Ebola: Ringen um die richtige Impf-Strategie | Wissen & Umwelt | DW | 28.09.2019
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Wissen & Umwelt

Ebola: Ringen um die richtige Impf-Strategie

Weil ein Ende der Ebola-Epidemie nicht in Sicht ist, fordert Ärzte ohne Grenzen eine neue Impf-Strategie von der WHO. Worum geht es bei dem Streit?

Mitarbeiter des gesundheitsdienstes in Schutzkleidung betreuen einen Patienten in einem Haus in Beni. Das Gebäude ist durch Plastikplanen hermetisch abgeteilt. (picture-alliance/AP Photo/J. Delay)

Mühsamer Eindämmungsversuch: Ein Hilfsteam betreut einen Ebola-Patienten in Beni

Die Umstände, unter denen Ärzte und Helfer aktuell in der Demokratischen Republik Kongo die Viruskrankheit Ebola bekämpfen, sind ungleich komplizierter als bei der ersten weltweiten Ebola-Epidemie 2013 in Westafrika. Denn zusätzlich zu der medizinischen Notlage herrscht in Teilen des Kongo ein Bürgerkrieg.

Verglichen mit der verheerenden ersten Epidemie verlief der jetzige Ausbruch bislang mit über 2000 Toten weniger dramatisch. 2013 gab es noch mehr als 11.000 Todesopfer. Verantwortlich für diesen Rückgang der Opferzahlen sind die Impfungen, die es inzwischen gibt.

Noch während der ersten großen Epidemie in Liberia, Sierra Leone und der Elfenbeinküste hatte der Pharmakonzern Merck unter Hochdruck einen Impfstoff entwickelt. Dieser kam damals zwar knapp zu spät, bei dem jetzigen Ausbruch im Kongo indes konnte er seine Wirksamkeit sehr gut unter Beweis stellen.

Reserven zurückhalten ist gut, aber wie viel ist zuviel?

Allerdings ist der Impfstoff nicht unbegrenzt verfügbar. Einige hunderttausend Impfdosen - vielleicht sogar deutlich mehr als eine Million - kann die Firma Merck in absehbarer Zeit herstellen. Absehbar – das heißt: sie sind spätestens nächstes Jahr verfügbar.

Bisher wurden mehr als 200.000 Menschen im Kongo geimpft und nochmal so viele Impfdosen hat Merck auch vorrätig. Wie viel Impfstoff aber an die Ärzte im Kongo ausgeliefert wird und wo er zum Einsatz kommt, darüber wacht die Weltgesundheitsorganisation (WHO). 

Mehr dazu: WHO: Ebola in Tansania?

 Christian Lindmeier Pressesprecher der WHO ( WHO)

WHO-Sprecher Christian Lindmeier sagt, Ring-Impfungen haben sich bewährt.

Und die WHO denkt strategisch: Allein im Kongo leben 80 Millionen Menschen. Hinzu kommt die reale Gefahr, dass die Seuche auch auf Nachbarstaaten überspringen könnte – insbesondere auf dortige Millionenstädte.

Also muss der Impfstoff zielgenau eingesetzt werden. "Dies geschieht nach einer Strategie, die von einem unabhängigen Expertengremium, der Strategic Advisory Group of Experts (SAGE) geklärt und erläutert wurde", sagt WHO-Sprecher Christian Lindmeier im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Es wird eine sogenannte Ring-Impfung angewendet."

Deshalb wird von einem Infizierten oder einer vermutlich infizierten Person zunächst der erste Ring geimpft. Das sind die Menschen, zu denen der Patient direkten Kontakt hatte. "Das kann in einer Familie leicht bis zu 100 Leute ausmachen", sagt Lindmeier.

Als nächstes werden dann auch alle geimpft, die zu den Kontaktpersonen des ersten Ringes Kontakt hatten. "So kommen wir schnell in die Hunderte oder auch Tausende von Leuten. Diese Strategie hat sich als sehr hilfreich und nützlich in dem Umfeld erwiesen," sagt der WHO-Sprecher. 

Mühsame Suche nach Kontaktpersonen

Allerdings ist es gar nicht so einfach, all die Kontaktpersonen schnell zu finden, mit denen ein Infizierter Kontakt hatte. Was also tun, wenn der Patient etwa auf einem Markt war?

