Die Mentoren der Kinder von Duisburg-Marxloh | Deutschland | DW | 05.12.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutscher Engagementpreis

Die Mentoren der Kinder von Duisburg-Marxloh

Beim Verein "Tausche Bildung für Wohnen" leben junge Erwachsene mietfrei und unterstützen dafür Kinder beim Lernen. Der Duisburger Verein ist einer der Preisträger des diesjährigen Deutschen Engagementpreises.

Bildungspatin Sara Brzoska mit Deutschlernern Ved und Azrin (DW/D. Ehl)

Bildungspatin Brzoska mit Schülern Ved und Azrin: "Eine schöne Zukunft gestalten"

Azrin brütet über einem Satz: "Igel sind sehr haben stachlig." Die Neunjährige muss das falsche Wort darin finden. Sie liest ihn langsam vor, dann streicht sie das Wort "sehr" mit dem Kugelschreiber durch. Richtig? Sara Brzoska liest den Satz mit ihr gemeinsam - dann holt sie aus einem roten Körbchen am Ende des Tischs ein Fläschchen Tipp-Ex und tüncht Azrins Striche. Nach einem weiteren Anlauf steht die richtige Lösung auf dem Blatt: "Igel sind sehr stachlig." Bei den meisten anderen Sätzen auf dem Arbeitsblatt findet die neunjährige Azrin den Fehler auf Anhieb.

Azrin ist eines von derzeit etwa 60 Kindern, die zwei Mal in der Woche in die "Tauschbar" im Duisburger Stadtteil Marxloh kommen, um gemeinsam mit Bildungspaten wie Sara Brzoska zu lernen. Als Gegenleistung für ihre Arbeit dürfen die Bildungspaten kostenfrei in Wohnungen des Trägervereins wohnen, der dieses Konzept bereits im Namen trägt: "Tausche Bildung für Wohnen". Der Verein ist seit 2012 in Marxloh aktiv und hat seitdem laut eigener Darstellung mehr als 500 Kinder unterstützt. 

Engagementpreis für "Tausche Wohnen für Bildung"

Dafür hat der Verein nun den Deutschen Engagementpreis erhalten. Zu den weiteren Preisträgern zählen etwa die Anti-Hatespeech-Gruppe "Ich bin hier" und das Projekt "Obdachlose zeigen Schülern ihr Berlin". Einen Sonderpreis erhielten die Bürger von Ostritz in Sachsen, die sich mit Friedensfesten gegen ein Neonazi-Festival in ihrem Ort positioniert haben. Der Preis wird jedes Jahr am Tag des Ehrenamtes, dem 5. Dezember, verliehen und ist in diesem Jahr mit insgesamt 45.000 Euro dotiert. Zu den Förderern des Deutschen Engagementpreises gehören unter anderem das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die Deutsche Fernsehlotterie und die Deutsche Bahn Stiftung.

Syrerin Azrin beim Verein Tausche Bildung für Wohnen (DW/D. Ehl)

Syrerin Azrin im Fischzimmer: "Wir mussten wegziehen, weil da Krieg ist"

Für "Tausche Bildung für Wohnen" ist es nicht die erste Auszeichnung: Im Büro von Standortleiterin Anna-Sophie Hippke stehen bereits ein paar Preise auf einem halbhohen Regal, darüber hängen Urkunden an der Wand mit Titeln wie "Deutscher Nachbarschaftspreis" und "Deutschland, Land der Ideen". "Wir wollten halt Dinge zusammenbringen", sagt Hippke über die Idee des Vereins. "Hier in Duisburg-Marxloh stehen viele Wohnungen leer, und gleichzeitig gibt es in der Bevölkerung viele Menschen, die Unterstützung brauchen."

Zweitsprache Deutsch

Marxloh ist verlässlich unter den ersten Google-Treffern, wenn man "Problemviertel Deutschland" eingibt, manche Medien finden noch weit drastischere Formulierungen. In den Berichten geht es seltener um die rekordverdächtige Anzahl an Brautmodegeschäften, sondern um Zuwanderung: Laut neuesten Zahlen der Stadt haben drei von vier Einwohnern Migrationsgeschichte. Fast 57 Prozent sind Ausländer, so viele wie nirgends sonst in Duisburg.

Anna-Sophie Hippke (DW/D. Ehl)

Standortleiterin Hippke: "Kommunikation oft schwierig"

Der Stadtteil war zu Zeiten der Industrialisierung als Arbeitersiedlung entstanden. Während des Wirtschaftsaufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg zogen hier viele Gastarbeiter aus der Türkei ein. Als die Stahlbranche den Strukturwandel zu spüren bekam, blieben leere Wohnungen und arbeitslose Arbeiter zurück: Zwei von fünf Marxlohern leben von Transferleistungen wie "Hartz IV". Arbeitslose Eltern schicken ihre Kinder seltener in die Kita als erwerbstätige Eltern - und wenn zu Hause eine andere Sprache gesprochen wird, kann der erste Schultag der erste Kontakt mit der deutschen Sprache sein.

