Die vergessenen Opfer der Franco-Diktatur | Europa | DW | 17.09.2018
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Homosexualität

Die vergessenen Opfer der Franco-Diktatur

General Francisco Franco ließ Tausende Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung verhaften. Bis heute warten die Opfer auf Gerechtigkeit. Enrique Anarte Lazo hat einige von ihnen getroffen.

Maria de los Dolores Gamez steht neben der riesigen Tür eines heruntergekommenen Gebäudes. Die 81-Jährige schaut auf ein Schild neben dem Eingang. Um es lesen zu können, muss sie sich auf die Zehenspitzen stellen. Die Inschrift erinnert an die "historische Ungerechtigkeit", die Homosexuelle und Transgender in diesem Gebäude erleben mussten, dem alten Gefängnis der Stadt Huelva im Westen Andalusiens.

Es ist nicht das erste Mal, dass Gamez von sexuellen Minderheiten hört, die in der Stadt eingesperrt und misshandelt wurden. Allerdings hat sie noch nie vorher dieses kleine Denkmal entdeckt. Tatsächlich wurde es erst in diesem Jahr aufgehängt - fast vier Jahrzehnte nachdem gleichgeschlechtliche Beziehungen in Spanien entkriminalisiert wurden. Das war 1979. "Ich denke, es ist gut, dass Politiker endlich etwas tun zu diesem Thema", sagt Gamez. "Wir hatten zu viele Jahre des Schweigens."

Umstrittene Umbettung von Diktator Franco

Im vergangenen Monat ordnete die spanische Regierung die Umbettung der Leiche des früheren Diktators General Francisco Franco aus der umstrittenen Gedenkstätte "Valle de los Caídos" (Tal der Gefallenen) an. Das Parlament verabschiedete die Gesetzesverordnung am Donnerstag, nachdem Premierminister Pedro Sánchez genug Unterstützer gefunden hatte. Vor allem Liberale und Konservative enthielten sich bei der Abstimmung. Das "Tal der Gefallenen", 50 Kilometer nördlich von Madrid, war in den vergangenen Jahren zu einer Pilgerstätte für Rechte und Rechtsextreme geworden. In dem Mausoleum ruhen neben dem Diktator selbst auch Tausende Opfer des Franco-Regimes.

Valle de los Caidos - das Tal der Gefangenen (Foto: DW/Victor Tscheretski)

"Valle de los Caidos": Das Tal der Gefangenen ist in Spanien umstritten

Die Diskussion um die Umbettung hat eine Erinnerungsdebatte in einem Land ausgelöst, in dem es immer noch mehr als 2000 Massengräber gibt. Sie stammen vor allem aus dem Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939), einem Konflikt, der von vielen Historikern als Vorlauf des Zweiten Weltkriegs bezeichnet wird. Er markierte den Beginn einer jahrzehntelangen autoritären Herrschaft und Repression, die erst mit den freien Wahlen im Jahr 1977 endete.

Franco, von 1936 bis 1975 an der Macht, zielte während seiner Herrschaft nicht nur auf seine politischen Gegner. Er verfolgte auch diejenigen, die es wagten, sich dem nationalistisch-katholischen Gesellschaftsmodell zu widersetzen. Historiker fanden mittlerweile heraus, dass der Diktator zwei "spezialisierte" Gefängnisse für diejenigen einrichten ließ, die nach seinen homophoben Gesetzen verurteilt wurden: eines war in Huelva und eines in Badajoz an der portugiesischen Grenze.

Drei Monate in Haft, für immer kriminalisiert

Antoni Ruiz wurde 1958 in einer kleinen Stadt in der Nähe von Valencia im Osten des Landes geboren. Er war einer der Gefangenen. Mit 17 outete er sich vor seiner Familie als homosexuell. Schließlich verriet ihn jedoch eine Nonne an die Polizei. "Das war der Moment, als mein Martyrium begann", berichtet er heute der DW. Ruiz wurde in verschiedene Strafanstalten gebracht, bis er schließlich im Gefängnis in Badajoz landete. Rechtlich gesehen war er damals noch nicht erwachsen. 

