Die Wildpflanzensammler von London: Nahrungssuche in Zeiten des Lockdowns | Global Ideas | DW | 10.06.2020
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Global Ideas

Die Wildpflanzensammler von London: Nahrungssuche in Zeiten des Lockdowns

Während der täglichen Spaziergänge in Zeiten des Lockdowns entdecken Londoner ihre Verbindung zur Natur über Wildpflanzen.

Fizzy Johnson

Hat den Dreh raus: Izzy Johnson zeigt, wo es schmackhafte Pflanzen in London gibt

"Die beste Art mit bloßen Händen eine Brennnessel zu pflücken? Tun Sie es schnell!", erklärt Izzy "Fizzy" Johnson. Von der sonnigen Hecke am Rande eines Pfades in Tottenham im Norden Londons schnappt sich die 24-Jährige die jungen Blätter vom oberen Teil des Stiels. Geschickt rollt sie eines der Blätter wie eine Zigarette zusammen, mit der Blattunterseite bis nach oben. So hält sie die nadelartigen Haare, die stechen und brennen, wenn man sie berührt, von ihrer Haut fern. Jetzt kann sie eine pralle Kugel aus dem grünen Gewebe formen.

"So isst man eine rohe Brennnessel", sagt sie, während sie sich die Pflanzenkugel schnell zwischen die Zähne schiebt. Und das sei der beste Weg, um das Maximum an Nährwerten einer Pflanze zu bekommen, die reich an Eisen und Vitamin A ist und mehr Protein enthält als Spinat.

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"Für mich schmeckt das wie diese langen, grünen Bohnen, aber das ist natürlich für jeden anders", sagt Johnson, die normalerweise unter dem Namen "Benevolent Weeds" Spaziergänge organisiert, bei denen essbare Pflanzen gesammelt werden.

Ein Weg mit Brennnesseln, Schafgarbe, Holunder und anderen Wildpflanzen im Norden Londons

Ein Weg mit Brennnesseln, Schafgarbe und anderen Wildpflanzen im Norden Londons

Der Lockdown, der am 23. März in Großbritannien begann und inzwischen gelockert wurde, hat vielen Stadtbewohnern die Augen geöffnet und zwar ausgerechnet für Pflanzen, die im Frühling in ihrer Nachbarschaft blühen und sonst einfach übersehen werden. 

Wegen des Lockdowns durften die Londoner ihr Haus nur für ihre täglichen Lebensmitteleinkäufe und für Sport verlassen. Im März haben nun einige Menschen damit begonnen, dabei zum Beispiel Brennnesseln, Holunderblüten, Löwenzahn, seltene Frühlingspilze, saure Brombeerblätter, anisartigen Wiesen-Kerbel oder Bärlauch aus Büschen, an Flussufern und in Feuchtgebieten zu sammeln.

Schon bevor die COVID-19-Krise begann, wurde die städtische Nahrungssuche immer beliebter, sagt Wross Lawrence, Autor von "The Urban Forager: Find and Cook Wild Food in the City".

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Als die Londoner plötzlich mit langen, leeren Tagen und verlassenen Straßen und unbeschnittenen Hecken konfrontiert wurden, stieg das Interesse am Sammeln der Kräuter. Die größte Veränderung während des Lookdowns aber, so Lawrence, sei die veränderte Denkweise. "Es gibt definitiv mehr Leute da draußen, die sammeln. Ich bekomme viel mehr Nachrichten über die sozialen Medien und viele Freunde fragen mich: "Was ist dieses oder jenes für ein Blatt? Pflücke ich das Richtige?", so Lawrence. "Ich denke, dass der Lockdown die Menschen dazu gebracht hat, wieder mehr mit der Natur in Kontakt zukommen."

Hopfenpflanze

Der Spross der Hopfenpflanze, die man als Zutat von Bier kennt, ist auch roh essbar

Viele unterschiedliche Menschen wie z.B. Restaurantköche, Instagrammer, Kinder und Rentner wollen im Internet von erfahrenen Sammlern lernen. Diese übertragen ihre Sammel-Streifzüge in sozialen Medien live oder teilen ihr Wissen - wie Johnson - in Gesprächen über die Plattform Zoom.

Krisenmentalität

Kim Walker ist so etwas wie ein "Nahrungssammel-Lehrer" und Doktorand am Royal Botanic Gardens in Kew. Seiner Ansicht nach gibt es viele Gründe, warum Menschen wilde Pflanzen sammeln. "Einer dieser Gründe ist, dass wir alle diese Angst vor der Zukunft - auch der wirtschaftlichen Zukunft, spüren. Woher wird unser Essen kommen? Die Leute sind jetzt vielleicht mehr daran interessiert zu wissen, welche Nahrungsmittel in freier Wildbahn essbar sind, falls sie in eine Situation kommen sollten, in der es darum geht zu überleben."

Laut einer Studie aus dem Jahr 2017 erreicht das Interesse an der wilden Nahrungsmittelsuche seinen Höhepunkt in einer eher schwierigen Zeit . Die Studie befasst sich mit der Rezession von 2008 und hebt hervor, wie das Wissen um die Nahrungssuche die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft in sozialen und wirtschaftlichen Krisen unterstützen kann.

