Ein Krimi: Jeff Bezos, sein Telefon und der Kronprinz | Nahost | DW | 25.01.2020
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Hackangriff

Ein Krimi: Jeff Bezos, sein Telefon und der Kronprinz

Das Telefon von Amazon-Chef Jeff Bezos soll gehackt worden sein - von Saudi-Arabiens Kronprinz. Der streitet das ab. Iyad el-Baghdadi hat mit Bezos' Sicherheitsteam zusammengearbeitet. Ein Blick hinter die Kulissen.

Es begann in Santa Monica im April 2018: Starproduzent Brian Grazer hatte in seine Villa geladen; unter den Gästen war Amazon-Chef und Washington-Post-Besitzer Jeff Bezos. Anlass war der Besuch des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, abgekürzt MbS. Der war unterwegs, um für Saudi-Arabien zu werben. Was genau Bezos und MbS in Santa Monica besprachen, ist nicht bekannt. Sicher ist aber: Die beiden tauschten ihre Telefonnummern aus, die auch mit ihren WhatsApp-Konten verknüpft waren. Und hier beginnt eine Geschichte wie aus einem Krimi.

In einem offiziellem UNO-Bericht wird der Verdacht bestätigt, dass MbS über eine WhatsApp-Nachricht das Telefon von Bezos habe hacken lassen - mutmaßlich, um die Berichterstattung der Washington Post, bei der auch der MbS-kritische saudische Journalist Jamal Khashoggi als Kolumnist tätig war, zu beeinflussen. Sieben Monate später wird Khashoggi in der saudischen Botschaft in Istanbul ermordet, weitere drei Monate später veröffentlicht das Boulevardmagazin National Enquirer brisante Details einer Affäre von Jeff Bezos. Daraufhin veranlasst Bezos Untersuchungen, ein Erpressungsversuch folgt. Bezos macht diesen öffentlich. 

Iyad El-Baghdadi, Leiter der Kawaakibi-Foundation in Oslo und Demokratie-Aktivist, hat nach eigenen Angaben mit dem Sicherheitsteam von Jeff Bezos zusammengearbeitet. Er selbst sei dabei auch ins Visier Saudi-Arabiens geraten, sagt er. 

Deutsche Welle: Wie sind Sie Teil der Geschichte um das mutmaßlich gehackte Smartphone von Jeff Bezos geworden?

Iyad El-Baghdadi: Für mich hat das alles im August 2018 angefangen, als Jamal Khashoggi mich anrief. Er hatte die Idee zu einem Desinformations-Monitor, um die Propaganda arabischer Diktaturen, insbesondere der saudischen Diktatur, zu beobachten. Dann wurde Jamal im Oktober 2018 ermordet. Daher konnten wir den Desinformations-Monitor nicht als offizielles Projekt starten. Stattdessen haben wir bei der Kawaakibi-Foundation uns der saudischen Propagandamaschine gewidmet. Nach dem Mord an Jamal stellten wir fest, dass es eine Propagandakampagne gegen Jeff Bezos gab, die Mitte Oktober 2018 begann. Im November wurde in dieser Kampagne Jeff Bezos für die Berichterstattung der Washington Post verantwortlich gemacht. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt nicht, dass es einen Hack oder ähnliches gegeben hatte.

Jeff Bezos schrieb im Februar 2019 einen Artikel, in dem er von dem Erpressungsversuch berichtet und davon, dass Saudi-Arabien wahrscheinlich darin involviert seit ist. Wir haben sofort zwei und zwei zusammengezählt. Wir wussten, dass MbS ein Problem mit Jeff Bezos hat, weil die Propaganda des Regimes wirklich aggressiv auf ihn gerichtet war. Was wir auch wussten, war, dass sie eine Geschäftsbeziehung hatten. Und mittlerweile hatte man Jamal Khashoggi ermordet. Deshalb haben mein Team und ich unsere Ergebnisse online veröffentlicht. Zwei Tage später wurden wir von Jeff Bezos' Sicherheitschef Gavin de Becker kontaktiert. Wir haben daraufhin begonnen, uns zu koordinieren.

