Eine neue Flüchtlingswelle baut sich auf | Nahost | DW | 11.09.2015
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Nahost

Eine neue Flüchtlingswelle baut sich auf

Die internationalen Hilfen für syrische Flüchtlinge im Nahen Osten versiegen. Aus der Not könnten bald mehr und mehr Langzeitflüchtlinge aus arabischen Transitländern wie dem Libanon nach Europa kommen.

Viele Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze (Foto: Getty Images/AFP/S. Mitrolidis)

Flüchtlinge an der mazedonisch-griechischen Grenze auf ihrem Weg durch Europa

Das Atmen fällt den Syrern schwer, die im Flüchtlingslager nahe der Stadt Bar Elias im Nordosten des Libanon leben. Seit Tagen fegt ein Sandsturm über das Land und feiner Staub hat sich auf die Zelte gelegt. Eine Gruppe von Männern sitzt dennoch auf der Terrasse vor einem Backsteinhäuschen zusammen. Mit der Hand schützend vor dem Mund, starren sie auf einen kleinen Fernseher. In den arabischen Nachrichten wird berichtet, dass in Europa immer mehr Syrer ankommen. Bilder von der Ankunft tausender Flüchtlinge in München flimmern über die Mattscheibe. Der 50-jährige Mohammad ist sofort begeistert und setzt zu einer Lobrede an: "Ich danke Angela Merkel, dass sie die arabischen Flüchtlinge aufnimmt. Wir sind ganz Deutschland dankbar dafür, dass unser Brüder und Schwestern dort so herzlich empfangen werden."

Auch Mohammad möchte weg. Seit drei Jahren lebt er in dem Lager, in dem es zwar Wasser und Elektrizität, aber keine Perspektive gibt. Also auf nach Europa? Das war eine Option, aber dann entschied er sich für Australien. Momentan wartet er auf eine Antwort der Botschaft. Neben ihm sitzt Riad, der am liebsten gleich morgen gen Europa aufbrechen würde. Wenn es sein muss, auch illegal. Auf der Flucht aus Syrien schoss ein Scharfschütze seiner Frau ins Genick. Seitdem ist sie vom Hals abwärts gelähmt: "Wir können hier nicht bleiben. Wir haben kein Geld für Medikamente. Meine Frau und meine Kinder verdienen ein besseres Leben. Sobald ich Geld habe, werde ich einen Schlepper bezahlen."

Flucht nach vorn

Heruntergekommene Hütten vor trostloser Gegend (Foto: Juliane Metzker)

Trostlos: Die Lage in Flüchtlingslagern im Libanon

Die Situation der Syrer in den libanesischen Flüchtlingslagern ist prekär. Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs vor fünf Jahren kamen über 1,1 Millionen Flüchtlinge aus Syrien in den kleinen Nachbarstaat. Diese Zahl gibt aber nur über jene Auskunft, die beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen registriert sind. Die Dunkelziffer soll weit höher liegen. Die Hälfte der Syrer lebt in etwa 1700 informellen Zeltstätten über den ganzen Libanon verteilt. Dazu zählen kleinere und größere Lager oder auch verlassene Rohbauten und Garagen. Die wenigsten verfügen dort über ausreichend Wasser und Elektrizität. Für Besorgungen müssen sie meist kilometerweite Strecken in den nächstgelegenen Ort zurücklegen.

Die libanesische Regierung stemmt sich bislang gegen die Errichtung von zentral organisierten Flüchtlingslagern. Zu groß ist die Angst, dass sich Geschichte wiederholen könnte: "Die libanesische Regierung befürchtet, dass die syrischen Flüchtlinge wie die Palästinenser, die vor 67 Jahren in den Libanon flohen, nicht in ihr Land zurückkehren. Und da die meisten Syrer Sunniten sind, könnte dies das konfessionelle Gleichgewicht zwischen Christen, Sunniten und Schiiten im Land stören", sagt Libanon-Expertin Maha Yahya vom Carnegie-Nahostzentrum.

