Die Sehnsucht der syrischen Flüchtlinge | Europa | DW | 06.11.2013
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Europa

Die Sehnsucht der syrischen Flüchtlinge

Das Nachbarland Türkei ist ein Hauptziel syrischer Flüchtlinge. In Großstädten wie Istanbul betteln sie oder verkaufen Wasser am Straßenrand. Dort bleiben möchten sie nicht - zu groß ist die Sehnsucht nach der Heimat.

Ethem hat es sich mit den Kindern auf dem Sofa im Wohnzimmer gemütlich gemacht. Im Fernsehen läuft ein Zeichentrickfilm in voller Lautstärke: das Gekicher der Kinder ist dadurch kaum zu hören. Neun sind es an der Zahl. "Nicht alle sind meine Kinder. Insgesamt drei Familien leben hier. Ich mit meiner Frau und unseren sechs Kindern, mein Bruder mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Und dann wohnt hier noch eine Witwe mit ihrem elfjährigen Sohn", so der 28-jährige Syrer im Gespräch mit der Deutschen Welle. Ethem und sein jüngerer Bruder Mecid wollen ihre Nachnamen nicht nennen, denn keiner der Familienangehörigen ist offiziell bei den türkischen Behörden angemeldet. Zu groß ist ihre Angst, in Flüchtlingscamps oder nach Syrien zurückgeschickt zu werden.

Ethem und Mecid passen gerade zu Hause auf die Kinder auf, während die drei Frauen arbeiten. Zumindest bezeichnen sie das so. Ihre Arbeit ist das Betteln auf der Straße.

Ethem war in Aleppo Schuhmacher für Damenschuhe und hatte einen eigenen Laden. Jetzt arbeitet er als Putzkraft in einem Hotel in Istanbul und verdient rund 220 Euro im Monat. Sein Bruder Mecid hat einen Job in einem Kurzwarengeschäft und verdient 150 Euro. Die Monatsmiete für die kleine Zweizimmerwohnung im Istanbuler Stadtteil Fatih beträgt 330 Euro. "Wir legen das Geld zusammen. Irgendwie kommen wir dann über die Runden", erklärt Ethem. Die beiden Brüder sind mit der Familie vor drei Monaten aus Syrien geflohen. Sie sind über die türkische Grenze in die Türkei gekommen. "Zuerst sind wir in einem Flüchtlingscamp in Gaziantep untergekommen. Aber wir wollten arbeiten, deswegen sind wir mit dem Bus direkt nach Istanbul gefahren", erzählt der 28-jährige Ethem. Die Brüder gehören zur kurdischen Minderheit in Syrien. In der Millionenmetropole Istanbul leben auch viele Kurden, und auch deswegen sind die beiden hierher gekommen.

"Die türkische Regierung tut, was sie kann"

Halim Yilmaz, Vizepräsident der Menschenrechtsorganisation 'Mazlumder' (Foto: DW/Senada Sokollu)

Halim Yilmaz, Vizepräsident der Menschenrechtsorganisation 'Mazlumder'

Nach Angaben der türkischen Katastrophenschutzbehörde befinden sich momentan rund 600.000 syrische Flüchtlinge in der Türkei. Rund ein Drittel von ihnen ist in Flüchtlingslagern untergebracht, zwei Drittel in gemieteten Unterkünften. Allein in Istanbul leben schätzungsweise 150.000 syrische Flüchtlinge. Und es werden weitere dazukommen: Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass allein im nächsten Jahr weitere zwei Millionen Syrer das Land verlassen werden. Durch die Flüchtlingsströme entstehen Kosten: Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan spricht von rund zwei Milliarden Dollar, die die Türkei für die Aufnahme und Versorgung der Flüchtlinge ausgegeben hat.

Die türkische Regierung tut, was sie kann", so Halim Yilmaz, Vizepräsident der Menschenrechtsorganisation Mazlumder. Im September habe die türkische Katastrophenschutzbehörde allen offiziell registrierten syrischen Flüchtlingen kostenlose medizinische Versorgung in Krankenhäusern zugesichert, erklärt Yilmaz im Gespräch mit der DW. "Und das türkische Bildungsministerium hat offiziell erklärt, dass syrische Flüchtlingskinder Bildungseinrichtungen besuchen können. Doch da ein angemeldeter Wohnsitz Voraussetzung ist, gestaltet es sich schwer, dies in die Praxis umzusetzen", so Yilmaz. Dies betrifft vor allem Familien wie die von Ethem und Mecid, die diese Leistungen nicht in Anspruch nehmen können.

Woran es den syrische Flüchtlingen zusätzlich mangele, sei psychologische Unterstützung - und die müsse von der Gesellschaft kommen. "Es ist nicht nur die finanzielle Unterstützung die sie brauchen, sondern man muss ihnen ein guter Nachbar und ein Freund sein", betont der Menschenrechtler.

