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Ende des Kroatienkrieges Jahrestag der Aktion "Sturm"

6. August 2010

Die Militär-Operation "Oluja" der kroatischen Armee beendete 1995 den Kroatienkrieg und den Plan eines "Groß-Serbiens". Die Vertreibung der Serben damals hat die Bevölkerungsstruktur in der Region massiv verändert.

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Der kroatische Präsident Franjo Tudjman (m) posiert in Knin mit seinem Außenminister Mate Granic und siegreichen kroatischen Soldaten am 06.08. 1995 (Foto: picture-alliance/dpa)
Der kroatische Präsident Franjo Tudjman (Mitte) in Knin 1995Bild: picture-alliance/dpa

Der 05. August ist heutzutage ein Nationalfeiertag in Kroatien. Es ist ein Tag des Sieges, denn 1995 nahmen kroatische Streitkräfte Knin ein, die Hauptstadt der selbsternannten Republik "Srpska Krajina" - Serbische Kraina. Die von serbischen Kräften besetzten kroatischen Gebiete wurden während der Großoffensive "Operation Oluja (Sturm)" befreit. Der Stadt Knin habe damals das gleiche Schicksal wie Srebrenica gedroht, sagt der militärpolitische Experte Fran Visnar aus Zagreb. Auch Srebrenica wurde kurz zuvor am 09. Juli 1995 zunächst von serbischen Truppen belagert. Diese töteten dann rund 8000 muslimische Jungen und Männer.

Die USA und ihre europäischen Verbündeten befürworteten die Militär-Aktion "Oluja" der kroatischen Armee. Denn dadurch wurde ihrer Ansicht nach das militärische Gleichgewicht in den Kriegsgebieten des ehemaligen Jugoslawien wieder hergestellt, also in Kroatien und Bosnien. "In Bosnien begann das vom Oberkommandeur der bosnischen Serben Ratko Mladic aufgebaute Image zu bröckeln, das die Truppen der bosnischen Serben praktisch unbesiegbar seien, und dass nicht einmal die NATO sie besiegen könne", meint Visnar. Die bosnische Armee und die Einheiten der kroatischen Streitkräfte setzten die "Operation Oluja" fort. Dieser gemeinsame Einsatz sei so kraftvoll gewesen, dass in einem Ruck vermutlich die heutige Hauptstadt der Serbenrepublik Banja Luka, das nordbosnische Prijedor und noch weitere Gebiete befreit worden wären. "Doch dies widersprach den US-amerikanischen strategischen Interessen, mit Diplomatie mehr zu erreichen. Damit wurde der Weg geebnet für die Friedensverhandlungen in Dayton und das darauffolgende Friedensabkommen", erklärt Visnar.

"Historisches Gespräch"

Porträt vom ehemaligen Anführer der kroatischen Serben Milan Martic (Foto: AP)
Milan Martic sitzt heute hinter GitternBild: AP

Die Aktion "Oluja" habe zudem die Idee eines Groß-Serbien beendet. Der Initiator des Aufstandes der kroatischen Serben, Slobodan Milosevic, habe nichts dagegen unternommen. Laut Visnar war Milosevic in Urlaub, als die kroatischen Kräfte in Knin einmarschierten und zahlreiche Serben aus dieser Gegend vertrieben wurden. Visnar erinnerte sich an ein historisches Gespräch zwischen Milosevic und dem damaligen Präsidenten Milan Martic der selbsternannten serbischen Kraijina: "Martic flehte Milosevic um Hilfe an. Doch der entgegnete nur wütend: 'Ihr habt es nicht einmal sechs Tage ausgehalten, und nun soll ich euch aus dem Sumpf retten?' Martic fragte ihn dann, was er tun solle, woraufhin Milosevic ihm antwortete: 'Bring dich um!'", erzählt Visnar. Milan Martic hat sich nicht umgebracht. Er verbüßt gerade seine 35-jährige Haftstrafe wegen Kriegsverbrechen an Kroaten, die er als Präsident der so genannten Republik Serbische Kranjina verübt hat.

Mythos zerschlagen

Ante Gotovina beim Betreten des Gerichtssals des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag 2005 (Foto: AP)
Auch Ex-General Gotovina musste sich vor dem Jugoslawien-Tribunal verantwortenBild: AP

Auch während der Militäroperation "Oluja" seien Verbrechen verübt worden, betont Miliärexperte Djuro Kozar aus Sarajewo. Es sei zu Beginn der Aktion nicht vorgesehen gewesen, die Serben aus Kroatien zu vertreiben. "Aber im Verlauf der Operation, insbesondere zum Schluss, ist einiges außer Kontrolle geraten", sagt Kozar. In den Anklageschriften des Internationalen Strafgerichtshofs gegen die kroatischen Generäle Ante Gotovina, Ivan Cermak und Mladen Markac seien Mord, Vertreibung, Deportation und Raub angeführt, betont Kozar. Da die Miltäroperation "Oluja" den Mythos der Unbesiegbarkeit der serbischen Streitkräfte zerstört hätte, hätte Serbiens Ex-Präsident Slobodan Milosevic auch den politischen und militärischen Einfluss auf die Serben in Kroatien und Bosnien verloren, meint Kozar. "Die Politik von Slobodan Milosevic hat katastrophale Folgen für die Serben außerhalb Serbiens gehabt, insbesondere für die in Knin und Westslawonien", sagt Kozar. Milosevic habe sie aufgehetzt, finanziell und militärisch unterstützt, damit sie die groß-serbische Idee umsetzten. "Und sie haben ihm geglaubt, ohne zu wissen, dass sie dafür teuer bezahlen würden."

Die Angaben über die Zahl der Serben, die aus Kroatien geflohen oder vertrieben worden sind, sind nicht genau. Einige Experten spielen sie herunter auf unter 100.000 und die anderen bauschen sie auf auf mehr als 250.000. Unumstritten sind Analysten zufolge die Folgen der Operation "Oluja". Das demographische Bild in der Region hat sich erheblich verändert, weil die meisten kroatischen Serben nach Bosnien geflohen sind und nicht nach Serbien.

Autoren: Samir Huseinovic/ Mirjana Dikic

Redaktion: Nicole Scherschun