"Diese Ringe werden da genauso gelegt, egal ob es auf einem Markt, in einer Kirche, in einem Bus oder auf einem Motorrad ist. Oder eben in der eigenen Familie", erklärt Lindmeier. "Genau dort fängt diese ganz extreme, mühsame Arbeit an, die aber zu über 90 Prozent erfolgreich ist."

Es ist eine zähe Kleinarbeit. Etwa 1600 Mitarbeiter des kongolesischen Gesundheitsdienstes sind ständig damit beschäftigt, Kontaktpersonen herauszufinden und zu prüfen, wer gerade eine Impfung braucht.

Hinzu kommen 5000 Kollegen in 200 Teams, die ständig die Ebola-Situation und auch alle Verdachtsfälle im Blick haben. Allein in der letzten Septemberwoche habe die Teams mehr als 12.000 Personen beobachtet, die als Verdachtsfälle gelten. Mit den meisten von ihnen sprechen die Ebola-Wächter jeden Tag. 

Mehr dazu: DR Kongo: Wasserknappheit erschwert Kampf gegen Ebola

Ein Helfer in der Demokratische Republik Kongo füllt einen Erfassungsbogen aus | Ebola Epidemie (Getty Images/AFP/P. Tulizo)

6500 Helfer sind mit der Suche und Betreuung von Ebola-Patienten und deren Kontaktpersonen beschäftigt.

Ärzte ohne Grenzen: Das Übel resolut bekämpfen

Ja, es ist mühevoll, stimmt auch Natalie Roberts von Ärzte ohne Grenzen ihrem WHO-Kollegen zu - so mühevoll, dass sich die WHO und alle an der Ebola-Bekämpfung beteiligten Hilfsorganisationen besser auf eine neue Strategie einigen sollten, so Roberts. Denn nach ihrer Schätzung werde oftmals etwa die Hälfte der Kontaktpersonen gar nie gefunden.

Die Tatsache, dass es immer wieder zu Ausbrüchen kommt - auch in Gebieten, die eigentlich schon wieder Ebola-frei waren - zeige, dass die Ring-Strategie nicht funktioniere, meint Roberts.

Ihr Rat: Die WHO sollte allgemein großzügiger mit der Ausgabe der Impfungen sein und nicht nur diejenigen impfen, die zu den Kontaktperson-Ringen gehören. So sollten nach einem Ebola-Ausbruch besser gleich ganze Dörfer oder alle Menschen in einer bestimmten Region geimpft werden. 

"Die Regelung wird sehr restriktiv angewendet. Die Impfdosen werden nicht herausgegeben, solange nicht eine gewisse Anzahl von Menschen auf der Kontaktliste steht, die auf ihre Impfung warten", sagt Roberts. "Das macht es sehr schwer, die Impfung einem weiteren Kreis von Menschen zugänglich zu machen, weil die Ausgabe vor Ort so zurückhaltend gehandhabt wird." 

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 Die Ärztin Natalie Roberts arbeitet für Ärzte ohne Grenzen (Rémi Decoster)

Ärztin ohne Grenzen Natalie Roberts fordert, dass mehr Menschen in betroffenen Gebieten geimpft werden.

Regionale Impfkampagnen statt Ringsystem

Roberts argumentiert, dass sich die Seuche besser eindämmen ließe, wenn man zeitnah großzügig impfte, als wenn man zu sehr darauf bedacht ist, Impf-Reserven in der Hinterhand zu halten, um für einen noch schwereren Ausbruch gerüstet zu sein.

"Es gibt eine wirksame Impfung, aber die wird rationiert", sagt Roberts. "Das Argument ist: Vielleicht brauchen wir den Impfstoff später noch. Aber wie kann man sagen, wann dieser Punkt erreicht ist, wenn wir doch mitten in der zweitschwersten Ebola-Epidemie sind? Sie erreicht ja auch schon riesige urbane Gebiete wie Butembo und Beni. Das sind große Städte. Trotzdem wird die Impfung nicht eingesetzt, um die Ausbreitung der Epidemie zu stoppen."

