″Einer der schillerndsten Schriftsteller Indiens″ - Trauer um Kiran Nagarkar | Kultur | DW | 10.09.2019
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Literatur

"Einer der schillerndsten Schriftsteller Indiens" - Trauer um Kiran Nagarkar

Er war einer der ganz Großen der indischen Gegenwartsliteratur. Nun ist Kiran Nagarkar, der auch in Deutschland viele Leser hatte, in seiner Heimatstadt Mumbai 77-jährig gestorben. Sein Tod bewegt die Feuilletons.

Literaturkritikerin Sigrid Löffler nannte Kiran Nagakar "einen der bedeutendsten Autoren des postkolonialen Indien". Nagarkars Werk sei vielfältig und unterschiedlich im Erzählstil, in den literarischen Genres und in den Stoffen. Es umkreise aber ein Hauptthema, nämlich die Lebenswirklichkeit Indiens nach der Unabhängigkeit, zwischen Großstadt-Slums und Dorfleben, zwischen Bollywood und dem Aufkommen von religiösem Extremismus unter Muslimen und Hindus, bis hin zu islamistischem und hinduistischem Terror. "Eigentlich geht es um die Pervertierung des Religiösen", so Löffler im Deutschlandfunk.

Die Kritikerin des Bayerischen Rundfunks, Cornelia Zetzsche, würdigt Nagarkar als einen "Virtuosen seines Fachs", der sein Bombay, das heutige Mumbai, als das beschrieben habe, was es ist: "ein Tor zur westlichen Welt mit abertausend Mikrokosmen." Als Dramatiker, Drehbuchautor, Essayist und vor allem als Romancier sei mit Nagarkar "ein Solist und einer der schillerndsten Schriftsteller Indiens" abgetreten.

Kiran Nagarkars Humor

Kiran Nagarkar auf dem Blauen Sofa der Deutschen Welle (DW)

Kiran Nagarkar, interviewt von DW-Mitarbeiterin Manasi Gopalakrishnan auf der Frankfurter Buchmesse 2012.

Den "ernstzunehmenden Humor" des Verstorbenen rühmt hingegen die Neue Zürcher Zeitung. "Das war für Kiran Nagarkar kein kokettes Paradox, sondern eine Richtlinie, an der sich sein Schaffen orientierte und die er darüber hinaus zum ethischen Prinzip erhob", notiert NZZ-Autorin Angela Schader. Dazu zitiert sie Nagarkar aus einem früheren Gespräch mit ihrer Zeitung: "Was Humor eigentlich bewirken sollte", erklärte der indische Schriftsteller da, "ist eine maximale Schärfung des Sinns für Wertmaßstäbe. Man muss sich der eigenen Werte absolut sicher sein; nur so kann man den Leser auf den Punkt hinführen, wo er sich an den Kopf greift und sich fragt: Um Himmels Willen, worüber habe ich da gelacht?"

Es waren vor allem vier Romane, die ihm seinen literarischen Ruf einbrachten. Schon mit seinem Debütroman "Saat Sakkam Trechalis" 1974 (dt. "Sieben mal sechs ist dreiundvierzig"/2007) wagte Nagarkar ein formales Experiment: Er zerschnitt die Lebensgeschichte seines Protagonisten, eines glücklosen Habenichts, mehrfach harsch und verwendete dabei einen Sprachmix aus Marathi, Hindi und Englisch.

Vier wichtige Bücher

Nagarkars Roman "Ravan and Eddie" von 1995 (dt. "Ravan & Eddie", erschienen 2004) spielt hingegen im Bombay der 1950er Jahre und gibt Einblick in die Lebenswelt der "Chawls", der gigantisch großen Mietblocks der einfachen Leute. Der Autor thematisiert die Schranken zwischen den gesellschaftlichen und religiösen Gruppen des Subkontinents. "Cuckold" von 1997, (dt. "Krishnas Schatten"/2002) erzählt ein Historien-Epos um die Prinzessin Mirabai aus dem 16. Jahrhundert, eine Mystikerin und Gottesschwärmerin und eine der größten Dichterinnen Indiens. Für dieses Werk erhielt Nagarkar im Jahr 2000 die höchste Anerkennung der indischen Literaturakademie, den Sahitya Akademi Award. "God's Little Soldier" schließlich, das 2006 erschien (dt. "Gottes kleiner Krieger"/2006) ist eine Studie des religiösen Fanatismus.

Indien Mumbai Skyline (Imago Images/Hindustan Times)

"Tor zur westlichen Welt mit abertausend Mikrokosmen": Mumbai, das frühere Bombay

"Groß und schlank, im Haar weiße Strähnen wie die Fäden in seinem Hemd aus grau schimmernder Baumwolle, das bis zu den Knien fällt." So beschrieb ZEIT-Autorin Susanne Mayer den Autor 2008, als er für ein Jahr am Berliner Künstlerprogramm des DAAD teilnahm und sie ihn zum Interview traf. "Bewegte Hände, schmal und mit langen Fingern. Er könnte ein Filmstar sein, würde Bollywood endlich den elder gentleman besetzen." Tatsächlich outete sich Nagarka in einem Beitrag für die NZZ denn auch als eingefleischter Fan des Hindi-Films: "Wir haben immer auf unsere eigene Filmindustrie herabgeschaut, und wenn ein Schriftsteller über Bollywood schrieb - sogar wenn er es liebevoll tat -, machte er sich doch darüber lustig. Es ist einfach, sich über diese Filme zu mokieren; dabei übersieht man jedoch die schlichte Tatsache, dass man Bollywood nicht parodieren kann - weil es das schon ständig selber tut."

"Merkel als Welt-Bundeskanzlerin"

Bisweilen relativierte Nagarkar die Liebe zu seiner Heimat und griff zum Humor: "Vieles in Indien verblüfft auch mich vollkommen", gab er einmal in einem Interview der Zeitschrift "Das Parlament" zu Protokoll. "In Indien scheint jeder denkbare Widerspruch möglich", so Nagarkar, "einige der reichsten Menschen der Welt sind Inder, gleichzeitig sind wir ein entsetzlich armes Land, in dem Menschen noch immer verhungern und Kinder an Unterernährung sterben. Wir machen uns einen Namen in der Welt der Informationstechnologien, in Industrie und Forschung, und gleichzeitig sind wir außerordentlich abergläubisch und halten am offiziell längst abgeschafften System der Kasten fest."

Kiran Nagarkar, der am Ferguson College im westindischen Pune studierte, arbeitete als Dozent an verschiedenen Hochschulen, war Journalist, verfasste Drehbücher und verdiente Geld in der Werbebranche. Deutschland, wo er häufig zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse war, fühlte sich Nagarkar besonders verbunden: So schrieb er zur Bundestagswahl 2017 einen Gastkommentar für die Deutsche Welle. "Schauen Sie sich das Weltgeschehen an", verlangte er darin, "ein verrückter Größenwahnsinniger regiert die USA, Großbritannien kann nach seinem Brexit-Beschluss nicht einmal sagen, was sein eigenes Interesse ist, osteuropäische Länder sind glücklich darüber, ihre demokratischen Werte aufzugeben. Und mein eigenes Land, Indien, wird von einem Hindu-Nationalismus regiert." Er wünsche sich, schloss Nagarkar, "dass nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt Angela Merkel als ihre Bundeskanzlerin wählen könnte."

Am vergangenen Donnerstag ist Kiran Nagarkar in Mumbai im Alter von 77 Jahren gestorben.

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