Die Medien haben ein Frauenproblem | Kultur | DW | 07.03.2018
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Gesellschaft

Die Medien haben ein Frauenproblem

Frauen machen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus, aber in den Nachrichten ist das nicht zu sehen. Wenn Medien wie die DW zu wenige Expertinnen zu Wort kommen lassen, gehen wichtige Geschichten verloren.

Vor zwei Jahren bemerkte Wissenschaftsjournalist Ed Yong, dass in seinen Artikeln ganz offensichtlich keine Gleichberechtigung herrschte was die zitierten Experten anging. Yong hatte sich von einer Kollegin beim Atlantic Magazin, Adrienne LaFrance, inspirieren lassen und begann wie sie, die eigenen Artikel genauer unter die Lupe zu nehmen. Das Ergebnis: In den 23 Stücken, die er 2016 bis zu diesem Zeitpunkt geschrieben hatte, waren nur 24 Prozent der Menschen, die er zitiert hatte, Frauen. Yong beschloss, seine Arbeitsweise zu ändern.

"Ich glaube, es ist nicht nur die Aufgabe eines Journalisten, wiederzugeben, was in der Gesellschaft passiert. Journalisten haben auch eine besondere Verantwortung, weil sie die Gesellschaft prägen", sagt Yong. "Wir erschaffen die Welt um uns herum in gleichem Maße, wie wir über sie berichten. Adrienne habe das schon richtig gesagt in ihrem Artikel, als sie schrieb, dass sie selbst zu einem System beitrug, in dem Stimmen von Frauen weniger wert sind und ihre Beiträge heruntergespielt werden. Das ist nicht die Welt, in der ich leben oder zu deren Erhalt ich beitragen will."

Obwohl die Hälfte der Weltbevölkerung weiblich ist, sind Frauen und Mädchen in den Medien stark unterrepräsentiert. Männer dominieren nicht nur die Medienindustrie indem sie Themen in Redaktionssitzungen bestimmen, Artikel schreiben und ihre Meinung in Kommentaren kundtun. Sie sind häufig auch diejenigen, über die berichtet wird.

Überall auf der Welt benachteiligt

Die Zahlen aus Yongs Arbeit decken sich mit denen von Medien aus der ganzen Welt. Das belegt eine Studie des Global Media Monitoring Projekts, die sich mit Gender Ungleichheit in den Nachrichten beschäftigte. 2015 machten Frauen nur 24 Prozent der Menschen aus, die in Zeitungen, Radio- und Fernsehnachrichten zu Wort kamen. 2010 war das Ergebnis das gleiche.

Infografik Frauenanteil in nationalen Parlamenten weltweit - ausgewählte Länder DEU

Auch in den meisten nationalen Parlamenten sind Frauen in der Minderheit

Bei der Online-Berichterstattung sieht es nicht anders aus – das gilt auch für die Deutsche Welle. Eine Untersuchung der englischsprachigen Nachrichten von DW News zeigt, dass die Deutsche Welle zwar über dem Durchschnitt liegt, aber auch, dass noch Luft nach oben ist. In 30 englischen Artikeln, die unsere Nachrichtenredaktion vom 1. bis 10. Februar  veröffentlichte, waren 29 Prozent der zitierten Sprecher, Experten oder Protagonisten weiblich. 

'Da bin ich keine Expertin'

Die amerikanische Journalistin Lauren Bohn hat mit der unausgeglichenen Repräsentation von Männern und Frauen in den Medien vor allem zu kämpfen, seit sie nach Ägypten gezogen ist, um über den Nahen Osten zu berichten. Sie war erschüttert darüber, in wie wenigen Artikeln über den Arabischen Frühling Frauen vorkamen.

"Es gab so viele Frauen, die etwas zu sagen hatten über die Ereignisse auf dem Tahrir Platz oder Syrien oder Tunesien", sagt Bohn. "Aber aus irgendeinem Grund tauchten in meinen Artikeln – obwohl ich darauf achtete – hauptsächlich Männer auf. Und die Mehrzahl der Männer, die zitiert wurden, waren nicht nur weiße Männer, sie saßen auch noch in Washington D.C. oder New York City."

Sie begann darauf zu achten, mehr mit Frauen zu arbeiten, musste aber bald feststellen, dass es nicht reichte, Expertinnen einfach um ein Zitat zu bitten. Sie hielten sich oft zurück, wohingegen Männer bereitwillig zu allem ihre Meinung kundtaten.

Arabischer Frühling 2011 (picture alliance/landov)

Über die Erlebnisse von Frauen während des Arabischen Frühlings wurde nur wenig berichtet

Aufgrund dieser Erfahrungen gründeten Bohn und die türkisch-amerikanische Gelehrte Elmira Bayrasli Foreign Policy Interrupted (FPI), ein Stipendienprogramm und Bildungsforum, dass das Verhältnis von Männern und Frauen, die sich in den Medien über Außenpolitik äußern, ändern soll. 

Durch FPI kommen Journalistinnen und Expertinnen in Kontakt mit Redaktionsleitungen, Producern, Denkfabriken und den Veranstaltern von Konferenzen. Außerdem werden über das Programm auch Interviewtrainings und Workshops über das Schreiben und Verkaufen von Artikeln für freie Journalistinnen angeboten. Ein wöchentlicher Newsletter stellt die Arbeit verschiedener Frauen vor und macht Schluss mit Vorurteilen wie 'Zu Nordkorea gibt es keine Expertinnen'.

Nur eine Viertelstunde mehr

Yong legte eine Tabelle an, um zu dokumentieren, wie er mit der Suche nach weiblichen Interviewpartnern vorankam. Er sagt, er brauchte rund eine Viertelstunde länger, um nachzuschauen, ob es eine Expertin gab, die er für seinen jeweiligen Artikel interviewen könnte. Schwierig, Frauen zu finden, die sich auskennen, sei es aber überhaupt nicht gewesen. Nach vier Monaten, in denen Yong bewusst daran gearbeitet hatte, machten Frauen 50 Prozent der Personen aus, die er in seinen Artikeln zitierte.

Bei der Deutschen Welle sagt Nachrichtenchef Richard Walker über das Mengenverhältnis zwischen Männern und Frauen: "Wir haben keine festen Regeln. Es spiegelt einfach die Werte der DW wieder, dass wir keine Sendungen produzieren wollen, die wie eine Parade von Männern in Anzügen aussehen."

Was ist mit diesem Artikel, der auf nur 33 Prozent kommt, mit Zitaten von zwei Männern und einer Frau? Nun, Frauen können Veränderungen nicht alleine herbeiführen, und Männer wie Ed Yong sagen, dass sie das auch nicht müssen sollten.

"Es geht nicht nur um Vielfalt"

"Ich denke, dass Männer für diese Sache ernsthaft Verantwortung übernehmen sollten", so Yong. "Wenn man sich anschaut, dass Männer in den Redaktionen in der Überzahl sind, in der Medienwelt systematisch Vorteile genießen und auch öfter zitiert werden, dann liegt es für mich auf der Hand, dass sie auch mehr Verantwortung haben, dieses Ungleichgewicht auszugleichen."

Mal abgesehen von der Verantwortung liegt ein ausgeglichenes Verhältnis laut Lauren Bohn auch im Interesse der Männer.

"Es geht nicht nur um Vielfalt", sagt Bohn. "Wenn man die Expertise, das Wissen und die Erlebnisse von Frauen nutzt, dann bekommt man ein besseres Produkt. Davon hat jeder etwas."

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