Lesen und leben lernen

Der Ansatz der Vereinsgründer Christine Bleks und Mustafa Tazeoğlu ist, gleichzeitig Bildung und junge Menschen nach Marxloh zu bringen: "Tausche Bildung für Wohnen" unterhält zwei Wohngemeinschaften ganz in der Nähe der Tauschbar. Dort lebt auch zur Zeit Sara Brzoska. Die 20-jährige Gelsenkirchenerin ist einer von derzeit sechs jungen Menschen, die ihren Bundesfreiwilligendienst beim Verein absolvieren. Der siebte Bildungspate ist Student. 

Brzoska ist seit Oktober mit an Bord. An diesem Nachmittag sind zwei Kinder bei ihr, Azrin und der zehnjährige Ved - Jwan kommt heute erst später. Sie sitzen auf einer niedrigen Bank im Fischzimmer. Es ist nach dem Aquarium benannt, in dem statt Wasser und echter Fische allerdings nur gebastelte Fische aus buntem Pappkarton schwimmen. "Ich hätte lieber echte Fische, die würde ich füttern", sagt Azrin.

Tauschbar-Haus in Duisburg-Marxloh (DW/D. Ehl)

"Tauschbar"-Haus in Duisburg-Marxloh: Weit mehr als Lernförderung

Schon über 40 Bildungspaten haben sich beim Verein engagiert, einige von ihnen auch länger als ein Freiwilligenjahr. Ihre Arbeit geht weit über Lernförderung hinaus, sagt Sara Brzoska: "Ich versuche, den Kindern eine schöne Zukunft zu gestalten - dass sie wissen, dass Bildung ganz, ganz wichtig ist." Ganz wichtig seien auch die Sozialkompetenzen, die die Kinder bei ihren Besuchen vermittelt bekommen: "dass sie einander mit Respekt begegnen ohne Gewalt, dass sie ehrlich sind und offen für neue Kulturen und Religionen, dass sie weltoffen sind." Die jungen Erwachsenen werden so oft zu Vorbildern und Mentoren weit über Nachhilfe hinaus.

Flucht bringt neue Herausforderungen 

Die pädagogischen Grundlagen vermittelt "Tausche Wohnen für Bildung" angehenden Bildungspaten in einem Qualifizierungsmonat zu Beginn des Freiwilligenjahrs, aber auch in regelmäßigen Workshops. Einmal im Monat kommt eine externe Trainerin zur Supervision, um den Freiwilligen Gelegenheit zur Reflexion zu bieten. Schließlich kann so manches, was die Kinder erzählen, auch für sie zur Belastung werden: "Einige der Kinder erzählen von Gewalt zu Hause, und das nimmt einen dann schon mit", sagt Sara Brzoska. Einmal hätte ein Kind sogar von seiner Flucht in einem überfüllten Schlauchboot erzählt, und von der Angst, herauszufallen. 

Tauschbar-Besucher (DW/D. Ehl)

Tauschbar-Besucher: Verändert Zielgruppe seit 2015

Mit der Ankunft vieler Flüchtlinge 2015 hat sich auch die Zielgruppe des Vereins verändert. Anfangs seien hauptsächlich Kinder, deren Familien aus der Türkei stammen, zur Lernförderung gekommen, dann habe der Anteil an syrischen Kindern stark zugenommen, sagt Standortleiterin Hippke. Auch die neunjährige Azrin erzählt unvermittelt, sie sei in Syrien geboren worden - "aber wir mussten leider wegziehen, weil da Krieg ist". Viele Kinder hätten einen Fluchthintergrund, "eigentlich alle" einen Migrationshintergrund, sagt Hippke. "Viele sind der deutschen Sprache nicht mächtig. Das sind schon die größten Probleme. Wir arbeiten hauptsächlich am Deutsch mit den Kindern." Auch mit den Eltern sei die Kommunikation oft schwierig.

Leere Kassen

Die größte Herausforderung für "Tausche Bildung für Wohnen" ist aus Hippkes Sicht jedoch die Finanzierung: Die zur Tauschbar umfunktionierte Altbauwohnung überlässt die katholische Kirche dem Verein zwar mietfrei, trotzdem fallen in Duisburg jährliche Kosten von 200.000 Euro an. Öffentliche Fördertöpfe stehen zwar bereit, sind allerdings mit so viel Bürokratie und damit Personalkosten verbunden, dass Hippke abwägen muss, was sich lohnt.

Stattdessen bestreitet der gemeinnützig anerkannte Verein seine Arbeit hauptsächlich mit Spendengeldern. Deshalb will "Tausche Bildung für Wohnung" aufs Ganze gehen, sodass bei ähnlichem Verwaltungsaufwand mehr Kinder profitieren: Seit Februar 2019 gibt es einen zweiten Standort im Gelsenkirchener Stadtteil Ückendorf. Hippke hofft, dass weitere Orte hinzukommen.

Zurück im Fischzimmer ist Azrin inzwischen fertig mit ihrem Arbeitsblatt. Sie hat richtig erkannt, dass in "Der Löwe jagt das Zebra" das Wort "laufen" nichts zu suchen hat, und hat auch sonst nur wenige Fehler gemacht. Besonderes Lob von seiner Bildungspatin Brzoska bekommt an diesem Tag aber Ved: Er hat die Übung zum ersten Mal komplett ohne Fehler geschafft.

Die Redaktion empfiehlt