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Aber die meisten Sammler, von Wissenschaftlern werden sie auch Feldbeuter genannt, sehen darin vielmehr eine Möglichkeit, ihre Umgebung im Wandel der Jahreszeiten zu entdecken, Achtsamkeit zu üben, sich mit pflanzlichen Heilmitteln zu beschäftigen oder mythischen und folkloristischen Geschichten nachzugehen, die sich um einheimische Arten ranken, so Walker.

Wiesen-Kerbel und Gefleckter Schierling

Wiesen-Kerbel ist essbar, der ähnlich aussehende Gefleckte Schierling extrem giftig - Vorsicht bei der Nahrungssuche!

"Eine der philosophischen Fragen zur Entstehung dieser Krise ist: Wie leben die Menschen und warum fühlen sie sich abgeschnitten von der Natur", sagt Walker, "und ist dies auch darauf zurückzuführen, dass wir nicht im Einklang mit der Natur leben?"

Hoffnung und Geschmack

Nahrungsmittel-Lieferketten konnten während der Krise größtenteils aufrechterhalten werden. Doch durch die Pause vom hektischen nine-to-five-Alltag haben sich die Londoner wissbegierig im Anbau von Gemüse, Austauschen von Pflanzen, Backen mit Sauerteig und anderen Aktivitäten versucht, um Lebensmittel mit den eigenen Händen herzustellen, anstatt sie kommerziell zu erwerben.

Viele haben sich von ihren Geschmacksknospen leiten lassen und den Trend zur städtischen Nahrungssuche aufgegriffen, so auch einige Köche mit Michelin-Stern. Rick Baker betreibt in Homerton, im Osten Londons, die Pop-up-Pizzeria Flat Earth Pizzas, in der biologische und selbst gesammelte Zutaten verwendet werden.

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Vor dem Lockdown hatte Baker Erfolg mit dem Verkauf einer Pizza belegt mit Vogelmiere und Brennnesselspitzen, die in brauner Butter frittiert wurden. Er musste allerdings auf die Bedenken seiner Kunden wegen der möglichen Gefahren durch gesammelte Zutaten reagieren. 

Wenn die Restaurants wieder geöffnet sind, hofft er auf ein lokales Lebensmittelsystem, in dem sich der öffentliche Wunsch, kleine Unternehmen und Lebensmittelarbeiter zu unterstützen, mit der Euphorie für lokales Essen verbinden können.

Kletten-Labkraut London

Klettenlabkraut (r.) rankt an einem Gitter empor - aus ihm kann man auch Kräutertee machen

"Die Branche, in der ich arbeite, geht durch die Hölle", sagt Baker. "Hoffentlich ist es die neue Normalität, dass die Leute neugieriger sind. Sie sind jetzt eher bereit, Dinge auszuprobieren. Sie wissen mehr zu schätzen, was um sie herum vor sich geht." Er hofft, dass diese Zeit des Nachdenkens weitere Fragen zu unserem Essen aufwirft.

"Es ist ein schrittweiser Prozess, die Leute werden nicht einfach so auf Nahrungssuche gehen", sagt Baker. "Sie werden anfangen, Kräuter auf der Fensterbank anzubauen, oder Zucchini oder was auch immer. Und dann kann man anfangen mehr Fragen zu stellen, woher dieses Zeug eigentlich herkommt?"

Verlorenes Wissen zurückgewinnen

London ist nicht der einzige Ort, an dem der neue Appetit auf wilde Nahrungsmittel sichtbar ist, sagt Lukasz Luczaj, Leiter der Botanikabteilung an der Universität von Rzeszow, Polen. Auf seinem YouTube-Kanal konnte Luczaj eine Zunahme der Sammler in ganz Europa feststellen, die an seinem Unterrichtseinheiten teilnehmen.

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Vor etwa 15 Jahren leitete er Nahrungsammel-Kurse in London und stellte fest, dass die Engländer, im Gegensatz zu Polen und seinen Nachbarländern, einen Großteil ihrer traditionellen Sammelkultur verloren hatten. "In Großbritannien war das Sammeln von Pilzen nicht sehr beliebt", sagt Luczaj. "Vielleicht werden nach dem Lockdown sich mehr Leute dafür interessieren."

Michael Green ist Bauingenieur und lebt an der Grenze von London zur Grafschaft Essex. Er hat vor Jahren seine Vorliebe für das Sammeln von Pilzen entdeckt und teilt die Fotos seiner Funde auf Instagram.

Michael Green

Sammler und Bauingenieur Michael Green in einem Beet aus Brennnesseln und Wildpflanzen in Waltham Forest, London

Green arbeitet während des Lockdowns von zu Hause und hat seinen sonst zweistündigen Pendelverkehr durch einen langen Streifzug durch Wälder und Spielfelder im Nordosten Londons ersetzt. Am Pessach-Fest sammelte er Meerrettichblätter und verteilte sie, als die Geschäfte zu Beginn des jüdischen Feiertags keine bitteren Kräuter mehr hatten, die sonst als Teil des Seder serviert werden. 

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"Ich habe so ein Glück, diesen Ort vor meiner Haustür zu haben. Es ist wie eine Therapie, die zu mir kommt", sagt er. "Es hilft mir, meinen Alltag zu verlangsamen, statt in Eile zu sein, um irgendwo hinzufahren, den Bus zu bekommen, zur Arbeit zu gehen. Aber jetzt habe ich einen Blick für Kraut und Pflanzen, die zwischen den Pflastersteinen auftauchen und Wildblumen, die in Brachflächen wachsen. Das macht die Stadt interessanter."