Dream Engineering: Träume beeinflussen auf Knopfdruck | Wissen & Umwelt | DW | 18.02.2022
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Dream Engineering: Träume beeinflussen auf Knopfdruck

Ein Traumhandschuh könnte maßgeschneiderte Träume bald Realität werden lassen. Denn Träume können gezielt beeinflusst werden. Die Werbeindustrie wittert einen lukrativen Markt. Nur: Wollen wir unsere Träume preisgeben?

Adam Horowitz hat einen Handschuh gebaut, mit dem er Menschen von einem Baum träumen lassen kann. Oder von einer Gabel. Oder einem Tiger.

Das Funktionsprinzip von Horowitz‘ Handschuh ist schnell erklärt: Über drei Sensoren misst er Muskelspannung, Hautleitfähigkeit und Puls und verspricht, so den Übergangszustand zwischen Wachen und Schlafen aufzuspüren. In dieser Phase weicht das logische Denken einer halluzinatorischen Gedankenwelt. Und genau dann sind wir besonders beeinflussbar, meint Horowitz.

Sobald der Traumhandschuh registriert, dass eine Person vom Wachen ins Schlafen gleitet, wird über eine angeschlossene App ein Satz abgespielt: "Denken Sie an einen Baum". Zahlreiche Probanden von Horowitz‘ Studie träumten anschließend tatsächlich genau davon.

Mit seiner Idee passt der Doktorand perfekt ins Anforderungsprofil des MIT Media Lab. Das nämlich hat sich der Entwicklung futuristischer Technologien verschrieben und wirbt dafür "Menschen mit den verrücktesten Ideen" an. Entwickelt wurde hier zum Beispiel die Aspen Movie Map, Vorläufer des inzwischen allbekannten Google Street View – lange bevor das Produkt von Google überhaupt konzipiert wurde.

Adam Horowitz will mit seiner Erfindung in einen Geisteszustand vordringen, der sich unserem Bewusstsein normalerweise entzieht. Andere Traumforschende hoffen, dass wir über die Beeinflussung von Träumen das schlafende Gehirn besser verstehen, kreativer werden, effektiver lernen oder Alpträume und Stimmungsstörungen behandeln können. Dafür betätigen sie sich als Dream Engineers – als Traumingenieure.

Der Werkzeugkasten der Traumingenieure ist weniger komplex, als man vermuten mag: Während Rosengeruch den Träumen eine positive emotionale Note geben kann, bewirkt der Geruch von fauligen Eiern das Gegenteil. Über Geräusche lassen sich gezielte Erinnerungen im Traum reaktivieren und so die Gedächtnisbildung beeinflussen. Andere Traumforschende verwenden Virtual Reality, um Menschen im Traum fliegen zu lassen.

Eine Bierfirma träumt von Bierträumen

Auch die Bierfirma Molson Coors findet die Idee großartig, Träume zu beeinflussen. Sie scheiterte jedoch daran, Horowitz für eine Marketing-Kooperation zu gewinnen und engagierte stattdessen die Psychologie-Professorin Deirdre Barrett.

Barrett hatte Anfang der 1990er Jahre an der Universität Harvard erforscht, wie sich alltägliche Probleme in Träume integrieren lassen, um diese buchstäblich im Schlaf zu lösen. Dafür ließ sie ihre Studierenden eine Woche lang vor dem Schlafen über ein selbst gewähltes Problem nachdenken. Ein Drittel der Studierenden kam so zu einer objektiv nachvollziehbaren Lösung.

Beraten von Barrett kreierte Molson Coors ein Werbevideo, das die Bierfirma medienwirksam parallel zum Super Bowl veröffentlichte. In dem Video schuf sie eine traumähnliche Kulisse aus rauschenden Wasserfällen, kühler Bergluft und – natürlich – Coors-Bier.

Das Unternehmen begleitete 18 Personen (zwölf davon bezahlte Schauspieler), das Video kurz vor dem Einschlafen anzuschauen. Fünf von ihnen berichteten anschließend, dass sie von Bier geträumt hatten.

Und das führte zu einem Aufschrei in der Traumforschenden-Community.

Die Grenze zwischen Dream Engineering und Dream Hacking schien einigen Forschenden auf einmal sehr dünn. Der missbräuchliche Eingriff in die privaten Winkel unserer Traumwelt auf einmal sehr leicht.

Schlafforschende fordern Richtlinien für die Traumbeeinflussung

"Wir werden uns nicht an der Beeinflussung von Träumen beteiligen, wenn die Menschen nicht ausdrücklich darum bitten und ihre Zustimmung zum Träumen geben", formulierte Horowitz gemeinsam mit zwei Kolleginnen in einer Ethik des Dream Engineering. In leicht veränderter Form wurde diese online veröffentlicht und von 38 Traumforschenden unterzeichnet.

