Dahl beschreiben einen Staat, der jüdische Einwanderer willkommen heißt, der sie auch aktiv anwarb und bis heute weiter anwirbt. Doch anderen Geflüchteten und Migranten stehe Israel ablehnend gegenüber. "Man setzte die Grenze: Aufnahmebereitschaft für Juden allein", so Zimmermann. Das betrifft vor allem die Palästinenser, die seit Generationen auf die Rückkehr in ihr Heimatland hoffen. Betroffen sind aber auch Flüchtlinge aus Afrika, die in Israel Zuflucht suchen.

Besonders viele von ihnen stammen derzeit aus dem abgeschotteten Eritrea im Osten Afrikas. Ihnen begegne der jüdische Staat, so formuliert es Zimmermann, mit "Aversion". Zwischen 40.000 und 60.000 sogenannte "illegale Flüchtlinge aus Afrika" sollen zur Zeit in Israel leben - oft zwangsweise in Lagern. Es sind Menschen, die Ministerpräsident Benjamin Netanjahu "Eindringlinge" nennt. Israel, das unterstreicht Netanjahu gerne, bemühe sich darum, sie aus dem Land zu bekommen. Israel sei zwar keine Theokratie, aber ein Land, sagt Historikerin Amar-Dahl, das sich als jüdischer Staat vor allem für Juden begreift. "Das ist seine Staatsräson". 

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Israels harter Flüchtlingskurs: Abschiebung oder Haft

Juden werden seit der Staatsgründung willkommen geheißen. Das ist im sogenannten Rückkehr-Gesetz, das Menschen jüdischer Herkunft die Einwanderung nach Israel erlaubt, festgelegt. In den 1950-er und 1960-er Jahren zog es viele Juden aus Nordafrika, Irak, Ägypten und Iran nach Israel. Ihre Gründe, erklärt Amar-Dahl, seien vielfältig. Die einen hatten den religiös begründeten Wunsch, in das Land der Juden zu ziehen. Die anderen trieb die die Angst an, dass die Konflikte zwischen Israel und den umliegenden arabischen Staaten ihr Leben und ihren Status dort gefährden könnten. "Sicher stellte auch der arabische Nationalismus der 1950-er und 1960-er Jahre einen bedeutsamen Anstoß für die Auswanderung vieler arabischer Juden nach Israel", ergänzt Amar-Dahl.

Die Einwanderung veränderte das Land, so Zimmermann: Die ehemals von europäischen Einwanderern und Flüchtlingen dominierte Gesellschaft wurde bunter. Seit Mitte der 1960-er Jahre war etwa die Hälfte der israelischen Bevölkerung afro-asiatischer Herkunft.

Mehrere Einwanderungswellen

1990 folgte eine neue "Revolution in der Demografie": Die Sowjetunion hatte Juden die Auswanderung verboten. Mit dem Zerfall der UdSSR aber zogen etwa eine Million Juden aus der Region nach Israel – und veränderten das Land erneut: Von den heute acht Millionen Israelis stammt etwa jeder achte aus der ehemaligen Sowjetunion, schätzt Zimmermann. Menschen, die ihre eigene Kultur und auch Sprache mitbrachten und weiterhin pflegen: So höre man jetzt oft Russisch auf der Straße, berichtet Zimmermann, da viele der Neubürger weniger gewillt seien, Hebräisch zu lernen, als frühere Einwanderer.

Erlebt Israel derzeit eine erneute Einwanderungswelle, diesmal von europäischen Juden, die vor einem aufkeimenden Antisemitismus in Europa fliehen? Zimmermann wiegelt ab: Antisemitismus existiere in Europa, keine Frage, aber die Auswanderung nach Israel sei trotzdem nicht so groß, wie die israelische Regierung das gerne darstelle. Alles andere sei israelische Propaganda. Zimmermann glaubt, dass Juden, die sich in Europa nicht mehr sicher fühlten, eher nach Kanada oder in die USA auswanderten.

Der Grund: "Die Anziehungskraft des Landes Israel ist verblasst", sagt Zimmermann. Israel befinde sich im Dauerkonflikt mit den Nachbarstaaten, auch sei Europa nicht mehr vergleichbar mit dem Nachkriegskontinent, in dem in weiten Teilen die Wirtschaft und auch die Gesellschaft neu aufgebaut werden mussten. Die Historikerin Amar-Dahl weist auf die Entwicklung des Nahostkonfliktes seit der Jahrtausendwende hin und zählt die Zweite Intifada, die Gaza-Kriege sowie den Krieg mit dem Libanon auf. Sie könnte auch noch den Syrienkonflikt und die Auseinandersetzung mit dem Iran hinzufügen. Sie sei, sagt die Historikerin, sich nicht so sicher, dass Israel tatsächlich noch der sichere Hafen sei, den er in seinen Gründungsjahren war.

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