Die Rastafari-Gemeinschaft in Äthiopien schrumpft | Afrika | DW | 11.09.2019
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Afrika

Die Rastafari-Gemeinschaft in Äthiopien schrumpft

Rastafaris aus der ganzen Welt haben sich in Äthiopien niedergelassen, wo Kaiser Haile Selassie ihnen einst Land zugesprochen hat. Doch heute ist das Leben im "gelobten Land" weit entfernt vom erträumten Paradies.

Der Abendhimmel taucht Shashamane in violettes Licht. Die Stadt liegt etwa 250 Kilometer südlich der Hauptstadt Addis Abeba. Im Haus der "Äthiopischen Weltvereinigung" (EWF) schauen ein paar Rastafaris einen Dokumentarfilm darüber, wie farbige Menschen in der Wissenschaft diskriminiert werden. "Ja, das stimmt", hört man sie ab und zu murmeln. In der ersten Reihe sitzt Ras Paul. Er trägt eine rot-gelb-grüne Mütze und kümmert sich um den Beamer. "Ursprünglich war die EWF für alle schwarzen Äthiopier da und nicht nur für Rastafaris", sagt Paul. Er ist der einzige Mitarbeiter der Vereinigung vor Ort.

Die EWF wird in den 1930er Jahren in den USA gegründet. Sie will die Einheit der schwarzen Menschen weltweit fördern. Und sie will Äthiopien im Kampf gegen die italienischen Besatzer unterstützen, die das Land 1935 erobert haben. Das gelingt: Im Mai 1941 übernimmt Kaiser Haile Selassie wieder die Macht. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellt er 200 Hektar Land für die Nachkommen afrikanischer Sklaven bereit, die auf dem Kontinent eine Heimat finden wollen. Die EWF soll das Territorium in Shashamane verwalten und den Rückkehrern zuteilen.

Historische Aufnahme von Haile Selassie (picture-alliance)

Kaiser Haile Selassie schenkte den Nachkommen afrikanischer Sklaven einst Land

Ein richtiger Schritt - denkt Ras Paul: "Wir können nur dann politische Macht gewinnen, wenn wir uns selbst versorgen und selbst über uns bestimmen. Das geht nur durch die Rückkehr nach Afrika." Obwohl Kaiser Haile Selassie mit seiner Schenkung nicht nur Rastafaris ansprechen will, sind es mehrheitlich sie, die von Jamaika nach Äthiopien kommen. Sie sehen in Haile Selassie den lang ersehnten Messias, der sie nach Afrika zurückbringt. Dieser Glaube gibt der Rückkehrbewegung eine starke religiöse Komponente. Als der Kaiser 1966 dann Jamaika besucht, fordert er die Rastafaris auf, nach Shashamane zu ziehen.

"Von der Kirche versklavt"

Die Rastafari-Bewegung - häufig einfach "Rasta"-Bewegung genannt - ist in den 1930er Jahren in Jamaika entstanden. Der äthiopische Kaiser, der vor seiner Krönung "Ras Tafari Makonnen" heißt, wird als Sinnbild des freien Afrika zum Idol und Namensgeber der Bewegung. Heute ist es eine weltweit verbreitete Glaubensrichtung. "Haile Selassies Schenkung war ursprünglich als Gemeinschaftsland gedacht, aber die Rastafaris haben dem Ganzen eine spirituelle Komponente dazu gegeben", sagt Paul mit seinem britischen Akzent. Er selbst ist vor 20 Jahren aus Großbritannien nach Äthiopien gekommen. "Die Religionen betreffend, wurden wir sowohl von der Römisch-Katholischen Kirche als auch von der Protestantischen Kirche versklavt."

Der Rastafari-Glaube basiert auf einer speziellen Interpretation des Alten Testaments. "Die Bibel war das Einzige, was wir als Sklaven lesen durften. Wir können uns auch mit der Geschichte der Juden identifizieren, die nach Ägypten gingen und dort 400 Jahre lang Sklaven waren", erklärt Paul. Für die Rastafaris liegt das Heilige Land allerdings in Äthiopien. Von jeder Wand in Ras Pauls Büro blickt das feine Gesicht von Haile Selassie auf ihn herunter.

Ras Paul in Shashamane (DW/M. Gerth Niculescu)

Ras Paul kam einst aus Großbritannien nach Äthiopien

Die ersten Rastafaris ziehen zwischen Ende der 1960er und Mitte der 1970er Jahre nach Shashamane. Eine zweite Welle kommt Anfang der Neunziger Jahre nach Ende des äthiopischen Bürgerkriegs aus Jamaika. Zwischen beiden Generationen herrscht heute eine Kluft: Die ältere Generation zieht es vor, nicht über ihre Vergangenheit zu sprechen, die sie als traumatisch beschreibt. Sie glaubt, dass die Neuankömmlinge es leichter hätten als sie und deshalb nicht berechtigt seien, im Namen der Gemeinschaft zu sprechen.

"Jahrzehntelang hatten sie die politische Macht in unserer Gemeinschaft, weil sie eine gewisse Legitimität hatten. Viele Jahre lang waren sie die einzigen, denen diese Berechtigung zuerkannt wurde", erinnert sich Paul. "Hier kommt es nun zu einem Konflikt. Ich habe das persönlich miterlebt." Er bedauert, dass seine Gemeinschaft bis zu einem gewissen Grad "dysfunktional" sei. Interne Streitigkeiten, wirtschaftliche Existenzkämpfe und Schwierigkeiten bei der Integration in die äthiopische Gemeinschaft haben viele Rastafaris dazu gebracht, die Gemeinschaft zu verlassen. Sie suchen entweder Arbeit in der Hauptstadt Addis Abeba oder ziehen in ein anderes Land. Nur noch etwa 200 leben in Shashamane. In den späten 1990er Jahren waren es noch zirka 2000.

