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Die Le Pens: Ein ganz normale Familie?

Peter Hille7. Dezember 2015

Marine Le Pen hat den Übervater beiseite geschoben, gewinnt Wahlen und will nun in den Élysée-Palast. Für viele Franzosen ein Alptraum. Für Psychologen ein Fall für Freud. Frankreichs bekannteste Sippe auf der Couch.

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Jean-Marie und Marine Le Pen (Photo: JEFF PACHOUD/AFP/Getty Images)
Bild: AFP/Getty Images/J. Pachoud

Sind sie die interessanteste Familie Frankreichs? Serge Hefez muss kurz auflachen. Aber dann sagt er: "Ja natürlich, für einen Psychoanalytiker ist das alles sehr interessant." Die Le Pens hätten all das zu bieten, was die Psychoanalyse liebe, so der Familientherapeut aus Paris im DW-Gespräch.

Ganz deutlich sehe man die "Urhorde" am Werk, den Ur-Familienverbund, in dem laut Darwin und Freud um Führerschaft und Sexpartner gekämpft wurde. "Wir haben den einst allmächtigen Tyrannen Jean-Marie Le Pen. Dann gibt es inzestuöse Andeutungen, Jean-Marie Le Pen selbst hat seine Beziehung zur Tochter einmal mit einer Ehe verglichen."

Und dann noch die Kämpfe zwischen den Generationen. "Es geht bei den Le Pens zu wie in der Mythologie, wie in der verfluchten Familie des griechischen Halbgotts Tantalos, in der sich in jeder Generation ein Mörder gegen die eigene Sippe wendet."

Vatermord und Entteufelung

Die aktuelle Vatermörderin? Marine Le Pen. 2011 übernahm die Anwältin den Parteivorsitz von ihrem Vater Jean-Marie, von dem sie blondes Haar, tiefe Stimme und rechte Gesinnung geerbt hat. Im August 2015 warf sie ihn aus der Partei, nachdem er, Provokateur, Islamfeind und Antisemit, die Gaskammern der Nazis erneut als "Detail der Geschichte" bezeichnet hatte.

Ihr erklärtes Ziel: den Front National zu "entteufeln". Das scheint ihr gelungen zu sein, obwohl auch sie auf Nationalismus setzt, die Todesstrafe wieder einführen will und die EU verdammt. Nach dem Erfolg bei der Europawahl 2014 ist der Front National aus der ersten Runde der Regionalwahlen am Sonntag erneut als stärkste Kraft hervorgegangen.

Frankreich Jean-Marie und Marine Le Pen (Photo: MEHDI FEDOUACH/AFP/Getty Images)
Der Patriarch steht mittlerweile im Schatten seiner TochterBild: Mehdi Fedouach/AFP/Getty Images

"Damit ist der Vatermord vollendet", sagt Psychologe Hefez. "Sie hat ihn besiegt, sie hat jetzt das erreicht, was ihr Vater niemals schaffte. Mit diesem Wahlerfolg hat sie ihren Vater in die Versenkung verabschiedet." Sie habe der Partei ein ganz neues und anderes Gesicht gegeben. "Der Front National scheint nun fast so normal wie andere Parteien auch zu sein."

"Die gefährlichste aller Le Pens"

Politisch hat sie damit eine Dynamik in Gang gesetzt, die ihr das Präsidentenamt bei den Wahlen 2017 bescheren könnte. Und die familiäre Dynamik? Ist laut Psychologe Hefez noch lange nicht am Ende. "Der Generationenkonflikt wird sich mit Sicherheit wiederholen. Und zwar zwischen Tante und Nichte. Von Marion Maréchal-Le Pen darf man jetzt den "Tantenmord" erwarten."

Frankreich Front National Marine Le Pen mit Marion Marechal Le Pen (Foto: Getty Images/ AFP/A. C. Poujoulat)
Weiter rechts, aber genauso erfolgreich wie ihre Tante: Marion Maréchal-Le Pen.Bild: Getty Images/AFP/A. C. Poujoulat

Marion Maréchal-Le Pen, fast 26 Jahre alt, von vielen als hübsch bezeichnet, mindestens ebenso blond wie ihre Tante Marine und der Rest des Klans. Vom Großvater in die Politik gedrängt, wurde sie 2012 als 22-Jährige als jüngste Abgeordnete der Geschichte in die Nationalversammlung gewählt.

"Manche sehen sie ja schon als Ikone", sagte Maréchal-Le Pens Herausforderer von den Konservativen, Christian Estrosi, vor der Wahl. Dabei sei Marion die Schlimmste, die Gefährlichste unter den Le Pens. "Sie ist die Extremste von allen", so Estrosi.

Im Gegensatz zu ihrer Tante stehe sie ganz in der Tradition des Großvaters und werde das vollenden, was Jean-Marie Le Pen begonnen habe. Die Homo-Ehe lehnt die strenggläubige Katholikin radikal ab, gegen Einwanderung wettert sie ähnlich provokant wie ihr Großvater. Auf dessen Armen warb sie schon als Zweijährige auf Wahlplakaten für den Front National.

Familienbande und Fremdenhass

Nun haben Nichte Marion und Tante Marine so gut abgeschnitten wie sonst niemand in der ersten Runde der Regionalwahlen. Jeweils mehr als 40 Prozent der Stimmen erhielten sie in ihren Wahlkreisen im Nordosten und im Südosten des Landes. "Der Kampf um die Macht wird sich nun zwischen diesen beiden Frauen abspielen", ist Hefez überzeugt.

Frankreich Front National Familie Le Pen bei einer Demo (Photo: Getty Images/AFP/E. Feferberg)
Familiäre Führungsriege: Nur Gilbert Collard (zweiter von links) gehört nicht zur FamilieBild: Getty Images/AFP/E. Feferberg

Er hat offensichtlich Spaß daran, die Le Pens auf die Couch zu setzen. Doch auch das Spielchen mit der Psychoanalyse hat seine Grenzen. "Dieses familiäre System ist ja das Abbild einer bestimmten Ideologie des Front National", sagt Hefez. "Das ist eine Ideologie, die alles Andersartige ablehnt. Man bevorzugt die Endogamie, schläft lieber mit der Schwester und Kusine als mit der Nachbarin. Die eigene Identität wird definiert durch die Ablehnung des Fremden."

Und da ist der Psychologe dann mit seiner Analyse am Ende. Denn die Familie Le Pen an sich sei ja nicht gefährlich. "Die Ideen hingegen, für die sie steht, sind es schon."