Die Ärztin vergleicht die Mediziner im Kongo mit Feuerwehrleuten: "Das ist so, als würde man versuchen einen Brand zu löschen, indem man jeden Tag ein Glas Wasser darüber ausschüttet."

Ihre Empfehlung: "Wenn man die Epidemie wirklich stoppen und verhindern will, dass es zu einer noch größeren Epidemie kommt, die auch Städte wir Kinshasa und Goma erreicht, müssen wir die verfügbaren Impfdosen jetzt einsetzen, um so der epidemischen Ausbreitung zuvor zu kommen." 

Mehr dazu: Ärzte ohne Grenzen: "Fast jeder sechste Ebola-Infizierte ist unter fünf"

Demokratische Republik Kongo | Eine Krankenschwester impft ein Kind gegen Ebola. (Getty Images/AFP/A. Wamenya)

Impfungen sind die wirksamste Waffe gegen das tödliche Virus. Aber es gibt nur genug Dosen für direkt betroffene.

Hoffnung auf zweiten Impfstoff

Die WHO hält hingegen weiter an ihrer Impfstrategie fest. Der Impfstoff von Merck soll für diejenigen reserviert bleiben, die akut am stärksten gefährdet sind. Ein Grund dafür: Der Impfstoff erzeugt sehr schnell eine Immunreaktion gegen Ebola und kann daher Menschen in Gebieten helfen, wo es gerade kurz zuvor Erkrankungsfälle gegeben hat.

Die WHO verweist auch auf einen logistischen Nachteil des Merck-Impfstoffs: Er muss während der Lagerung und dem Transport extrem stark heruntergekühlt werden, auf -60 bis -79 Grad Celsius. Auch das macht es schwer, den Impfstoff in regulären Arztpraxen oder Krankenstationen vorrätig zu halten.

Doch nun gibt es Hoffnung, dass auch reguläre Ärzte Zugang zu einem Impfstoff bekommen: Die Firma Johnson & Johnson hat einen anderen vielversprechenden Impfstoff entwickelt, der nur bis -20 Grad gekühlt werden muss. Ab Mitte Oktober könnte der neue Impfstoff im Kongo zur Verfügung stehen - als Phase III Studie, die letzte Stufe des Zulassungsverfahrens. In zahlreichen Phase II Studien zeigte er eine gute Immunantwort bei den Probanden.

Etwa 1,5 Millionen Impfdosen sind bereits verfügbar und der Impfstoff kann offenbar auch schneller produziert werden, als der bisherige Merck-Impfstoff. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ist Teil des Konsortiums, das den Impfstoff im Kongo testen wird. 

Mehr dazu: Gewalt, Propaganda und Aberglaube erschweren den Kampf gegen Ebola

Verschiedene Impfstoffe - andere Einsatzmöglichkeiten

Doch auch der neue Impfstoff von Johnson & Johnson hat einen Nachteil: Er muss in zwei Dosen verabreicht werden. Zwischen den beiden Impfungen liegen 56 Tage Abstand. Erst mit der zweiten Immunisierung ist man dann umfassend vor Ebola geschützt. Deshalb eignet sich der neue Impfstoff vor allem für die Prävention.

"Der kann nicht in einem Ausbruchsfall sofort eingesetzt werden, wenn wir innerhalb von Tagen sofort eine Immunisierung erreichen müssen", sagt Christian Lindmeier von der WHO. "Dieser Impfstoff würde sich besser eignen, um in weiter entfernten Regionen, wo Infektionen vielleicht möglich sind, Menschen zu impfen, die viele Kontakte haben - etwa das Personal in Gesundheitszentren. Dafür ist der Impfstoff sicher eine hervorragende zusätzliche Waffe gegen Ebola."

Wirksame Mittel zum Kampf gegen den gefährlichen Virus gibt es also durchaus. Der jetzige Streit um die richtige Impf-Strategie wird sich vermutlich legen, wenn die Hersteller ihre Produktion in den kommenden Monaten weiter hochfahren und die Zahl der in Reserve verfügbaren Dosen noch steigt.

Am Ende bleibt jedoch für die Ärzte und die vielen Helfer vor Ort die andere große Hürde bestehen: Aufgrund der gefährlichen Sicherheitslage können sie ihre Patienten oftmals einfach nicht erreichen. 

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