Die Verbrechen der Anderen | Europa | DW | 04.08.2015
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Europa

Die Verbrechen der Anderen

Vor 20 Jahren begann in dem damaligen Jugoslawienkrieg die kroatische Offensive "Oluja", um die von Serben besetzten Gebiete Kroatiens zurückzuerobern. Bis heute streiten Serbien und Kroatien über diese Operation.

Kroatische Panzer in Knin (Foto: AP Photo/Darko Bandic)

Kroatische Panzer in Knin am 10. August 1995.

Als die ersten Granaten auf Knin fielen, lag Savo Štrbac noch im Bett in seinem Zimmer. Der Mann wusste aber sofort: die Kroaten sind gekommen. "Ich bin zum Fenster gerannt. Über der Stadt konnte man unzählige Explosionspilze beobachten. Es war wie Hagel…riesiger Hagel", erinnert er sich. Das Artilleriefeuer sei "wahllos" gewesen - dieses Wort betonnt Štrbac mehrmals.

Kroatische Serben fliehen in bosnische Serbengebiete (Foto: picture-alliance/dpa/S. Stankovic)

Kroatische Serben fliehen in bosnische Serbengebiete

Er war damals Regierungsmitglied des von Serben geführten separatistischen Gebiets Republika Srpska Krajina, Knin war ihr Haupstadt. Obwohl international nie als Staat anerkannt, kontrollierte das defacto serbische Regime ungefähr ein Drittel der heutigen kroatischen Staatsfläche während des blutigen Krieges, der den sozialistischen Vielvölkerstaat Jugoslawien zerriss.

Feiern und trauern

Dem sollte die Blitzoffensive "Oluja" - das serbokroatische Wort für Sturm - ein Ende setzen. Zvonko Milas war damals als Offizier der Kroatischen Armee an der Offensive beteiligt. Heute sitzt er für die christdemokratisch orientierte Kroatische Demokratische Union im Parlament und behauptet, dass es keinen Artilleriebeschuss auf Knin gegeben habe: "Kein einziges Gebäude wurde zerstört."

Milas redet lieber über die serbischen Verbrechen aus dem Jahr 1991, vor allem die brutale Attacke auf seine Heimatsstadt Vukovar an der Grenze zu Serbien: "Ich musste mit meinem fünfjährigen Sohn durch das Maisfeld wegrennen. Nach dem Krieg konnte ich meine Straße in Vukovar nicht mehr wieder erkennen. Alles lag in Trümmern."

"Oluja" dauerte knapp 84 Stunden - so viel Zeit hat es benötigt, um praktisch widerstandslos das abtrünnige Territorium unter kroatische Kontrolle zu bringen. Nun wird zum 20. Jahrestag der Sieg in Kroatien groß gefeiert - in Knin und der Hauptstadt Zagreb - dort mit einer für kroatische Verhältnisse gigantischen Militärparade.

Dabei spielt es kaum eine Rolle, dass während "Oluja" 200.000 Serben vor den anrückenden kroatischen Streitkräften flohen und in den meisten Fällen nie wieder zurückkehrten. Mehrere internationale Gerichte deklarierten das als ethnische Säuberung. In Kroatien wird bis heute auch kaum erwähnt, dass es unter denjenigen, die nicht geflohen sind, zu Vergeltungstötungen kam - verschiedene Quellen gehen von 700 bis 2.500 ermordeten serbischen Zivilisten aus. In Serbien ist deswegen für Mittwoch ein Trauertag angekündigt.

Kehrseite wird ignoriert

Der konservative Abgeordnete Milas meint, Kroatien feiere den Tag des Sieges in einem Land mit "aufgezwungenem Krieg". Alle Verbrecher solle man dennoch zur Rechenschaft ziehen. Doch warum bisher in Kroatien lediglich ein einziger Verbrecher für die Gräueltaten nach "Oluja" verurteilt wurde, kann Milas nicht sagen. Er erklärt, dass in der Republik Kroatien die Gewaltenteilung gilt und weiter: "Sie wissen, dass manchmal das Recht und die Gerechtigkeit nichts miteinander zu tun haben."