Die Aufenthaltserlaubnis reicht nicht

Vor kurzem hat die äthiopische Regierung damit begonnen, Aufenthaltsgenehmigungen an Rastafaris auszuhändigen, die seit über zehn Jahren im Land leben. Dies hat ihnen nicht nur das Recht gegeben, legal in Äthiopien zu leben. Sie sind nun auch von Zahlungen befreit, die alle Menschen ohne gültige Papiere leisten müssen, wenn sie die Grenzen Äthiopiens überqueren wollen. Ras Paul: "Jetzt können sie reisen, ihre Familien sehen, sie können zurückkommen, wann sie wollen. Ich schätze, etwa ein Drittel der Bevölkerung ist mittlerweile außerhalb des Landes." Durch die Aufenthaltserlaubnis bekommen die Rastafaris den Status eines "ausländischen Staatsangehörigen äthiopischer Herkunft". Sie wurde als wichtiger Schritt zur Anerkennung und Integration der Rastafari-Gemeinschaft gefeiert. Die Rastas haben nun das Recht zu arbeiten und können ihre Kinder legal zur Schule schicken.

Äthiopien - Rastas Shashamane - Reiseroute (DW/M. Gerth Niculescu)

Ras Kawintessebys lange Reise von Triniad und Tobago nach Shashamane

Aber einigen reicht das nicht. "Ich halte mich für einen Äthiopier, der nach Hause zurückgekehrt ist. Ich habe nicht den Wunsch, dieses Land zu verlassen, um woanders zu leben", sagt zum Beispiel Ras Kawintesseb, der in Trinidad und Tobago geboren wurde. "Für mich würde es Sinn ergeben, äthiopischer Staatsbürger zu sein, aber nicht 'ausländischer Staatsangehöriger'. Deswegen habe ich mich um die äthiopische Staatsbürgerschaft beworben", erklärt der Musiker, der vor 23 Jahren in Addis Abeba angekommen ist. Kawintesseb ist mit einer Äthiopierin verheiratet. Durch seine Familie und durch seine mehrsprachige Musik ist er in engem Kontakt mit der äthiopischen Gemeinschaft. Dies ist nicht bei allen Rastafaris in Shashamane der Fall: Einige haben Angst, dass Äthiopier ihnen ihr Land wegnehmen wollen. Andere hatten keine Gelegenheit, Amharisch zu lernen oder sich in die äthiopische Kultur zu integrieren.

Ablehnung des Kolonialismus

Ras Paul würde sich gern mehr unter die Äthiopier mischen. "Aber die Lage ist wegen der politischen Probleme des Landes sehr angespannt und auch wegen der politischen Bedeutung, die der Schenkung zugemessen wird. Es gibt Angriffe auf Rastafaris, Land wird beschlagnahmt. Die meisten von uns haben schon Einbrüche erlebt, besonders am Geburtstag seiner Kaiserlichen Majestät. An unserem heiligsten Tag greifen sie uns an!", empört sich Paul. Nicht alle sind seiner Meinung. Es gäbe auch Äthiopier, die die Rastafaris schätzen und sich geschmeichelt fühlen, dass ihr Land als das Heilige Land angesehen wird. 

 Ras Kawintesseb bei seiner Lesestunde (DW/M. Gerth Niculescu)

Ras Kawtintesseb lebt gerne in Shashamane

Im Laufe der Zeit haben sich auch einige europäische Rastafaris in Shashamane niedergelassen. "Einige von ihnen sind weitaus belesener als die meisten Kariben", sagt Paul. "Rastafarische Brüder und Schwestern kommen aus allen Nationen, aus der ganzen Welt." Wenn es allerdings um die Landzuteilung geht, wird er kategorisch. Wenn einer Gruppe von Menschen über einen Zeitraum von 500 Jahren etwas angetan wurde, so stehe ihnen Wiedergutmachung zu. Niemand anderes habe das Recht, dieses geschenkte Land in Besitz zu nehmen, meint Paul und wird wütend: "Es gab Europäer, die zugeteiltes Land genommen haben und es an andere Europäer verkauft haben. Das ist Kolonialismus!" Hätten sich die Rastafaris doch hier niedergelassen, gerade um dem Kolonialismus in all seinen Formen zu entfliehen. Äthiopien - obwohl kurzzeitig während des Zweiten Weltkrieges durch das Königreich Italien besetzt - war nie eine offizielle Kolonie.

Der Musiker Ras Kawintesseb fühlt sich in Shashamane freier denn je, seine Spiritualität auszudrücken: "Als Musiker kann ich sie nicht nur leben, sondern ich habe die Freiheit, sie der Welt mitzuteilen: Einfache Ausrufungen, Sprechchöre und Schwingungen haben eine spirituelle Kraft", sagt er. "In der Schule, und auch im Allgemeinen, lernen wir kaum etwas über grundlegende Konzepte unseres inneren Geistes, unseres inneres Wesens", sagt Ras Kawintesseb und klettert auf seinen Lieblingsbaum, wo er sein tägliches Lesepensum absolviert. "Du musst selbst nach diesen Ideen suchen."

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