"Es ist ein schmaler Grat", sagt Antonio Zadra, Mitunterzeichner und Schlaf- und Traumforscher an der Universität Montreal sowie Co-Autor des Buchs When Brains Dream. "Wenn schon ich aus dem Stehgreif auf ein paar Ideen komme, wie man Träume beeinflussen kann, dann fallen gut bezahlten Marketing-Experten noch viel wirksamere Strategien ein."

Studien zeigen, dass sich über im Schlaf präsentierte äußere Reize auch unser Verhalten im Wachen beeinflussen lässt. Probanden wählten nach einem Nickerchen eher denjenigen Snack, dessen Name ihnen im Schlaf vorgespielt wurde. Präsentierte man schlafenden Studienteilnehmern Zigarettenrauch gemeinsam mit dem Geruch fauliger Eier, rauchten diese anschließend weniger.

Bemerkenswert ist: Die schlafenden Probanden konnten sich nicht an ihre Konditionierung erinnern. Das gleiche Experiment mit wachen Probanden hingegen funktionierte nicht.

"Das ist beängstigend", findet Antonio Zadra und sagt, seine größte Sorge sei, dass unsere Überzeugungen und unser Verhalten manipuliert werden könnten, ohne dass wir es bemerken.

Sorge vor Dream Hacking nur Panikmache?

Für Michael Schredl, Schlaf- und Traumforscher vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, klingt der "Brief der 38" jedoch eher nach einer eigenen Marketingstrategie denn nach einer berechtigten Sorge. Vom Beeinflussen zum Manipulieren sei es ein großer Schritt. Und der werde derzeit aufgebauscht.

Zwar sei es möglich, externe Reize in Träume einzubauen. "Was man jedoch nicht erreichen kann, ist, den Trauminhalt in eine bestimmte Richtung zu steuern."

Das schlafende Gehirn sei nicht beeinflussbarer als das wache, wie von Adam Horowitz häufig behauptet. Außerdem werde im Schlaf kein neues Wissen aufgenommen, sondern vielmehr bereits vorhandenes Wissen konsolidiert: Menschen, denen nachts Kassetten zum Erlernen von Fremdsprachen vorgespielt wurden, haben am nächsten Tag zwar tatsächlich bessere Sprachkenntnisse. "Aber nur dann, wenn sie aufgrund der Kassette nicht schlafen konnten", so Schredl.

Auch Deirdre Barrett wehrt sich gegen den Vorwurf der unbewussten Beeinflussung. Schließlich könne jeder bei eingeschaltetem Fernseher oder Radio einschlafen und dabei zufällig Werbung hören. "Das würde ich auch nicht gerade als Hightech-Traumwerbung bezeichnen".

Durch ihre Kooperation mit der Bierfirma habe sie dem Feld der Traumbeeinflussung Aufmerksamkeit verleihen wollen. Das ist ihr wohl gelungen.

Traum à la carte auf dem Langstreckenflug?

Rund zehn namhafte Unternehmen hätten ihn inzwischen angefragt, berichtet Horowitz. Das Portfolio reiche von Fluggesellschaften über Innenraumausstatter bis hin zu Tech-Unternehmen, darunter Microsoft, so Horowitz.

Eine im vergangenen Jahr von der American Marketing Association durchgeführte Umfrage ergab, dass 77 Prozent der 400 befragten Marketing-Führungskräfte innerhalb der nächsten drei Jahre in Dream-Tech investieren wollen.

Die Frage ist nur: Wer würde Unbekannten einen Zugang in die eigene Traumwelt erlauben? 32 Prozent der von der American Marketing Association befragten 500 Verbraucher lehnten Traumwerbung ab. 38 Prozent jedoch hatten nichts dagegen.

Schlaftracker + intelligenter Lautsprecher = Traumbeeinflussung?

Und vielleicht ist eine Zustimmung auch gar nicht notwendig. "Es ist leicht, sich eine Welt vorzustellen, in der intelligente Lautsprecher zu Instrumenten unbewusster Werbung über Nacht werden – mit oder ohne unsere Zustimmung", warnen die Traumforschenden.

Ihre Sorge: Sind solche intelligenten Lautsprecher mit einer Armbanduhr verknüpft, die den Schlaf überwacht, könnten sie uns genau dann beschallen, wenn wir besonders empfänglich für äußere Reize sind.

Michael Schredl hält davon nichts. Die Schlaf-Tracker, die gerade auf dem Markt sind, seien dafür längst nicht entwickelt genug. Sie funktionierten über Bewegungssensoren und könnten vielleicht zwischen wach und nicht-wach unterscheiden. "Was darüber hinaus passiert, können sie nicht beurteilen."

Die Frage ist nicht, wie erfolgreich die kommerzielle Traumbeeinflussung ist, meint jedoch Antonio Zadra. Stattdessen sollten wir schon heute klären, ob wir sie wollen. Bevor wir es herausfinden.

"Kann sein, dass ich wie ein Panikmacher klinge", sagt auch Adam Horowitz. "Aber es ist besser, jetzt nachzudenken als zu spät." Denn die Technologie steht gerade erst am Anfang.

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