Zum Überleben zu wenig

Mariam und ihre vier Töchter stehen vor einer heruntergekommenen Hütte (Foto: Juliane Metzker)

Mariam lebt mit ihren Töchtern illegal im Libanon

Der Libanon ist mit der anhaltenden Flüchtlingskrise sichtlich überfordert. In dem Vier-Millionen-Staat ist nun jeder Vierte ein Flüchtling. Das hat sich in den vergangenen Jahren auf die ohnehin schwache Wirtschaft und Infrastruktur ausgewirkt. Die Lebensmittelpreise steigen; Wasser und Elektrizität werden im ganzen Land stark rationiert und auch die Sicherheitslage ist brüchig.

Da die Syrer von staatlicher Seite aus kaum Unterstützung erhalten, sind sie auf internationale Spendengelder angewiesen. Doch die Hilfspakete der Vereinten Nationen schrumpfen. Aus Geldmangel reduzierte das Welternährungsprogramm der UN (WEP) jüngst erneut Lebensmittelhilfen für Flüchtlinge innerhalb und außerhalb Syriens. Demnach stehen einer Person im Libanon nun pro Monat 13 US-Dollar zu, um sich selbst zu versorgen. Das WEP ist 2015 bis zu 80 Prozent unterfinanziert.

"Wir sind deprimiert und wütend auf die UN. Mit dem Geld kann meine Familie nicht einmal eine Woche überleben", sagt Mohammad. Als er vor drei Jahren in den Libanon kam, ließ er sich als Flüchtling registrieren. Vom UNHCR erhielt er danach eine Bankkarte, die damals monatlich mit 30 US-Dollar aufgeladen wurde. "Selbst das war zu wenig, um Grundbedürfnisse wie Essen, Wasser und Medizin zu decken", fügt Riad hinzu.

Zu arm zum Flüchtlingsein

Da die wenigsten Arbeit finden, leben 70 Prozent der syrischen Flüchtlinge im Libanon unterhalb der Armutsgrenze. Die Hoffnung, dass sich ihre Situation eines Tages verbessern könnte, schwindet von Jahr zu Jahr. An den Zahlen des UNHCR lässt sich noch nicht ablesen, ob und wie viele Langzeitflüchtlinge sich aus der Notlage heraus aus libanesischen Lagern auf den Weg nach Europa gemacht haben, doch der Libanon scheint als Transitland im Kommen: "Einige Syrer haben das Land bereits verlassen. Momentan gibt es noch keine genauen Angaben, aber es wäre möglich, dass in naher Zukunft mehr und mehr Flüchtlinge aus dem Libanon gen Europa aufbrechen, da sie sich das Leben hier nicht mehr leisten können", so Yahya.

Eine Frau liegt im Bett, umringt von anderen Frauen. (Foto: Juliane Metzker)

Khilfeh liegt im Bett. Mariam und ihre Töchter kümmern sich um sie

Jedes Jahr müssen syrische Flüchtlinge 200 US-Dollar für ihre libanesische Aufenthaltsgenehmigung bezahlen. Wer das nicht bezahlen kann, bleibt illegal, wie Mariam. Anders als Riad und Mohammad, lebt die 54-Jährige in einem Lager, das nicht einmal von einer libanesischen Hilfsorganisation unterstützt wird. Vor zehn Tagen wurde ihre Freundin Khilfeh von einem Auto angefahren. Beine und Becken sind gebrochen, glauben sie. Seitdem wacht Mariam an ihrem Bett. Kein Doktor hat sie bis jetzt gesehen. Das können sich die Frauen nicht leisten.

Mariam selbst floh vor vier Jahren mit ihren drei Töchtern aus Syrien. Sie kommen aus der Umgebung von Aleppo und gehören der nomadisch lebenden Bevölkerung in Syrien an. "Wir verstecken uns eher in dem Lager, als dass wir hier wirklich leben können", sagt sie und gibt Khilfeh eine Panadol-Tablette - das arabische Pendant zu Aspirin und das einzige Schmerzmittel, das sie sich leisten können. Khilfeh wirft ihr einen dankbaren Blick zu und Mariam sagt bitter: "Wir werden nirgendwo hingehen: Nicht nach Europa und nicht nach Syrien. Und wenn es sein muss, werden wir hier sterben."

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