Antoni Ruiz, im Hintergrund eine Regenbogen-Fahne (Foto: Asociación Ex Presos Sociales )

Antoni Ruiz kämpft für die Rechte Homosexueller in Spanien - wie hier bei einer Demonstration in Valencia

Drei Monate verbrachte er in Badajoz, die sich für ihn wie eine Ewigkeit anfühlten. "Niemand wollte dir einen Job geben", sagt er heute. Er war ein Krimineller und homosexuell - und die Polizei informierte seine potenziellen Arbeitgeber darüber. Er musste kämpfen, um über die Runden zu kommen und fühlte sich sozial ausgegrenzt.

Diejenigen, die wie Ruiz verfolgt wurden, wollen, dass ihre Akten aus dem Computersystem der Polizei gelöscht werden. Außerdem fordern sie finanzielle Entschädigungen für die LGBTI-Opfer (Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle) der zwei Gesetze, die diese Minderheit zwischen 1954 und 1979 kriminalisierten.

Es ist kein einfacher Weg, weil sich jedes Opfer einem individuellen juristischen Prozess stellen muss. Manchmal sei es mühsam, sagt Ruiz, denn die Aufzeichnungen sprechen nicht immer von homosexuellen Vergehen, obwohl das der Grund für die Festnahme war. 

Fingerabdrücke auf Dokumenten zur Festnahme von Antoni Ruiz (Foto: DW/E. Anarte Lazo)

Diese Dokumente belegen die Festnahme von Antoni Ruiz

Laut der "Vereinigung ehemaliger sozialer Gefangener Spaniens", der Ruiz vorsteht, haben nur 116 Menschen Entschädigung für jene Verurteilungen vom Staat bekommen. Die Regierung hat die Zahl im vergangenen Jahr bestätigt. Historiker schätzen allerdings, dass während des Franco-Regimes mindestens 5000 Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung verurteilt wurden.

Entschuldigung oder Begnadigung?

Spanien müsse viel mehr tun, um diesen Bürgern Gerechtigkeit zu verschaffen, fordert Ramon Martinez. Der Philologe hat kürzlich einen Essay über die Geschichte des spanischen LGBTI-Aktivismus veröffentlicht, in dem er auch Beispiele aus anderen Ländern nennt. Unter anderem erwähnt er den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier: Er bat im Juni um Entschuldigung für die Verfolgung Homosexueller in der NS-Zeit und in den danach folgenden Jahrzehnten.

Großbritannien veröffentlichte 2017 eine posthume Begnadigung für Homosexuelle unter dem sogenannten Turing-Gesetz. Namensgeber ist der britische Kriegsheld Alan Turing, der 1952 wegen seiner sexuellen Orientierung kastriert wurde. Zwei Jahre später beging er Selbstmord, im Alter von 41 Jahren. Posthum erhielt er 2013 eine königliche Begnadigung. Sowohl Martinez, als auch Ruiz kritisieren den britischen Ansatz. "Wen begnadigen sie? Es war der Staat, der Menschenrechte verletzt hat", gibt Ruiz zu bedenken.

Ein Raum im Gefängnis in Huelva, Spanien (Foto: DW/E. Anarte Lazo)

Ein Raum des Gefängnisses in Huelva

Martinez unterstreicht unterdessen die Dringlichkeit, an der kollektiven Erinnerung Spaniens zu arbeiten: "Im Gegensatz zu Berlin, Amsterdam oder Köln gibt es in keiner spanischen Stadt ein Denkmal für die LGBTI-Opfer." Aber es sei wichtig, die Bedeutung der historischen Orte zu betonen. Dazu gehört auch das alte Gefängnis in Huelva, das mittlerweile eine Ruine ist - und für Öffentlichkeit und Presse geschlossen.

Wenn Maria de los Dolores Gamez ihre Gefühle beschreiben soll, die solch ein Ort mitten in ihrer Heimatstadt auslöst, zitiert sie ein Gedicht, das sie mit ihrer Enkelin bei der Hausaufgaben-Betreuung gelesen hat: "Dort, weit weg, wo das Vergessen wohnt", sagt sie. Die Zeile hat Luis Cernuda geschrieben. Er ist ein bekannter homosexueller Dichter, der während des Spanischen Bürgerkriegs ins Exil floh. Gamez fragt sich, ob die Opfer überhaupt in den Lehrbüchern auftauchen. "Das hier ist überhaupt keine Gerechtigkeit", meint sie, bevor sie ihren Abendspaziergang fortsetzt.

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