Doch keine Fußball-WM in der Wüste? | Fußball | DW | 02.06.2014
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Fußball

Doch keine Fußball-WM in der Wüste?

Die Vergabe der Fußball-WM 2022 an den Wüstenstaat Katar war von Beginn an umstritten. Jetzt verdichten sich die Hinweise, dass das Wahlergebnis gekauft worden sein könnte. Macht die FIFA jetzt einen Rückzieher?

Eine der spektakulärsten Aktionen im Fußball ist der Fallrückzieher: Der Spieler springt ab, liegt waagerecht in der Luft, macht eine weite Ausholbewegung mit dem Schussbein und zieht den Ball über den Kopf hinweg. Eine artistische Einlage, bei der man sich gemein weh tun kann. FIFA-Präsident Sepp Blatter bereitet sich gerade auf einen Fallrückzieher vor. Er ist im übertragenen Wortsinn bereits abgesprungen - und das ist nicht ohne Risiko. Im Klartext: Die FIFA scheint ernsthaft zu erwägen, Katar das Recht, 2022 die Fußball-Weltmeisterschaft auszurichten, wieder zu entziehen.

WM-Vergabe an Katar "ein Fehler"

Grund ist ein Bericht der englischen Zeitung "Sunday Times" vom Sonntag (01.06.2014), das Votum für Katar sei gekauft worden: Ende November 2010, kurz vor der Entscheidung über die Vergabe der Fußball-WM 2022, habe Mohamed Bin Hammam, Fußball-Funktionär aus Katar, umgerechnet etwa 3,7 Millionen Euro an verschiedene FIFA-Funktionäre gezahlt, um die Abstimmung zu Gunsten von Katar zu beeinflussen.

Das deutsche Mitglied im Exekutivkomitee der FIFA, Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger, sagte gegenüber dem "Handelsblatt", es sei inzwischen "alles andere als sicher, dass die WM in Katar ausgetragen wird". Zwanzigers Worte haben Gewicht, weil er als treuer Gefolgsmann Blatters gilt. So unterstreichen seine Worte eine Aussage des FIFA-Chefs vom 16. Mai 2014, als er im Schweizer Fernsehen über die WM-Vergabe an Katar einräumte: "Natürlich war es ein Fehler."

Kein Alleingang eines korrupten Funktionärs

Das Emirat Katar selbst hält sich aus der Diskussion um eine möglicherweise erkaufte Wahlentscheidung der FIFA heraus. Offizielle Stellen hätten "von all dem nichts gewusst, und was Mohamed Bin Hammam gemacht hat, interessiert uns auch eigentlich nicht". Florian Bauer hält das für eine Schutzbehauptung. Der Journalist war mehrfach in Katar und berichtet über die WM-Vorbereitungen in dem arabischen Land.

FIFA-General-Sekretär Jerome Valcke (Mitte) präsentiert dem Emir von Katar (rechts) den Weltpokal der FIFA (Foto: dpa)

Im Januar 20145 war scheinbar noch alles gut: FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke (Mitte) präsentiert dem Emir von Katar (rechts) den Weltpokal der FIFA

Bin Hammam, bis zu seinem Rücktritt von allen Ämtern Präsident des katarischen Fußballverbandes, Präsident des asiatischen Fußballverbandes und Mitglied im Exekutivkomitee der FIFA, sei in seiner Heimat viel zu gut vernetzt, so Bauer: "Er hat ein sehr gutes Verhältnis zum letzten Emir und kommt aus einer der angesehenen Familien in Katar." Dass Bin Hammam auf eigene Faust und ohne das Wissen der Regierung gehandelt hätte, kann sich Bauer "nicht vorstellen".

Ethik-Kommission hat nur wenig erreicht

Zurzeit untersucht die Ethik-Kommission der FIFA den Fall. Dieses Gremium hatte die FIFA ins Leben gerufen, um den zunehmend häufiger aufgedeckten Schmiergeldskandalen im Fußballweltverband auf die Spur zu kommen. Die Kommission hatte 2011 dafür gesorgt, dass Mohamed Bin Hammam wegen Verstößen gegen die Ethik-Codex der FIFA suspendiert und später auf Lebenszeit gesperrt worden ist.

Der Historiker Kay Schiller von der Universität in Durham, Nordengland, hat zum Thema FIFA geforscht und wundert sich nicht über die Korruptionsvorwürfe: "Wenn man jemanden wie Jack Warner oder andere Funktionäre hat, die aus Ländern kommen, in denen Bestechung Gang und Gäbe ist, dann ist das nur schwer zu kontrollieren." Jack Warner, Funktionär aus Trinidad und Tobago, war gemeinsam mit Bin Hammam 2011 von der Ethik-Kommission suspendiert worden.

Fußball FIFA Mohamed Bin Hammam (Foto: AP)

Mohamed Bin Hammam: Was genau hat er wem gegeben und wofür?

Um solche Fälle künftig wirksam verhindern zu können, so Schiller, müsse der Verband "demokratischer werden, eine Genderquote einführen und größere Repräsentanz von aktuellen Spielern in den Gremien" gewährleisten und insgesamt für "bessere Kontrolle und Transparenz" sorgen. Es sei durch die "Ethik-Kommission ein bisschen was geschehen, aber noch lange nicht genug".

Blatter könnte ins Schussfeld geraten

Vor Beginn des Turniers in Brasilien wird beim FIFA-Kongress eine Vorentscheidung im Fall Katar getroffen werden. Dabei hängt viel von der Empfehlung der Ethik-Kommission ab. Votiert sie dafür, Katar das Ausrichtungsrecht zu entziehen, könnte die FIFA eine Neu-Ausschreibung verfügen, über die im kommenden Jahr entschieden wird.

Florian Bauer ist allerdings der Überzeugung, dass es dazu nicht kommt. Mohammed Bin Hammam habe Druckmittel gegen Sepp Blatter in der Hand, weil "er einiges darüber weiß, wie Sepp Blatter seine vergangenen Präsidentschafts-Wahlkämpfe geführt und wie er sie gewonnen hat" - mit nicht immer legitimen Mitteln. Sollte sich Bin Hammams Lebenstraum, die WM in sein Heimatland zu holen, nicht erfüllen, müsse er auch nicht mehr schweigen, meint Bauer: "Dann gäbe es für ihn keinen Grund mehr, nicht auszupacken über die Gepflogenheiten von Sepp Blatter."

Angriff als Mittel der Verteidigung

Andererseits hat Sepp Blatter in seinem Funktionärsleben schon einige Krisen und Korruptionsvorwürfe unbeschadet überstanden. Möglicherweise setzt er darauf, dass das noch einmal funktioniert. Dann wäre noch ein anderes Szenario denkbar:

Bei der Vergabe des Turniers 2022 an Katar war es nicht Sepp Blatter, der sich für das Emirat ausgesprochen hatte, sondern neben anderen der UEFA-Präsident Michel Platini. Dem als Blatter-Kritiker bekannten Franzosen werden auch Ambitionen auf die Nachfolge des FIFA-Präsidenten nachgesagt. Blatter spekuliert aber auf eine weitere Amtsperiode. So könnte Blatter mit einem WM-Entzug für Katar auch seinen Konkurrenten von der UEFA empfindlich treffen. Mit einem Fallrückzieher kann man schließlich nicht nur ein spektakuläres Tor erzielen, man kann damit auch einen gegnerischen Torerfolg verhindern - etwa den nächsten Karriereschritt von Michel Platini.

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