Iyad el-Baghdadi Menschenrechtsaktivist (picture-alliance/AP Photo/R. Kelly)

Iyad el-Baghdadi erfuhr Mai 2019 von norwegischen Behörden, dass er ins Visier Saudi-Arabiens geraten sei

Wie sah die Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsteam von Jeff Bezos aus?

Wir haben den Ablauf von Ereignissen miteinander verglichen. Es gab schließlich eine Nachricht von MbS an Bezos, in der er ihm schrieb, dass das, was ihm erzählt würde, auf keinen Fall richtig sei. De Becker hatte Bezos kurz zuvor über Erkenntnisse unserer beiden Teams informiert. Und dann sind bei uns die Alarmglocken angegangen: Woher wusste MbS, dass Bezos überhaupt irgendetwas gesagt wurde? Das war im Februar 2019. Dann war klar, dass sie offenbar seit Monaten Zugang zu Bezos' Telefon hatten.

Und welches Interesse hätte Ihrer Meinung nach MbS an der Washington Post gehabt?

Jamal Khashoggi hat für die Washington Post geschrieben. MbS und auch andere Diktatoren sind sehr sensibel, wenn es um ihr Image und um die öffentliche Wahrnehmung geht, denn ihre Legitimität hängt damit zusammen. Daher war es für MbS sehr wichtig, ein positives Image in der Welt aufrechtzuerhalten. Dafür hat er viel Geld ausgegeben - und bis März 2018 war er sehr erfolgreich. Er ist in den USA sogar auf Tour gegangen und hat viele wichtige Leute getroffen: nicht nur Jeff Bezos, sondern auch Oprah (Winfrey, d.Red.) und Bill Gates. Zeitgleich saß Jamal Khashoggi bei der renommierten Washington Post und schrieb einen Artikel nach dem anderen darüber, dass das, was MbS erzählte, nicht stimmte. Das war heikel für MbS. Ungefähr zur gleichen Zeit wurde das Telefon von Jeff Bezos gehackt. Wir gehen davon aus, dass das am 1. Mai 2018 war.

Die Saudis hatten aber auch saudische Dissidenten in Großbritannien im Visier, einen nicht namentlich bekannten Amnesty-International-Mitarbeiter, und erst gestern erfuhren wir, dass es einen Versuch gab, offenbar auch Ben Hubbards Telefon zu hacken. Er ist der Chef des New-York-Times-Büros in Beirut. Natürlich ist es gut möglich, dass auch Jamal Khashoggis Telefon attackiert wurde. Aber keiner hat Zugang zu seinem Telefon, weil es beim türkischen Geheimdienst liegt. 

Sie wurden offenbar auch ins Visier genommen?

Das war im Juni letzten Jahres, nachdem Jeff Bezos den Erpressungsversuch öffentlich gemacht hatte. Eine saudische Quelle wies mich darauf hin, dass ich mein Telefon loswerden müsse, weil es den Saudis offenbar gelungen sei, die Spionagesoftware Pegasus auf meinem Telefon zu installieren. Ich habe sofort mein Handy weggeschmissen. 

Ich habe gelesen, dass Sie aus Ihrer Wohnung ausziehen mussten?

Das hat mit nicht direkt was mit dem Hacking zu tun. Aber als die Geschichte um Jeff Bezos veröffentlicht wurde im vergangenen Jahr, und Gavin de Becker in einem Artikel schrieb, dass es einen Hack gegeben haben müsse, stand auf einmal der norwegische Geheimdienst vor meiner Tür. Sie haben mich damals mitgenommen und mir gesagt, dass ich bedroht werde. Später habe ich dann erfahren, dass diese Bedrohung von Saudi-Arabien ausgehe. Der CIA hatte offenbar die Norweger informiert. Seither lebe ich unter Schutz. 

Türkei Istanbul | 1. Jahrestag der Ermordung von Jamal Khashoggi (picture-alliance/dpa/AP/L. Pitarakis)

Jamal Khashoggi wurde im saudischen Konsulat in Istanbul ermordet. Saudi-Arabien bestreitet, dass MbS den Mord in Auftrag gegeben habe

Sie gehen also davon aus, dass das damit zusammenhängt, dass Sie mit Bezos' Sicherheitsteam in Kontakt standen?