"Wir wollen zurück"

Syrische Flüchtlinge Riyad Ahmed Husein und Dilges Husein (Copyright: DW/Senada Sokollu)

Syrische Flüchtlingsbrüder: Riyad Ahmed Husein (links) und Dilges Husein (rechts)

Ein Freund sein - diese Aufgabe versucht Lezgin Akan zu erfüllen. So oft wie möglich spaziert der 23-jährige Student der Kommunikationswissenschaften durch die Straßen des Istanbuler Stadtteils Fatih um sich nach dem Befinden syrischer Flüchtlinge zu erkundigen. Bereits nach fünf Minuten entdeckt er zwei syrische Brüder, die im Park im Gras liegen. "Ich hatte für die beiden Arbeit gefunden, doch sie sind aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse nicht klargekommen. Jetzt sind sie wieder hier", so Akan im Gespräch mit der DW.

Der Student ist aktiv für die "Solidaritätsplattform für Syrer in Parks" - eine freiwillige Organisation mit einer Facebookseite, die über 2000 Unterstützer hat. Akan kümmert sich mit neun weiteren Engagierten der Organisation um fast 150 syrische Familien in Istanbul. Sie versuchen, die Flüchtlinge von der Straße zu holen, organisieren ihnen Wohnungen, bezahlen mit Spendengeldern die erste Monatsmiete und versuchen, Arbeit für sie zu finden. So half er auch den Brüdern Riyad Ahmed Husein und Dilges Husein bei der Suche nach einem Dach über dem Kopf. Beide sind mit ihren Frauen und Kindern vor einem Monat aus der syrischen Stadt Quamischli in die Türkei geflohen. Sie wohnen mit anderen syrischen Familien zusammen im Istanbuler Stadtteil Tarlabasi. Jeden Tag laufen sie über eine Stunde in den Stadtteil Fatih. Es sei ein muslimischer Stadtteil und das Betteln bringe hier am meisten, so der 30-jährige Riyad Ahmed Husein.

Akan spricht auch kurdisch und kümmert sich hauptsächlich um syrische Kurden. "Bis jetzt waren wir recht erfolgreich. Keine der Familien ist hungrig oder obdachlos. Die Arbeitsvermittlung gestaltet sich oft schwierig, da die Arbeitgeber offizielle Dokumente verlangen", so Akan.

Das Engagement des jungen Mannes wird nicht von allen begrüßt. Es sei vorgekommen, dass ihn Bekannte kritsieren, erzählt er. "Warum hilfst du ihnen? Sie sind Bettler, Diebe und Zigeuner" - sei der diskriminierende Wortlaut eines Nachbarn gewesen.

"Ich dachte, es ist Krieg"

Lezgin Akan, Mitgründer der 'Solidaritätsplattform für Syrer in Parks' (Foto: DW/Senada Sokollu)

Lezgin Akan hilft den Flüchtlingen aus Syrien - meistens sind es Kurden

Ethem und seine Familie jedenfalls zählen auf Akan. Auch ihnen hat er eine Wohnung und Arbeit besorgt. Vor allem für den elfjährigen Saqr, der gemeinsam mit seiner verwitweten Mutter, mit Ethem und Mecid in einer Wohnung wohnt, ist Akan eine Bezugsperson. Saqr hat seinen Vater bei einem Bombenangriff in Syrien verloren. Als Akan die Familie zu Hause besucht, erzählt Saqr stolz, dass er jetzt auch Geld verdiene. "Ich verkaufe Wasser auf der Straße. Ich muss ja Geld verdienen. Schließlich bin ich jetzt der Mann im Haus", sagtder Junge. Saqr leidet an einem Kriegstrauma. Als die Türkei den 90. Jahrestag der Republik auf Istanbuls Straßen feierte, sei er erschrocken. "Ich habe das Feuerwerk mit Bomben verwechselt. Dann habe ich alle meine Wasserflaschen fallen lassen, bin weinend auf den Boden gefallen und habe mir die Ohren zugehalten. Ich dachte, jetzt herrscht auch noch Krieg in der Türkei", so der Elfjährige. Akan versucht, ihm Mut zuzusprechen. Der kleine Junge hat Tränen in den Augen.

Saqr zieht es trotzdem zurück nach Syrien. "Wenn der Krieg vorbei ist, will ich wieder nach Hause. Hier fühle ich mich fremd", sagt er. Auch Ethem und sein Bruder Mecid wollen nicht in der Türkei bleiben. "Wir sind hier nur vorübergehend. Wir wollen zurück nach Syrien, sobald sich die Situation bessert", sagt auch der arbeitslose Riyad Ahmed Husein. Schließlich sei es ihr Vaterland.

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