Dieter Roesberg: ″Gibson war das Synonym für E-Gitarre″ | Musik | DW | 02.05.2018
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Musik

Dieter Roesberg: "Gibson war das Synonym für E-Gitarre"

Der US-amerikanische Gitarrenhersteller Gibson hat Insolvenz angemeldet. Im DW-Interview spricht der Chefredakteur des Fachmagazins "Gitarre & Bass" über die Situation der Kultmarke und die Gibson-Szene.

Deutsche Welle: Herr Roesberg, der US-amerikanische Gitarren-Hersteller Gibson hat einen Insolvenzantrag gestellt. Was bedeutet das für die vielen Sammler von Vintage Gibson-Gitarren? Vielleicht sogar eine Wert-Explosion ihrer Kult-Instrumente?

Dieter Roesberg: Ich glaube ja. Denn es ist im Augenblick noch nicht klar, wie es nach dem Insolvenzantrag mit Gibson weitergeht. Die alten Gitarren sind sowieso bei den Sammlern, die immer weiter dazukaufen. Die Preise steigen seit einigen Jahren und der Markt boomt. Gibson hat dazu einiges beigetragen.

Was hat sich die Firma einfallen lassen?

Sie haben angefangen, Replikas der alten Gitarren zu bauen, die relativ teuer waren. Das haben sie jedes Jahr gemacht und das hat auch den Preis der Originale in die Höhe getrieben.

Was sind denn heute Sammler-Gitarren wert, die einem Chuck Berry oder Elvis Presley einmal gehörten?

Die berühmten "Gibson Les Paul" aus den Jahren 1958, 59 und 60 werden mit 200.000 bis 250.000 Euro gehandelt. Und eine "Gibson SG" aus den 1960er Jahren liegt - je nach Zustand - bei 10.000 bis 50.000 Euro.

Die teuerste Gitarre der Welt auf der Musikmesse Frankfurt 2015.(DW/G. Reucher)

Laut Guinness-Buch der Rekorde die teuerste Gitarre der Welt: eine Gibson für zwei Millionen Dollar

Chuck Berry liebte seine kirschrote Gibson so sehr, dass er mit dieser Gitarre begraben wurde. Da gibt es doch bestimmt noch eine weitere Skurrilität um den Gibson-Kult.

Vor ein paar Monaten ist ein Buch eines Franzosen über das Gibson Modell "Moderne" aus dem Jahr 1957 herausgekommen. Diese Gitarre ist angeblich nie gebaut worden. Das ist ein Krimi mit ganz vielen historischen Fakten. Und lustigerweise wurde da auch jemand mit seiner Gitarre begraben - ganz nach dem Vorbild Chuck Berry.

Werfen wir einen Blick auf die Geschichte von Gibson. Die Firma brachte in den 1930er Jahren die allererste E-Gitarre in Serie auf den Markt. Wie hat sich denn das Unternehmen in den Jahren danach entwickelt?

Gibson wurde Ende des 19. Jahrhunderts von einem deutschen Auswanderer gegründet. Die Leute haben immer versucht, die Gitarren lauter zu machen. Sie haben Jazz-Gitarren gebaut und irgendwann den elektromagnetischen Tonabnehmer "Pickup" verbaut. Von da an war Gibson das Synonym für E-Gitarre, weil es keine anderen gab. In den 50ern kam die Firma Fender mit Solid Body Gitarren. Und Gibson brachte auch Instrumente ohne Resonanzkörper. Anfang der 1960er Jahre kamen die Beatles und der ganze Markt ist explodiert.

Chuck Berry bei einem Konzert in der Schweiz. (picture-alliance/AP Photo)

Chuck Berry in der Schweiz 2005 - hier kombiniert er seine Gibson mit einem Fender-Gurt...

Was waren aus Ihrer Sicht die größten Fehler der Unternehmensführung?

Sie haben bis in die 1970er immer noch voll auf ihre alten Jazz-Gitarristen wie Johnny Smith gesetzt. Sie haben nicht gesehen, dass es auch junge Musiker wie Keith Richards gibt. Dann kamen die Hersteller von sehr günstigen Gitarren aus Asien. Gibson dachte, uns großen Namen kann nichts passieren. Anfang der 80er waren der Konkurrent und Gibson fast pleite. Dann kam der heutige Besitzer Henry Juszkiewicz.

Wie hat er die Firma in die heute finanzielle Situation gesteuert?

Henry Juszkiewicz hat anfangs alles richtig gemacht: Er hat die alten Modelle wieder gebaut. Er hat einen Custom Shop eröffnet, wo die besonderen Instrumente gebaut wurden. Der Umsatz ging nach oben. Dann allerdings hat er zu viel falsch investiert und Schulden gemacht. Juszkiewicz wollte der Größte der Musikszene werden. Damit hat er sich völlig übernommen. Jetzt sind die Schulden so hoch, dass Gibson einen Insolvenzantrag gestellt hat.

Schwarz-weiß Foto von Dieter Roesberg. (Privat)

Gitarren-Experte Dieter Roesberg

Wie könnte sich die Firma Gibson aus dieser misslichen wirtschaftlichen Lage befreien - oder ist ein Erhalt des Unternehmens völlig unvorstellbar?

Gibson steht auch heute noch für Tradition. Sie haben letztes Jahr viele Gitarren verkauft und halten mit Gitarren für über 2000 US-Dollar einen Marktanteil von rund 40 Prozent. Die alten Helden wie Eddie Van Halen oder Eric Clapton sterben langsam aus. Aber es gibt mit Ed Sheeran oder Taylor Swift junge Musiker, die die Leute wieder zum Gitarrespielen bringen. Das ist die Zukunft. Gibson muss sich auf sein ursprüngliches Geschäft konzentrieren und gute Gitarren, die einen höheren Preis haben, bauen - aber auch günstige für den Nachwuchs.

Das Gespräch führte Conny Paul.

Dieter Roesberg gründete 1986 mit weiteren Ex-Mitarbeitern des ersten deutschen Musikermagazins "Fachblatt Musikmagazin" die Zeitschrift "Gitarre & Bass". Der Journalist arbeitet seit Mitte der 1970er Jahre regelmäßig als Studiomusiker und ist auf weit über 100 Produktionen zu hören. Anfang der 80er war Roesberg bei der Band "Gänsehaut" als Komponist und Musiker beteiligt. Ihre Single "Karl der Käfer" verkaufte sich über 1,5 Millionen Mal.

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