Es gibt keine Beweise dafür, dass sie mein Telefon bereits vorher gehackt haben. Manche denken, es sei verrückt zu glauben, dass MbS so rücksichtslos sein könne. Es ist aber auch verrückt, einen Journalisten im eigenen Konsulat zu töten, seinen Körper zu zerstückeln und seine sterblichen Überreste zu verbrennen. Darum geht es ja: Man hat es hier nicht mit einem rationalen Akteur zu tun.

Jeff Bezos' Telefon soll zum einen gehackt worden sein, zum anderen wurde er erpresst.

Dass Bezos die Erpressung öffentlich gemacht hat, hat den Stein ins Rollen gebracht. David Pecker, der Chef der Mediengruppe AMI, ein Freund von Donald Trump, den auch MbS kennengelernt hat, besaß damals noch den National Enquirer. Der National Enquirer hatte Informationen über die Affäre von Jeff Bezos erhalten und diese auch im Januar 2019 veröffentlicht. Zu dieser Zeit wussten wir nicht, wie sie diese Informationen erhalten hatten. Jeff hat daraufhin im Januar eine Untersuchung eingeleitet, um herauszufinden, wie sie an diese Informationen gekommen waren. Dann begann die Erpressung - und so nahm alles seinen Lauf. 

Saudi-Arabien bestreitet, etwas mit den Vorwürfen zu tun zu haben. Was sagen Sie dazu?

Glücklicherweise sind sie nicht sehr glaubwürdig. Es muss schrecklich sein, für eine solche Regierung und für einen solchen Chef zu arbeiten, der eine Bombe nach der anderen abwirft, die sie irgendwie rechtfertigen müssen.

Vision 2030 von Saudi-Arabien (picture-alliance/AP Photo/J. Gambrell)

Iyad el-Baghdadi sagt, diese Ereignisse schaden dem Image von Saudi-Arabien und auch dem Vorhaben für 2030

Das FBI ist in den Fall involviert, aber auch die UN. Wieso wurden die Vereinten Nationen kontaktiert, die jetzt Aufklärung in dem Fall fordern?

Mein Team konzentriert sich auf Freiheit und Demokratie in der MENA-Region (Naher Osten und Nordafrika, d.Red.), und Saudi-Arabien ist das Zentrum der Tyrannei in der Region. Man muss bedenken, dass das FBI nicht gegen MbS vorgehen kann, höchstens gegen amerikanische Bürger, die in den Fall involviert sind. Daher sind die Vereinten Nationen der richtige Kanal für eine solche Untersuchung, zumal sie unabhängig sind. 

Die Ermordung Khashoggis löste eine Welle der Empörung aus. Mittlerweile wird der Umstand, dass Menschen in einem Konsulat zerstückelt werden können, anscheinend hingenommen. Glauben Sie, dass das Hacken des Telefons des reichsten Mannes der Welt irgendwelche Konsequenzen für Saudi-Arabien oder MbS haben?

Nun, ich denke, wir müssen sehr vorsichtig sein, was wir mit Konsequenzen meinen. Viele Leute, leider Europäer, Menschen im Westen, scheinen ein etwas anderes Verständnis davon zu haben, was Konsequenzen sein könnten. Sie werden ihn ja nicht vor Gericht bringen, und auch seine Absetzung wird keiner anstreben, weil man sich in die inneren Angelegenheiten eines fremden Landes nicht einmischt. MbS zerstört die Legitimität des saudischen Regimes, seine Legitimität vor dem eigenen Volk. Es geht auch um seine Legitimität im Silicon Valley, das er für seinen Transformationsplan 2030 braucht. Das alles schadet seinem Ruf als Reformer auf der ganzen Welt. Niemand glaubt ihm wirklich, dass er ein Reformer ist. Und damit klar ist: Diese Person macht Ärger. Saudi-Arabien und die restliche MENA-Region haben etwas Besseres verdient, als von solchen Menschen regiert zu werden.

Das Gespräch führte Diana Hodali. 

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