Ein Nowitschok-Fall in Bulgarien? | Politik | DW | 12.02.2019
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Giftanschlag

Ein Nowitschok-Fall in Bulgarien?

Im April 2015 entging der bulgarische Waffenhändler Emilian Gebrew nur knapp einem Giftanschlag. Nun verhärten sich Hinweise, dass das Attentat mit dem Mordversuch an Sergej Skripal zusammenhängen könnte.

War der Giftanschlag auf den bulgarischen Waffenhändler Emilian Gebrew am 28 April 2015 ein Vorläufer der Vergiftung von Sergej Skripal und seiner Tochter Yulia im März 2018? Diesen Verdacht stellten im Oktober 2018 die Rechercheplattformen Fontanka und Bellingcat auf, nachdem sie einen dritten wahrscheinlich involvierten russischen Agenten identifiziert haben wollen. Unter dem Namen Sergej Fedotov sei der vermutete Agent des russischen militärischen Geheimdienstes drei Tage vor dem Anschlag auf Skripal nach England eingereist, behauptet das Recherche-Team.

2015 sei Fedotov auch dreimal nach Bulgarien eingereist, bestätigte am 11. Februar der bulgarische Oberstaatsanwalt Sotir Zazarow. Nachweislich war er auch zu dem Zeitpunkt des Anschlags auf Gebrew in Sofia, so Zazarow.

"Wir untersuchen den gesamten Zeitraum, den er auf bulgarischem Boden verbracht hat: die Hotels, die benutzten Fahrzeuge, seine Kontakte mit bulgarischen Staatsbürgern", erklärte der Oberstaatsanwalt.

Salibury Polizeieinsatz Giftattentat Nowitschok (Reuters/H. Nicholls)

Polizeieinsatz in Salisbury nach dem Giftanschlag auf Sergej Skripal und seine Tochter

Sowohl die Bewegungsprofile von Fedotow in England und Bulgarien, als auch die giftigen Stoffe bei den beiden Anschlägen seien sich sehr ähnlich, behauptet das Recherche-Team von Belingcat. Die bulgarische Staatsanwaltschaft hat auf Grund der neuen Informationen die Ermittlungen im Fall Gebrew im Oktober 2018 neu aufgerollt. Und nach einem Treffen des bulgarischen Premiers Boiko Borissow und des Oberstaatsanwalts Zazarow mit der britischen Botschafterin in Sofia, Emma Hopkins, wurde am 11. Februar eine enge Zusammenarbeit zur Aufklärung der Fälle angekündigt.

Wer ist Emilian Gebrew und was genau geschah am 28. April 2015?

Während des Kalten Krieges arbeitete Gebrew für den bulgarischen staatlichen Waffenkonzern Kintex. Damals zählte das Balkanland zu den größten Waffenexporteuren in der Welt - vor allem als Produzent von Kalaschnikows und als Reexporteur von sowjetischen Waffensystemen. Nach der Wende gründete Gebrew 1992 seine eigene Waffenfirma Emko und wurde sehr erfolgreich: 2017 setzte das Unternehmen 100 Millionen Euro um. In dieser Zeit ist auch Bulgarien als Waffenproduzent wieder aufgestiegen. Mit einem Jahresvolumen von mehr als eine Milliarden Euro wurde das Land 2018 zum größten Waffenexporteur in Osteuropa. Bulgarische Waffen, auch die Produkte von Emko, wurden vor allem in den Nahen Osten (inklusive Syrien) und in die Ukraine verkauft. Bulgarische Medien spekulieren, diese Entwicklung könnte Moskau verärgert haben.

Am 28. April 2015 brach Gebrew bei einem Empfang zusammen. Auch sein Sohn und ein Mitarbeiter wurden in ein Krankenhaus gebracht. Die Diagnose lautete: Vergiftung durch ein Pestizid in einem Rucola-Salat oder im Kaffee. Gebrew erwachte aus dem Koma, auch sein Sohn und der Mitarbeiter erholten sich. Der Waffenproduzent schickte anschließend Blutproben an zwei Labors in der Schweiz und in Finnland. In Helsinki wurden Spuren von zwei Organophosphaten entdeckt,  eine der beiden Substanzen konnte aber nicht identifiziert werden. Das Rechercheteam von Fontanka und Belingcat behauptet allerdings, dass der nicht identifizierte Stoff eigentlich Nowitschok gewesen sei - dasselbe Gift wie beim Anschlag auf Skripal.

Sergej Skripal (picture-alliance/Globallookpress.com)

Eine Aufnahme von Sergej Skripal (Mitte) bei einem Einsatz in Zentralasien 1977

Das gleiche Gift wie bei Skripal?

Der ehemalige bulgarische Verteidigungsminister Boiko Noew teilt diese Vermutung: "Sie [Gebrew und seine Begleiter] wurden mit einem Organophosphat vergiftet. Es ist ein Stoff derselben Gruppe wie Nowitschok", sagte Noew in einem TV-Interview am 12. Februar.

Noews Erklärung: Mit Gebrews Vergiftung wollte der Kreml die bulgarische Waffenindustrie kapern und das Land als Nato-Mitglied destabilisieren. Mit dieser Vermutung ist er nicht allein. Der russische Einfluss in Bulgarien ist weiterhin sehr stark, Umfragen zufolge sind mehr als 50 Prozent der Bulgaren Russland gegenüber positiv eingestellt. Beobachter warnen dauernd davor, dass die russische Regierung Bulgarien als "Trojanisches Pferd" in der EU und in der Nato einsetzen möchte. Und die bulgarischen Regierungen sind immer sehr vorsichtig, was Moskau betrifft. So war Bulgarien eins der 14 EU-Länder, die nach dem Anschlag auf Skripal keine russischen Diplomaten ausgewiesen hat. Und heute versuchten die Machthaber in Sofia auch die Vergiftung von Gebrew wieder unter den Teppich zu kehren, so Noew.

Ob das so ist und welche Zusammenhänge bislang bei den Mordanschlägen auf Skripal und Gebrew entdeckt wurden - Einzelheiten dazu werden von einer Anhörung im bulgarischen Parlament am 13. Februar erwartet.