Ivica Đikić ist da viel kritischer: "Bevor man den Jahrestag so martialisch und pompös feiern kann, müsste sich Kroatien mit den Verbrechen gegen die serbische Bevölkerung beschäftigen", sagt der Chefredakteur der in Zagreb für die serbische Minderheit erscheinenden Wochenzeitung Novosti. "In all diesen Jahren nach dem Krieg hatten wir in Kroatien die regierenden Eliten, die stets den Befreiungscharakter der "Oluja" zu zementieren versuchten. Die Rückseite dieser Operation wurde ignoriert, nämlich die ethnische Säuberung und der unverhohlene Wunsch des damaligen Präsidenten Franjo Tuđman, die Zahl der Serben in Kroatien unter drei Prozent zu senken."

Dass es sich um eine angeblich saubere Operation der kroatischen Offensive handele, werde auch aus dem Freispruch für kroatische Militärkommandeure vor dem Haager Tribunal für das ehemalige Jugoslawien geschlossen, sagt Đikić. Doch die Richter hatten mit ihren Urteil die Verbrechen nicht verneint. Auch der Internationale Gerichtshof, der im Februar die gegenseitigen Völkermordsklagen aus Belgrad und Zagreb abgelehnt hat, bestreitet etliche Verbrechen im Zusammenhang mit "Oluja" nicht – im Gegenteil, ethnische Säuberung wird bestätigt.

Weit weg vom Versöhnung

Man sei in Serbien zu Recht empört, dass sich die Übeltäter in Kroatien auf freiem Fuß befinden, sagt Dragan Popović, Leiter des Belgrader NRO Zentrums für praktische Politik. Doch Serbien verschweige ihre Rolle am Anfang des Krieges, als die Republika Srpska Krajina durch direkte sicherheitspolitische, finanzielle und militärische Unterstützung aus Belgrad ins Leben gerufen wurde. "Schätzungsweise waren damals 180.000 Kroaten aus der Krajina vertrieben – also sehr vergleichbar mit dem Ausmaß der späteren ethnischen Säuberung gegen Serben. Von daher hat Serbien kein Grund, sich moralisch als überlegen zu inszenieren", sagt Popović.

Kroatien Offensive Krajina (Foto: Nino BRENTZ-STR/AFP/Getty Images)

Zuvor vertriebene Kroaten konnten nach der Offensive in ihre Dörfer zurückkehren

Was sagt dazu der frühere Sekretär der serbischen Krajina-Regierung Štrbac? Nicht viel. "Die Schlachten zwischen Serben und Kroaten waren im 20. Jahrhundert immer blutig und gnadenlos. Aber die Serben haben immer mehr gelitten." Genauso wie der einstige kroatische Soldat Milas, redet Štrbac viel ausführlicher über die Qualen der eigenen Bevölkerung. Viele Serben seien förmlich "rituell ermordet" worden, was symbolisch an die Verbrechen der kroatischen Faschisten gegenüber Serben während des Zweiten Weltkrieges erinnern sollte.

So bewegt sich in den letzten zwei Jahrzehnten alles im Kreis der gegenseitigen Anschuldigungen, was auch eine echte Versöhnung schwer macht. Denn mehrere Fragen zwischen Kroatien und Serbien sind noch offen - von dem Schicksal der Vermissten bis zu dem noch umstrittenen Verlauf der Grenze an der Donau. "Alle Politiker in der Region - ob nominal links oder rechts – spielen gerne die nationalistische Karte aus", sagt Popović. Er fürchtet, ohne ehrliche Auseinandersetzung mit eigenen Kriegsverbrechen auf beiden Seiten werden die Schatten des Krieges nie verblassen.