Drusen unter Druck | NRS-Import | DW | 06.08.2018
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Nahost

Drusen unter Druck

Verteilt auf mehrere Länder in der Region, gehören die Drusen zu den großen Minderheitengruppen im Nahen Osten. In zwei Ländern sehen sie sich in diesen Tagen auf unterschiedliche Weise herausgefordert.

Es ist ein grausames Video, aufgenommen irgendwo im Süden von Syrien: "Mein Schicksal geht auf die gescheiterten Verhandlungen zwischen dem 'Islamischen Staat' und den Drusen zurück", erklärt darin der 19-jährige Muhannad Abu Ammar. "Ich hoffe, dass die Forderungen meiner Entführer erfüllt würden, damit anderen Menschen mein Schicksal erspart bleibt."

Sein eigenes konnte der junge Druse nicht mehr wenden: Seine Mörder aus den Reihen der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) töteten ihn mutmaßlich, kurz nachdem er diese Worte gesprochen hatte. Die Aufnahme schickten sie anschließend an seine Angehörigen, zusammen mit einem weiteren Video, das den Leichnam des enthaupteten syrischen Drusen zeigt.

Das nun bekannt gewordene Video ist eine Hiobsbotschaft für die Verwandten der übrigen Geiseln, die der IS in seiner Hand hält. Am 25. Juli hatten IS-Terroristen den Ort Al-Shabki nahe der Stadt Al-Suweida im Süden Syriens überfallen. Dabei töteten sie rund 250 Menschen. Die Bewohner des Ortes wehrten sich so gut es ging, konnten aber nicht verhindern, dass 36 Bewohner - überwiegend Frauen und Kinder - als Geiseln genommen wurden. Kurz danach veröffentlichten die Terroristen ein Video. Es zeigte eine der Entführten. Sie erklärte, der IS könnte die gesamte Gruppe töten.

Die nun veröffentlichten Videos von Muhannad Abu Ammar sind ein Hinweis, dass die Verhandlungen aus Sicht des IS gescheitert sind. Auch Russland hatte sich zuletzt vehement auf Seiten des Regimes in die Gespräche eingeschaltet.

Syrien as-Suwaida Drusen Miliz Wachturm (Imago/Xinhua)

Den Feind im Blick: ein von Drusen unterhaltener Wachturm nahe Al-Suweida im Südensyriens

Eine Minderheit in drei Ländern

Gescheitert ist damit auch die bislang erfolgreiche Strategie der syrischen Drusen, sich so weit wie möglich aus dem Krieg in Syrien herauszuhalten. Zwar hatten die Drusen vor Ausbruch des Bürgerkrieges eine durchaus starke Rolle im syrischen Militär gespielt. Sie vermieden es aber stets, sich politisch eindeutig zu positionieren.

Dazu bewegt sie auch der Umstand, dass sie in Syrien - wie auch im Libanon und in Israel - nur einen kleinen Teil der Bevölkerung stellen. Von den - vor Kriegsbeginn - knapp 21 Millionen Syrern zählen 700.000 zur drusischen Gemeinschaft, das sind rund 3,5 Prozent. Im Libanon stellen sie zwischen vier und fünf Prozent der Bürger, in Israel nicht einmal zwei Prozent. Einige wenige Drusen leben zudem in Jordanien.

Entsprechend vorsichtig ist ihre Politik. Im Libanon haben sie zwar das Recht auf Selbstverwaltung und eigene Personenstandsgesetzgebung, fügen sich davon abgesehen aber in den Gesamtstaat ein - auch wenn sie im Unterschied zu den Sunniten, den Schiiten und den Christen nicht zu den großen politischen und konfessionellen Gruppen des Landes gehören. Allerdings: "Die Diskrepanz zwischen ihrem historischem Erbe und der politischen Realität der Gegenwart führt zu erheblicher Enttäuschung und dem Gefühl, unterdrückt zu werden", schreibt der Jurist Abbas Halabi in seinem Buch über die Geschichte der Drusen.

Israel Drusen Proteste in Tel Aviv (Getty Images/AFP/J. Guez)

Wir gehören dazu: Israelische Drusen protestieren gegen das neue Nationalitätengesetz

In Syrien erhielten die Drusen nach der Machtübernahme der Baath-Partei 1963 zwar erheblichen politischen Einfluss, wurden dann aber nach und nach aus den Machtpositionen herausgedrängt. Frühzeitig haben sie so gelernt, sich mit den mächtigen Schiiten im Land zu arrangieren. Diese Position führte auch zu ihrer - vergleichsweise - zurückhaltenden Politik während des Krieges. Immer deutlicher standen sie in dessen Verlauf aber den dschihadistischen Extremisten wie der Nusra-Front und dem IS gegenüber. Diese Spannungen haben nun den jungen Muhannad Abu Ammar das Leben gekostet.

Auch in Israel unter Druck

Die Drusen verstehen sich selbst in ihrer auf vielerlei Einflüssen basierenden Religion als eigenständige Konfession. Als Muslime sehen sie sich nicht. Dieses Selbstverständnis hat ihnen die Integration in Israel erheblich erleichtert. Doch gerade in den letzten Tagen haben auch die israelischen Drusen vernehmlich Bedenken und Unmut geäußert. Sie wenden sich gegen das neue israelische Nationalitätengesetz, das Israel als ausschließlich jüdischen Staat definiert. Durch diesen Schritt sehen sie sich ausgegrenzt. 

Aufsehen erregte der 23 Jahre alte Druse Shady Zeidan. Er erklärte vor wenigen Tagen öffentlich seinen Austritt aus der israelischen Armee, und zwar unter Berufung auf das neue Gesetz. "Ich bin ein Bürger wie jeder andere und habe dem Staat alles gegeben. Und dann sehe ich mich als Bürger zweiter Klasse", erklärte er. "Dazu bin ich nicht bereit. Ich habe beschlossen, dem Land nicht mehr zu dienen." Bislang hab er immer stolz im Schatten der israelischen Flagge gestanden. Auch habe er die Hymne mitgesungen. "Aber jetzt habe ich mich zum ersten Mal geweigert, die Flagge zu grüßen und die Hymne zu singen." Ähnlich wie Zeidan äußerten sich auch zahlreiche andere israelische Drusen.

"Die Drusen verdienen etwas Besseres"

Mit ihrer Erklärung stießen sie eine öffentliche Diskussion an. Viele Israelis äußerten Sympathien für die bislang loyalen Drusen. "Die Drusen verdienen etwas Besseres", hieß es etwa in der liberalen israelischen Zeitung "Haaretz". "Wir alle verdienen Besseres. Wir dürften nicht länger schweigen. Wir sollten uns alle dem Kampf der Drusen anschließen und das neue Nationalitätengesetz ablehnen."

Israel Golanhöhen Drusen Frauen (picture alliance/ZUMAPRESS)

Drusische Frauen auf den Golanhöhen

Die Armee reagierte auf die Erklärungen der jungen Drusen umgehend. "Wir erklären, dass die gemeinsame Verantwortung und Brüderlichkeit der Soldaten, zusammen mit unseren Brüdern aus den Reihen der Drusen und Beduinen und anderen Minderheiten auch in Zukunft Bestand haben wird", gab der Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, Gadi Eizenkot, bekannt. "Traut uns, wir werden für euch kämpfen", wandte er sich an die Minderheiten.

In Syrien sind die Drusen tödlich bedroht. In Israel hingegen sehen sie sich durch das neue Gesetz als Bürger zweiter Klasse. In beiden Fällen stehen sie vor der Aufgabe, ihr Verhältnis zu den Staaten, in denen sie leben, neu zu definieren.

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